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Von der Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen

Fünf Jahre nach dem Dieselskandal stehen zum ersten Mal Automanager vor Gericht.

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Der Auto- und Maschinenbau war über die letzten Jahrzehnte immer das Flaggschiff der deutschen Industrie. Verlässlich fuhren die großen Marken Rekordgewinne ein. Dann kam der Dieselskandal. Ausgangspunkt: Volkswagen.

Dort hatte sich mit dem Machtantritt von Ferdinand Piëch eine Unternehmens-Unkultur ausgebreitet, die dazu führte, dass die führenden Techniker lieber ein Betrugssystem erfanden, als den Konzernführern zu widersprechen, schon gar nicht dem Adlatus des großen Aufsichtsratsvorsitzenden, Martin Winterkorn. Die Folge war die größtmögliche Rufschädigung der großen Firma. Und nicht nur der. Denn auch Daimler und BMW waren verstrickt.

Jetzt kommt es zum ersten Strafprozess in Deutschland wegen der Abgasaffäre, gut fünf Jahre, nachdem der Skandal ruchbar wurde. Das Ganze dürfte sich hinziehen. Vom 30. September an stehen der frühere Audi-Chef Rupert Stadler und drei weitere Angeklagte wegen Betrugsverdacht vor dem Landgericht in München.

"Es erscheint bei dem in Wolfsburg obligaten Überwachungssystem völlig unrealistisch, dass die oberste Konzernspitze nichts von den betrügerischen Machenschaften wusste."Dirk Dasenbrock

Die große Wirtschaftskammer des Gerichts hat 176 Verhandlungstermine angesetzt – bis Ende 2022. So viel Zeit wird wohl auch nötig sein, um aufzuklären, was bei Audi und der Konzernmutter Volkswagen geschehen ist. Wie es dazu kam, dass trickreiche Ingenieure im VW-Konzern jahrelang die Abgasreinigung von Diesel-Fahrzeugen manipulieren konnten, ohne dass dem Einhalt geboten wurde. Es erscheint bei dem in Wolfsburg obligaten Überwachungssystem völlig unrealistisch, dass die oberste Konzernspitze nichts von den betrügerischen Machenschaften wusste.

Stadler kommt also vor Gericht. Und Martin Winterkorn, der ehemaligen CEO von Volkswagen, der auch mal Chef bei Audi in Ingolstadt war? Dem dann – genau – Stadler in Ingolstadt auf dem Posten des Audi-Chefs nachfolgte. Winterkorn ist die weitaus prominenteste Figur in der ganzen Affäre. Gegen ihn liegt schon seit April 2019 eine Betrugsanklage beim Landgericht Braunschweig vor; die gegen Stadler folgte erst gut drei Monate später. Das Ganze ist eine rechte Räuberpistole. Von den geradezu sittenwidrigen Boni für diverse Manager ganz zu schweigen. Die Verantwortlichen handelten komplett verantwortungslos.

Wie konnte es dazu kommen?

Diese Wirtschafts-Geschichte geht zurück ins 19. Jahrhundert. Gottlieb Daimler und Rudolf Diesel haben das Auto, so wie wir es kennen, erfunden. Henry Ford machte in den USA daraus ein Produkt für die Massen. Das 20. Jahrhundert war das Auto-Jahrhundert. In Deutschland feierte deutsche Wertarbeit Triumphe. Der Käfer für die kleinen und der Daimler für die großen Leute – das war der Goldstandard.

Dann kam die immer weitergehende Globalisierung. Irgendwann hießen die Konzernlenker nicht mehr Direktor, sondern CEO. Und die haben im 21. Jahrhundert Elektro schlicht verschlafen. Für Elon Musk hatten sie nur ein müdes Lächeln. Das ist ihnen inzwischen eingefroren. Das Ganze ist keine Petitesse, es betrifft die deutsche Industrie gravierend.

Ach ja: Im November 1881 präsentierte Gustave Trouvé in Paris ein voll funktionsfähiges Elektroauto. Es hat dann noch ein bisschen gedauert.

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