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Vor Ort und im Netz: Auf 2 Beinen steht der Handel stabil

Die Internet-Werbeprofis Timo Weigel und Maurice Brumund sehen die Ergänzung der stationären Geschäfte um einen Online-Auftritt als probaten Weg in die Zukunft.

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Einer der beiden Gründer der digitalen Werbeagentur "moin.media" in Vechta ist Timo Weigel aus Neuenkirchen-Vörden. Foto: Movement

Einer der beiden Gründer der digitalen Werbeagentur "moin.media" in Vechta ist Timo Weigel aus Neuenkirchen-Vörden. Foto: Movement

Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie haben vor allem den stationären Handel hart getroffen. Durch die im Frühjahr verordnete, mehrwöchige Schließung der Geschäfte und die danach folgenden Beschränkungen für die Geschäftswelt bis hin zum derzeitigen "Lockdown light" sind die Umsatzeinbußen vor Ort immens. Hauptursache: Wegen des Coronavirus meiden die Kunden die Städte. Wo sie bleiben? Bitkom, der Verband der Digitalbranche, hat festgestellt: Die Zahl der Online-Shopper wächst. Insgesamt 96 Prozent der Internetnutzer ab 16 Jahre – Bitkom beziffert die Zahl auf 57 Millionen Menschen – shoppen online.

"Die Unternehmen, die sich schnell an die neue Situation angepasst haben, sind die großen Gewinner."Timo Weigel, Co-Gründer der digitalen Werbeagentur "moin.vechta"

Dass sich gerade ein enormer Wandel im Kunden-  wie im Unternehmensverhalten vollzieht, davon lebt Timo Weigel. Er ist mit Partner Maurice Brumund Inhaber der im Jahr 2018 gegründeten digitalen Werbeagentur "moin.media" in Vechta. "Bei fast allen unseren Kunden findet aktuell ein enormer Umbruch statt. Einigen ist das Geschäft komplett weggebrochen." Es gibt aber auch die andere Seite: "Andere verzeichnen ein nie da gewesenes Wachstum. Die Unternehmen, die sich schnell an die neue Situation angepasst haben, sind die großen Gewinner. Wir betreuen beispielsweise einen Online-Shop für Puzzles, dessen Umsatz sich seit dem Sommer jeden Monat verdoppelt." Eine fast logische Folge der Corona-Beschränkungen sagt Brumund, denn "viele Menschen sind zu Hause und puzzeln."

Die Agentur wächst. "Beim ersten Lockdown ließ die Investitionsbereitschaft noch schlagartig nach. Die Unsicherheiten unserer Auftraggeber haben wir definitiv zu spüren bekommen. Inzwischen haben wir aber mehr Anfragen als jemals zuvor. Das liegt nicht nur an unserer wachsenden Bekanntheit. Die Unternehmen sind investitionsbereit. Durch Corona haben viele Firmen ihre Defizite in der digitalen Welt kräftig zu spüren bekommen und möchten jetzt nachholen", sagt Weigel.

Das geschieht nicht nur freiwillig, manche Firmen mussten digitalisieren, wollten sie überleben: "Wir begleiten auch einige Unternehmen, deren Geschäftsmodell bislang zu 100 Prozent auf dem persönlichen Kontakt beruht. Dazu zählen beispielsweise Weiterbildungsakademien. Hier mussten wir schnell ein digitales Angebot schaffen – Online-Seminare und Online-Coachings. Das hat in einigen Fällen sehr gut funktioniert, aber nicht in allen."

Auch eine eigene Idee, die "Cockbox", zündet in Corona-Zeiten

Ein anderes boomendes Beispiel in Coronazeiten ist "eine eigene Idee von uns, die Cockbox", erklärt der 24 Jahre alte Brumund. Die Box enthält alle Zutaten für einen Cocktailabend. "Besonders beliebt ist die Cockbox für Unternehmensevents. Jeder Mitarbeiter bekommt eine Box, dann schaltet sich einer unserer Barkeeper dazu, und gemeinsam werden dann die Drinks gemixt". In den vergangenen Wochen gab es Unmengen an Bestellungen. "Die Idee ist aus der aktuellen Situation heraus geboren. Die Welt hat sich in kurzer Zeit komplett geändert und damit die Bedürfnisse der Menschen. Wer sein Angebot auf diese neuen Bedürfnisse anpasst, ist vorne."

Alle Unternehmen sollten das Internet für sich nutzen, raten die beiden Web-Experten. So ließe sich Werbung auch im weltweiten Netz lokalisieren. Digitale und analoge Angebote werden "in Zukunft stärker miteinander verschmelzen", ist Weigel überzeugt. "Da ist beispielsweise der lokale Spielwarenladen, der nebenbei einen Online-Shop betreibt. Oder das Schuhgeschäft, bei dem ich mir online meinen Schuh zusammenstellen kann, der dann später im Laden frisch für mich gedruckt wird."

Wo stehen die Unternehmen in ihrer Kundenansprache in, sagen wir,  10 Jahren? Und: Was passiert mit unseren Innenstädten im ländlichen Raum? "Grundsätzlich hängt Zukunft immer auch von der Geschäftsgrundlage ab. Aber: Das Internet ignorieren, das halte ich für sehr gefährlich. Aber das ist ja nichts Neues", blickt Weigel in die Zukunft. "Präsenzläden haben Vorteile gegenüber Online-Shops, wie den sofortigen Zugang zum Produkt, das Aus- oder Anprobieren, die persönliche Beratung und vieles mehr. Deswegen werden wir auch in Zukunft solche Läden haben. Allerdings nur in Kombination mit einer vernünftigen Internetpräsenz."

Mitgründer von moin.media: Maurice Brumund. Foto: MovementMitgründer von "moin.media": Maurice Brumund. Foto: Movement

"Die Innenstädte werden vermutlich bald von Dienstleistungs- und Event-Unternehmen dominiert werden", wagt Brumund eine Voraussage. "Durch den technischen Fortschritt werden bestimmt auch noch spannende Dienstleistungen hinzukommen, die wir jetzt noch gar nicht kennen", ist er sicher.

Die Ansichten des Duos unterstützt die Bitkom-Umfrage. Zweidrittel der Internetnutzer (66 Prozent) in Deutschland vermissen in der Corona-Pandemie ein Online-Angebot ihrer Geschäfte vor Ort. 79 Prozent haben auch die konkrete Sorge, dass Einzelhändler in ihrer Region das Corona-Jahr wirtschaftlich nicht verkraften. Dabei wollen die Internetkäufer durchaus ihren örtlichen Handel unterstützen, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Er rät deshalb: „Auf 2 Beinen – vor Ort und im Netz – steht man als Einzelhändler auch in Krisenzeiten stabil.“

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