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Ukraine-Flüchtlinge spielen auf dem OM-Arbeitsmarkt bislang keine Rolle

Trotz Fachkräftemangel im Oldenburger Münsterland und des Beginns der Erntesaison bleiben die Arbeitgeber zurückhaltend. Auch die Geflüchteten fragen derzeit nicht um Arbeit nach.

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Die landwirtschaftlichen Betriebe im OM haben – anders als vor 2 Jahren – in diesem Jahr eine ausreichende Zahl an Erntehelfern anwerben können. Foto: pixelio/Drücker

Die landwirtschaftlichen Betriebe im OM haben – anders als vor 2 Jahren – in diesem Jahr eine ausreichende Zahl an Erntehelfern anwerben können. Foto: pixelio/Drücker

Mit Beginn des Angriffskrieges von Russland auf ihr Land ist die Zahl der Menschen, die aus der Ukraine fliehen, in die Millionen gestiegen. Seit dem Einmarsch russischer Truppen am 24. Februar ist auch Deutschland Ziel von traumatisierten Opfern des Krieges, deren Heimat zerstört ist. Bis zum vergangenen Freitag, so das Bundesinnenministerium, wurden über 320.000 Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland festgestellt. In seiner jüngsten Mitteilung spricht der Landkreis Vechta von rund 1200 (offiziell gemeldeten) geflüchteten Ukrainern in seinem Gebiet. Im Landkreis Cloppenburg waren es in der vergangenen Woche rund 1650 Menschen.

In Deutschland werden die Geflüchteten mit großer Solidarität aufgenommen. Staatliche und private Stellen helfen und unterstützen die oft traumatisierten Menschen. Im Oldenburger Münsterland (OM) engagiert sich zum Beispiel das Bündnis „OM-hilft“ in der materiellen und psychischen Hilfe für die Geflüchteten (OM-Online berichtete).

Gibt es eine hohe Nachfrage im OM nach Arbeitskräften aus der Ukraine?

Wirtschaftsverbände erwarten, dass Flüchtlinge aus der Ukraine auch zu einer Entlastung des angespannten deutschen Arbeitsmarktes beitragen werden. Auch im Oldenburger Münsterland ist der Fachkräftebedarf hoch, außerdem stehen Gemüse- und Obstbauern am Beginn ihrer Saison. Aber: Können die Geflüchteten überhaupt in den regionalen Arbeitsmarkt integriert werden? Existiert die angenommene hohe Nachfrage der Unternehmen tatsächlich?

Die Caritas ist einer der Partner im Bündnis "OM hilft". Viele Geflüchtete befinden sich "noch in der Phase des Ankommens. Sie müssen sich orientieren, ihren Platz finden", sagt Dietmar Fangmann vom Landescaritasverband Oldenburg.  „Noch", so weiß er, "ist das Thema Arbeit für viele Geflüchtete nicht aktuell". Beratungen "zum Thema Arbeitsaufnahme sind derzeit eher selten". Häufig gehe es um Fragen der Erstversorgung in der neuen Umgebung, wie die Anmeldung der Kinder in Kindergarten oder Schule, auch um das große Thema Wohnen.

Bei den Flüchtlingen aus der Ukraine gehe es derzeit um das Ankommen, noch nicht um die Arbeitsaufnahme, so Dietmar Fangmann vom Landescaritasverband Oldenburg. Foto: KattingerBei den Flüchtlingen aus der Ukraine gehe es derzeit um das "Ankommen", noch nicht um die Arbeitsaufnahme, so Dietmar Fangmann vom Landescaritasverband Oldenburg. Foto: Kattinger

Man erlebe derzeit aber, "dass die Nachfrage nach Sprachkursen sehr hoch ist. Die Kreisvolkshochschule Vechta hat beispielsweise in dieser Woche den ersten Kurs mit 20 ukrainischen Frauen gestartet". Junge Menschen würden sich insbesondere mit Fragen zur Studienaufnahme oder Übersetzung und Anerkennung von Zeugnissen an die Jugendmigrationsdienste wenden.

