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Vorsicht: Steuerfalle für Kurzarbeiter

Das Kurzarbeitergeld ist zwar steuerfrei, wird vom Fiskus aber zur Ermittlung der persönlichen Steuerlast herangezogen. Einigen Beziehern drohen Nachzahlungen.

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Die Zahlung von Kurzarbeitergeld zieht Pflichten nach sich: Bezieher müssen eine Steuererklärung einreichen. Foto: dpa / Nolte

Die Zahlung von Kurzarbeitergeld zieht Pflichten nach sich: Bezieher müssen eine Steuererklärung einreichen. Foto: dpa / Nolte

Die Coronavirus-Pandemie hat massive Auswirkungen auf Unternehmen und Arbeitnehmer in Deutschland. Ganze Branchen standen oder stehen noch still, in anderen sank die Zahl der Aufträge derart ab, dass in den Betrieben nur noch wenig zu tun ist. In dieser besonderen Situation erhalten Unternehmen und ihre Mitarbeiter vielfältige finanzielle Hilfen der öffentlichen Hand. Das in seiner Breite wohl wichtigste und nach Meinung von Fachleuten wirksamste Instrument ist das Kurzarbeitergeld, das von der Bundesagentur für Arbeit grundsätzlich zwölf Monate lang gezahlt wird. In der Bundesregierung wird gerade über eine Verlängerung auf 24 Monate diskutiert.

Mithilfe des Kurzarbeitergeldes können Unternehmen bei Auftragsmangel die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter reduzieren oder - bei völligem Wegfall der Aufträge - die Angestellten für einige Zeit ganz nach Hause schicken ("Kurzarbeit null") ohne sie entlassen. Der Arbeitgeber spart durch die vorgenannten Maßnahmen Lohnkosten. Damit der Verdienstausfall beim Arbeitnehmer nicht zu groß wird, zahlt die Bundesagentur für Arbeit 60 Prozent, bei Beschäftigten mit Kindern 67 Prozent des entgangenen Nettoeinkommens aus. Der Bund der Steuerzahler und Gewerkschaften warnen jetzt allerdings: Die Zahlung von Kurzarbeitergeld kann dazu führen, dass Empfänger im kommenden Jahr Steuern nachzahlen müssen.

Ob das der Fall ist, wird über die Jahressteuererklärung des Beschäftigten vom Finanzamt geprüft. Jeder Beschäftigte, der in einem Jahr mehr als 410 Euro Kurzarbeitergeld bezogen hat, ist laut den Vorschriften des Einkommenssteuergesetzes zur Abgabe einer Erklärung verpflichtet, mahnt Claudia Kock, stellvertretende Vorsteherin des Finanzamtes Vechta. Steuerberater Martin Elbers (Kanzlei Dr. Koops & Partner, Vechta) ergänzt: "Nichtabgabe kann die Folge haben, dass das Finanzamt letztlich mit Schätzung des Einkommens und mit Verspätungszuschlägen reagiert."

Claudia Kock, stellvertretende Vorsteherin des Finanzamtes Vechta. Foto: KühnClaudia Kock, stellvertretende Vorsteherin des Finanzamtes Vechta. Foto: Kühn

Obwohl offiziell steuerfrei, wird das Kurzarbeitergeld trotzdem zur Ermittlung der persönlichen Jahressteuerlast herangezogen. Begründung des Gesetzgebers laut Kock: "Über die Einbeziehung soll annähernd Steuergerechtigkeit hergestellt werden."

Bund der Steuerzahler macht Beispielrechnungen auf

Rein technisch gesehen versteuert der Arbeitgeber monatlich nur den vom Beschäftigten bezogenen tatsächlichen Bruttolohn - je nach angemeldeter Kurzarbeitsstufe kann das mehr, weniger oder gar nichts sein. Bei "Kurzarbeit null" beträgt der Arbeitsausfall 100 Prozent, das Kurzarbeitergeld fließt.

Wie es zu einer Steuernachzahlung kommen kann, hat der Bund der Steuerzahler an Beispielen durchgerechnet. Ein verheirateter Alleinverdiener mit zwei Kindern (Steuerklasse 3) verdient monatlich 4500 Euro brutto. Er arbeitet allerdings nur neun Monate regulär, für drei Monate bezieht er Kurzarbeitergeld zu 50 Prozent. In diesen drei Monaten beträgt sein Brutto jeweils 2250 Euro plus 881 Euro Kurzarbeitergeld. Insgesamt erhält er im Jahr also Lohnersatzleistungen von 2643 Euro. Für die neun Monate mit regulärem Arbeitslohn hat er bereits 4329 Euro Lohnsteuer gezahlt, für drei Monate mit dem Arbeitslohn von 2250 Euro 81 Euro. Insgesamt sind das 4410 Euro. Inklusive Kurzarbeitergeld ergibt sich für 2020 eine festzusetzende Einkommensteuer von 4650 Euro. Ergebnis: Es müssen noch 240 Euro Steuern nachentrichtet werden.

Bezieht der oben beschriebene Arbeitnehmer zu 100 Prozent Kurzarbeitergeld in den drei Monaten, verändert sich die Steuersituation. Während für neun Monate unverändert 4329 Euro Lohnsteuer anfallen, bleiben die drei Monate mit 2072 Euro Kurzarbeitergeld steuerfrei. Es ergibt sich eine Jahressteuer von 3722 Euro - 607 Euro zu viel, die erstattet werden.

"Es werden auf jeden Fall mehr Arbeitnehmer sein, die uns ihre Erklärung einreichen."Claudia Kock, Stellvertretende Vorsteherin des Finanzamtes Vechta

Ob man nun mit Erstattung oder Nachzahlung zu rechnen hat, kann laut Bund der Steuerzahler nicht pauschal angegeben werden. "Steuerberater, Lohnsteuerhilfevereine und die gängigen Steuerprogramme können dies auf Knopfdruck darstellen."

Die Deutsche Steuer-Gewerkschaft geht für 2021 von bis zu drei Millionen mehr Steuererklärungen aus, die die Finanzämter bearbeiten müssen. Das meinte jedenfalls der Verbandsvorsitzende Thomas Eigenthaler in einem Gespräch mit dem Magazin "Focus". Wie viele Steuererklärungen nun zusätzlich auf das Finanzamt Vechta zukommen, kann Kock nicht beantworten, da dazu die Zahl der Kurzarbeitsgeldbezieher, die bislang nicht zur Abgabe einer Steuererklärung verpflichtet waren, bekannt sein müsste. "Es werden auf jeden Fall mehr Arbeitnehmer sein, die uns ihre Erklärung einreichen", ist sie aber sicher. Auch Elbers rechnet mit einem erhöhten Aufkommen an Steuererklärungen, die 2021 über seinen Schreibtisch wandern.

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