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Über das Heuerlingswesen im Reichstag

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es in Deutschland zu einer starken Geldentwertung – das spürten die Bauern. Vor 100 Jahren verabschiedete der Reichstag das Pachtschutzgesetz.

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Begegnung: Heinrich Kuhr, Geschäftsführer des VCH, war am 6. Dezember 1919 zu einem Gespräch zur Vorbereitung der Pachtschutzverordnung ins Reichsarbeitsministerium geladen. Foto: Kuhr

Begegnung: Heinrich Kuhr, Geschäftsführer des VCH, war am 6. Dezember 1919 zu einem Gespräch zur Vorbereitung der Pachtschutzverordnung ins Reichsarbeitsministerium geladen. Foto: Kuhr

„Durch Unterschrift erklären sich beide Parteien mit vorstehenden Bedingungen einverstanden, und versichern sich gegenseitig ehrenwörtlich sich hierauf zu richten, ohne ein Pachtschutzgesetz und Pachteinigungsamt in Anspruch zu nehmen.“ Mit diesen Worten endete der Heuerlingsvertrag, den der Bauer Heinrich Gers Ossenbeck aus Ossenbeck bei Damme am 11. Juni 1933 mit dem Heuermann Clemens Westerhoff abschloss. Was verbirgt sich hinter diesen Klauseln?

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es in Deutschland zu einer starken Geldentwertung. Die Inflation veranlasste die Bauern, den Heuerleuten eine höhere Pacht abzuverlangen. Die Heuerleute konnten jedoch keine höhere Pacht bezahlen, da ihr Einkommen traditionell gering war und ihnen nicht mehr Geld zur Verfügung stand als früher. Viele verweigerten sich daher, höhere Pachtpreise zu zahlen oder forderten im Gegenzug höhere Löhne, die wiederum die Bauern nicht zu zahlen bereit waren.

Heftige Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Heuerleuten waren die Folge. In dieser Situation kündigten zahlreiche Bauern ihren Heuerleuten, um das Land wieder selbst zu bewirtschaften. Grundlage war das im Jahr 1900 eingeführte Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), das den Bauern die Möglichkeit gab, die Heuer halbjährlich zu kündigen. Solche Kündigungen bedeuteten für viele Heuerleute eine Bedrohung ihrer Existenz, da andere Heuerstellen vielfach nicht zu bekommen waren und alternative Arbeitsmöglichkeiten existierten.

Die Betroffenen konnten keine höheren Pachtpreise aufbringen

Der Krieg hatte jedoch den Horizont vieler Heuerleute geweitet und ihnen zu neuem Selbstbewusstsein verholfen. Sie waren dem Tod von der Schippe gesprungen und hatten andere Verhältnisse als die Enge des Heuerlingswesens kennengelernt. Nun wollten sie sich für eine Besserung ihrer Situation einsetzen. Das Ende der Monarchie und die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts im Rahmen der Novemberrevolution 1918 schuf hierfür gute Voraussetzungen, denn nun erhielten die Stimmen der Heuerleute ein ganz anderes Gewicht als im preußischen Dreiklassenwahlrecht des Kaiserreichs. Zu dem – und dies sollte sich als entscheidend herausstellen – fanden die Belange der Heuerleute bei der aus Wahlen hervorgegangenen und von der SPD, der Deutscher Demokratischer Partei sowie dem Zentrum getragenen Reichsregierung wesentlich mehr Gehör als bei den vom Kaiser ernannten konservativen Kabinetten vor 1918.

Noch 1919 entstanden mehrere Zusammenschlüsse, die sich für die Belange der Heuerleute einsetzten. Im heutigen Landkreis Osnabrück wurde der sozialdemokratisch orientierte Nordwestdeutsche Heuerleute-Verband gegründet, während im Emsland der „Verband Christlicher Heuerleute, Pächter und Kleinbauern“ (VCH) aus der Taufe gehoben wurde. Der VCH hatte bald 4000 Mitglieder. Im Oldenburger Münsterland vertrat der „Verband Landwirtschaftlicher Kleinbetriebe“ die Interessen der Heuerleute, in Westfalen der „Pachtschutzverein Münsterland“.

Diese Interessenverbände kämpften dafür, mündliche Pachtverträge in schriftliche umzuwandeln, amtliche Schlichtungsausschüsse für Streitigkeiten einzurichten, die Siedlung von Heuerleuten auf Ödland zu ermöglichen und den Pachtschutz zu verbessern. Insbesondere sollten die Heuerleute vor kurzfristigen Kündigungen geschützt werden. Bereits 1920 gelang den Verbänden ein großer Erfolg: Der Reichstag verabschiedete am 9. Juni 1920 eine Pachtschutzordnung, die unvermittelte Kündigungen verbot und Pachtverhältnisse mit einer Dauer von unter zwei Jahren nicht mehr zuließ. Kündigungen konnten jetzt für unwirksam erklärt werden, „wenn sich das Verhalten eines Beteiligten entweder als wucherische Ausbeutung der Notlage, des Leichtsinns oder der Unerfahrenheit oder unter Berücksichtigung der veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse offenbar als eine schwere Unbilligkeit darstellt oder wenn es zur Folge hätte, daß der andere Teil in eine wirtschaftliche Notlage gerät“, wie es im Gesetz hieß. Die angefochtenen Kündigungen der letzten Zeit – allein im Bezirk Osnabrück sollen es 2000 gewesen sein – wurden weitgehend rückgängig gemacht.

Pachtvertrag und Arbeitsverhältnis hängen voneinander ab

Eine zentrale Rolle kam den neu zu schaffenden Pachteinigungsämtern zu, die von jetzt ab für die Schlichtung von Streitfällen zuständig sein sollten. Ausdrückliche Erwähnung findet in der Verordnung, dass die Befugnisse der Ämter auf solche Pachtverträge ausgedehnt werden konnten, die gleichzeitig ein Arbeitsverhältnis enthielten, insbesondere „auf Heuerlingsverträge“.

Zwar bezog sich die Pachtschutzordnung allgemein auf Pachtverhältnisse im gesamten deutschen Reich, doch gab es nun hier eben auch eine direkte Bezugnahme auf das Heuerlingswesen, diese besondere Verbindung aus Pachtvertrag und Arbeitsverhältnis, die es nur in Nordwestdeutschland gab. Das Heuerlingswesen war Gegenstand eines Gesetzes im zentralen deutschen Parlament geworden, unterzeichnet von Reichskanzler Hermann Müller.

In den Verfahren der Pachteinigungsämter unterstützten die Heuerleuteverbände ihre Mitglieder, indem sie ihnen einen Vertreter als Beistand zur Seite stellten; Bauern erhielten Hilfe vom Landbund. Im Emsland kam es zu erheblichen Auseinandersetzungen vor den Pachteinigungsämtern. Diese flauten erst ab, als ab 1926 vermehrt Siedlungsmöglichkeiten für Heuerleute entstanden.

Die Bauernverbände lehnten die Pachtschutzverordnung ab und agitierten gegen sie. Auch der Weimarer Republik standen viele Vertreter der Verpächter kritisch gegenüber. So stand der Reichslandbund der republikfeindlichen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) nahe, später auch der NSDAP. Demgegenüber waren die Heuerleuteverbände entscheidende Verteidiger der Demokratie.

Schon bald nach der Machtergreifung wurden die Interessensvertretungen der Heuerleute aufgelöst oder gleichgeschaltet. Die Pachtschutzordnung, die während der Weimarer Republik von den Verantwortlichen immer wieder verlängert worden war, wurde damit umgehend außer Kraft gesetzt.

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