Wie viele Personen tatsächlich aus der Ukraine nach Deutschland geflohen sind, lässt sich nicht feststellen. Ukrainer können ohne Visum in die Europäische Union einreisen und sich in EU-Mitgliedstaaten des Schengen-Raums frei bewegen. Nicht immer sofort sind die vor Ort Angekommenen offiziell durch die Kommunen und die Ausländerbehörden der Landkreise Vechta und Cloppenburg registriert.

Wollen Ukrainer eine Arbeitsstelle in Deutschland antreten, ist grundsätzliche Voraussetzung die Anmeldung bei der jeweiligen Wohnortgemeinde sowie die Erteilung einer Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Das gilt bislang weiter auch vor dem Hintergrund des am Donnerstag von Bund und Ländern getroffenen Beschlusses, dass Kriegsflüchtlinge ab dem 1. Juni staatliche Grundsicherung erhalten wie etwa Hartz-IV-Empfänger. Bisher bekommen die geflüchteten Ukrainer nach ihrer behördlichen Aufnahme die geringeren Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.

Kreise Cloppenburg und Vechta vergeben zurzeit "fiktive Arbeitserlaubnisse"

Für die Arbeitserlaubnis gelten derzeit die Details, die von den beiden Landkreisen Cloppenburg und Vechta in entsprechenden Allgemeinverfügungen vorgeben werden.  Auf dieser Grundlage "können sich die Geflüchteten regional im jeweiligen Landkreis auf dem Arbeitsmarkt bewegen, also sich direkt bei Unternehmen bewerben oder Stellen über Jobbörsen suchen", erklärt Tina Heliosch, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Vechta.

Eine direkte Meldung bei der Arbeitsagentur sei nicht nötig, die Flüchtlinge könnten aber "die Unterstützungsleistungen wie beispielsweise die Vermittlung in Arbeit in Anspruch nehmen".

Sollten sich die Geflüchteten selbst einen Job gesucht haben, "muss ein Arbeitgeber den Beschäftigten ganz normal sozialversicherungspflichtig anmelden. Voraussetzung ist die gültige, gegebenenfalls auch fiktive oder vorläufige Arbeitserlaubnis. Eine Einbindung der Arbeitsagentur ist auch hierbei nicht erforderlich", ergänzt Heliosch.

Die Arbeitsagentur kann Geflüchteten bei der Suche nach einem Arbeitsplatz umfassend helfen, sagt Tina Heliosch, Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Vechta. Foto: AgenturDie Arbeitsagentur kann Geflüchteten bei der Suche nach einem Arbeitsplatz umfassend helfen, sagt Tina Heliosch, Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Vechta. Foto: Agentur

Damit die in das OM Geflüchteten zügig eine Beschäftigung aufnehmen können, haben die Landkreise ihre Verfahren beschleunigt, indem sie auf Antrag zunächst eine "fiktive" Arbeitserlaubnis erteilen. Diese erhalten "alle volljährigen ukrainischen Staatsangehörigen, die sich seit dem 24. Februar 2022 mit einem Hauptwohnsitz in einer kreisangehörigen Gemeinde oder Stadt angemeldet haben", heißt es in entsprechenden Mitteilungen. Die fiktive Arbeitserlaubnis ist bis zum 30. Juni 2022 befristet. Für eine Arbeitsaufnahme reicht es "bis dahin aus, die Meldebescheinigung des Meldeamtes vorzulegen, ebenso wie den ukrainischen Pass".

Wollen Geflüchtete länger als bis zum 30. Juni bleiben, gilt derzeit, dass dafür die Erteilung eines Aufenthaltstitels zwingend erforderlich ist. Die Feststellung des Status als Flüchtling muss bei den Ausländerbehörden der Kreise beantragt werden. Der Status wird im Pass vermerkt. Ist ein biometrischer Pass nicht vorhanden, gibt es eine elektronische Variante. Der Aufenthalt wird dann bis Ende Februar 2024 gestattet. Mit der Aufenthaltserlaubnis gibt es die Arbeitserlaubnis, aber auch die Auflage für den Flüchtling, seinen Wohnsitz im Bereich des jeweiligen Landkreises zu nehmen.

