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Technische Überwachungssysteme sollen Menschen schützen

Der Vechtaer Entsorger Siemer rüstet seine Abfallfahrzeuge freiwillig auf. Mit Abbiege- und Rückfahrassistenten sollen Gefahrensituationen bei der täglichen Arbeit im Kreis Vechta vermieden werden.

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Viele moderne Überwachungssysteme unterstützen Siemer-Fahrer Viktor Schäfer beim Lenken seiner Straßenkehrmaschine. Foto: Kühn

Viele moderne Überwachungssysteme unterstützen Siemer-Fahrer Viktor Schäfer beim Lenken seiner Straßenkehrmaschine. Foto: Kühn

Es blinkt und piept permanent im Inneren des Führerhauses bei jeder Vorwärts- oder Rückwärtsbewegung des Lkw . So viele Displays? Steigt man da noch durch? Viktor Schäfer schmunzelt: "Ja stimmt, man muss schon ganz schön viel gucken." Und aufmerksam sein, denn nicht nur den Kamerabildern im Führerhaus gilt der Blick, sondern "es gibt auch viele Spiegel". Schäfer arbeitet bei Siemer Entsorgung in Vechta und "fegt" mit seiner Kehrmaschine – im wahrsten Sinne des Wortes – viele Straßen in den Orten des Kreises Vechta. Den anderen Sinn des "Fege"-Wortes erfüllt er allerdings nicht, geht es doch meist in Schrittgeschwindigkeit, also mit bis zu 7 Kilometer in der Stunde durch die Orte.

Die Kehrmaschine ist, wie auch die Müllfahrzeuge, die vom Vechtaer Entsorger eingesetzt werden, ein Rechtslenker. Dadurch hat der Fahrer die direkte Kontrolle über sein Arbeitsfeld. Im Fall der Kehrmaschine wie auch bei der regelmäßigen Leerung der Abfalltonnen bei den Haushalten ist so stets der Bordsteinbereich im Blick. Wie aber steht es um die Kontrolle der anderen Fahrzeugseite? Wie erkennt der Fahrer, was auf der ihm abgewandten Seite geschieht? Genügen die Spiegel?

Risiko durch "tote Winkel"

Alfons Diekmann ist der technische Einkäufer bei Siemer, hat selbst einen Lkw-Führerschein und weiß um die vom Fahrersitz aus nicht einsehbaren Bereiche. Autofahrer kennen diese als "tote Winkel". Sie sind im Fall des Schwerverkehrs ursächlich für oft tödliche Unfälle von Lkw mit Fußgängern oder Radfahrern bei Abbiegesituationen. Neue Lkw müssen daher ab 2024 verpflichtend mit Abbiegeassistenten ausgestattet werden. Eine Nachrüstpflicht für Altfahrzeuge besteht allerdings nicht.

Die Überwachungskamera an der Beifahrerseite überwacht die Umgebung der Straßenkehrmaschine auch nach vorne. Foto: KühnDie Überwachungskamera an der Beifahrerseite überwacht die Umgebung der Straßenkehrmaschine auch nach vorne. Foto: Kühn

Um mögliche Gefahrensituationen zu vermeiden, aber auch um die "sehr konzentriert arbeitenden Fahrer" zu entlasten, hat sich Siemer dazu entschlossen, nahezu alle 90 Fahrzeuge des eigenen Fuhrparks zeitnah mit aktuellen Sicherheitseinrichtungen aufzurüsten. Die Kehrmaschine verfügt bereits über 2 neue Systeme. Da ist zum einen der erweiterte Abbiegeassistent. Über eine in 2 Meter Höhe an der Kabine angebrachte Kamera an der linken Fahrzeugseite wird der Fahrer über stehende oder bewegliche Hindernisse auf dieser Seite informiert. Die Kamera und Sensoren arbeiten auch in Fahrtrichtung "sehr weit nach vorne", so wenn sich die Maschine etwa einem Blumenkübel auf der Straße nähert, erklärt Schäfer. Hilfreich sind alle Warneinrichtungen besonders, "wenn man in der Dämmerung arbeitet".

Der Gedanke, mit dem Mehr an technischer Sicherheitsausrüstung "Menschen zu schützen", so Diekmann, setzt sich fort mit der Nachrüstung des Rückfahrsystems "Tailguard" des Herstellers Wabco. 2 gerade neu angelieferte Seitenladerfahrzeuge für die Hausmüllsammlungen, jedes rund 210.000 Euro teuer, harren gerade der Aufrüstung mit dem System in einer Fachwerkstatt. Die Kosten des Einbaus beziffert Diekmann auf rund 8.000 Euro je eingesetztem Lkw.

"Das Rückfahrsystem bremst automatisch sollte sich irgendein Hindernis, selbst ein sich schnell bewegendes, im Weg befinden."Alfons Diekmann, technischer Einkäufer bei Siemer Entsorgung

"Laut Straßenverkehrsordnung dürfen unsere Lkw nicht eigenständig rückwärts fahren, es muss ein Einweiser helfen", erklärt Diekmann. Jetzt hilft das Wabco-System. Mit einer am Heck des Müllwagens montierten Kamera und einer Kontrollbox, die weitere Sensoren für ein sicheres Rangieren enthält, wird das Zurücksetzen des Fahrzeugs aktiv (mit-)gesteuert. "Das System bremst automatisch sollte sich irgendein Hindernis, selbst ein sich schnell bewegendes, im Weg befinden. Die Geschwindigkeit wird beim Zurücksetzen automatisch angepasst, und während der Rückwärtsfahrt werden Signale nach innen ins Fahrerhaus und nach außen in den Verkehrsbereich gegeben."

Selbst eingreifendes System: Über Kamera (rechts) und Sensorenbox (neben dem Rücklicht) wird die Rückwärtsfahrt kontrolliert. Foto: KühnSelbst eingreifendes System: Über Kamera (rechts) und Sensorenbox (neben dem Rücklicht) wird die Rückwärtsfahrt kontrolliert. Foto: Kühn

Bei der weiteren Aufrüstung im Fuhrpark geht es "nach Dringlichkeit" und Einsatzgebiet der Fahrzeuge. Zuerst sind daher die Seitenlader an der Reihe, die täglich in den Müllsammlungen im Landkreis unterwegs sind. Bis zu 1.200 Behälter pro Tag sammelt ein Müllwagen ein, da "muss ein Fahrer über Tag schon alle Sinne beisammen haben". Wenn sich die Lkw – Gesamtgewicht 26 Tonnen – bei ihren Leerungsfahrten durch "die immer enger werdenden Siedlungsstraßen" fädeln, "dann sind die neuen Systeme schon eine gewaltige Hilfe", erklärt Diekmann.

Die Nachrüstungen der Lkw werden finanziell gefördert

Was die Aufrüstung mit Rückfahrsystemen angeht, ist Siemer Vorreiter im Kreis. Die Nachrüstungen werden über Zuschüsse des Bundes finanziell unterstützt, verhehlt Diekmann nicht. In Summe fließt aber so viel Geld in die neue Sicherheit des Fuhrparks, dass das Entsorgungsunternehmen diese Investitionen über 2 Jahre streckt. Der Gewinn an Sicherheit in der Fahrzeugumgebung rechtfertige die Investitionen aber allemal, erklärt Diekmann – "bevor etwas passiert".

Mit hoch modernen Überwachungseinrichtungen ausgerüstet: Straßenkehrmaschine von Siemer-Entsorgung. Foto: KühnMit hoch modernen Überwachungseinrichtungen ausgerüstet: Straßenkehrmaschine von Siemer-Entsorgung. Foto: Kühn

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