Anfragen der hiesigen Unternehmen nach Arbeitskräften aus dem Kreis der Geflüchteten gibt es nur vereinzelt

Direkte Anfragen von Geflüchteten bei der Arbeitsagentur gab es bislang nur wenige, berichtet Heliosch. "Jetzt, wo die Arbeitserlaubnis befristet für die meisten vorliegt, wird sich dies ändern. Wir gehen von grundsätzlich gut und vielseitig ausgebildeten Menschen aus. Wir wollen die Menschen möglichst ausbildungsadäquat beraten und in Arbeit bringen, die ihrer Ausbildung entspricht. Andererseits: Soweit beispielsweise Sprache ein Thema ist und jemand schnell ohne weitere Sprachförderung arbeiten kann und will, werden wir sie oder ihn nicht davon abhalten, zunächst einen vielleicht niedriger qualifizierten Job anzunehmen." In welche Branchen man die Geflüchteten vermitteln könne, "das wird man sehen", erklärt Heliosch. Der Fachkräftebedarf im OM "ist nach wie vor in vielen Branchen groß". Anfragen von Unternehmen nach Vermittlung von Flüchtlingen gebe es allerdings bislang "nur vereinzelt".

Die Sprachbarriere oder die Tatsache, dass überwiegend Frauen und Kinder aus der Ukraine flüchten, die dem Arbeitsmarkt nicht ohne Weiteres zur Verfügung stehen, lässt die Unternehmen der Region bislang Zurückhaltung bei der Ansprache von Flüchtlingen üben. So berichtet auf Anfrage Dr. Johannes Wilking, Vorsitzender des Kreislandvolkes Vechta, dass es von Seiten der Landwirtschaft "eine große Nachfrage und einen großen Bedarf derzeit nicht gibt". Grundsätzlich stünden aktuell auf den Betrieben genügend Erntehelfer zur Verfügung. "Bis zum Juni deuten sich aktuell auch keine größeren Probleme an, danach überwiegt etwas die Unsicherheit, wie es in den Heimatländern der meisten Arbeitskräfte weitergeht. Selbst hier gilt aber, dass im Moment wenig Grund zur Sorge besteht und die Situation deutlich entspannter ist, als noch vor 2 Jahren."

Man wisse allerdings von einzelnen Betrieben, die Flüchtlinge aufgenommen haben, sagt Wilking. "Teilweise handelt es sich bei diesen Geflüchteten bereits um langjährige Saisonarbeitskräfte, die nun auf ihren Saisonarbeitsstellen Unterkunft gefunden haben."

Arbeitgeberverband Oldenburg sieht Bedarf der Unternehmen, will aber die bekannten Kontakte, etwa zu den Jobcentern, nutzen

Auch Jürgen Lehmann, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Oldenburg, formuliert auf die Frage nach Bedarf in den Unternehmen zurückhaltend. Man gehe von grundsätzlich gut ausgebildeten Menschen aus, die aus der Ukraine in die Region flüchteten. Daher  "informieren wir unsere Mitgliedsunternehmen regelmäßig über die aktuellen rechtlichen Vorgaben und Entwicklungen zu diesem Thema". Je nach Branche "besteht sicherlich ein Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften aus der Ukraine", aber "hier werden die Unternehmen die bekannten Kontakte beispielsweise zu den Jobcentern nutzen".

Noch also ist die Zurückhaltung beim Thema Arbeit sowohl bei den aus der Ukraine Geflüchteten als auch bei den hiesigen Unternehmen groß. Die Fragen zum Themenkomplex Arbeitsaufnahme würden bei den Geflüchteten aus der Ukraine aber "in größerer Zahl kommen", ist sich Fangmann sicher: "Wir werden sehen, wann das soweit ist."


Fakten:

  • Im Oldenburger Münsterland waren laut Zahlen der Agentur für Arbeit mit Stand 30. Juni 2021 insgesamt 24.865 Ausländer sozialversicherungspflichtig beschäftigt. 169 davon hatten einen ukrainischen Pass.
  • Die höchste Anzahl an Beschäftigten mit ausländischem Pass im OM stammte dabei aus Rumänien mit 9.732 Personen. Das Herkunftsland Polen liegt auf dem zweiten Platz mit 4.677 Menschen, die vor Ort mit Stand Juni 2021 gearbeitet haben..

Hilfreiche Internetadressen zum Thema Ukraine:

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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