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Studie entdeckt resistente Erreger auf Hähnchenfleisch

"Germanwatch" ließ 165 Proben von der PHW-Gruppe, der LDC-Gruppe und von Plukon untersuchen. Vom Geflügelverband hieß es:  Trotz optimaler Hygiene seien Keime nie gänzlich auszuschließen.

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Küchenhygiene: Geflügelfleisch sollte auf separaten Brettern geschnitten werden. Foto: dpa / Remmers

Küchenhygiene: Geflügelfleisch sollte auf separaten Brettern geschnitten werden. Foto: dpa / Remmers

Mehr als jede zweite von 165 Hähnchenfleischproben aus den drei größten Geflügelkonzernen Europas ist laut einer Mitteilung der Verbraucherschutzorganisation „Germanwatch“ mit Resistenzen gegen ein oder sogar gegen mehrere Antibiotika gleichzeitig belastet. Das sei das Ergebnis einer Studie, die von „Germanwatch“ und dem Verein „Ärzte gegen Massentierhaltung“ in Auftrag gegeben worden war. Der Stichprobentest umfasste den Angaben zufolge 165 Hähnchenfleischproben der drei Geflügelkonzerne PHW-Gruppe (Deutschland/Rechterfeld), LDC-Gruppe (Frankreich) und Plukon (Niederlande/Deutscher Verwaltungssitz in Visbek). Gekauft wurden die Proben laut Mitteilung in Deutschland, Frankreich, Polen, den Niederlanden und Spanien – in den Discountern Lidl und Aldi sowie bei Schlachthöfen in Deutschland und in den Niederlanden.

Im Schnitt schleppe mehr als jedes dritte Hähnchen (35 Prozent) sogar antibiotikaresistente Krankheitserreger mit Resistenzen gegen Notfall-Antibiotika (Reserveantibiotika) in die Lebensmittelkette ein, hieß es in der Mitteilung.

Die höchste Kontaminationsrate hätten die Proben der PHW-Gruppe aufgewiesen: Bei 59 Prozent der Hähnchenfleischproben seien antibiotikaresistente Krankheitserreger gefunden worden. Jede vierte der PHW-Proben schleppe MRSA-Keime in die Lebensmittelkette ein. Dabei weise jede dritte Hähnchenfleischprobe des PHW-Konzerns Resistenzen gegen Reserveantibiotika auf.

„Tierärzte in der EU verbrauchen mehr Antibiotika für Tiere als die Humanmedizin für kranke Menschen.“Aus der Pressemitteilung von Germanwatch

Hähnchenfleisch der französischen LDC-Gruppe erweist sich laut „Germanwatch“ mit 57 Prozent kontaminierter Proben „als kaum weniger belastet als PHW-Fleisch“. Der Geflügelkonzern LDC liefere „mit einer Belastungsrate von 45 Prozent Probenanteil mit Reserveantibiotika-Resistenzen einen starken Beleg für die Notwendigkeit des EU-weiten Verbots dieser für Menschen wichtigsten Antibiotika in der industriellen Tierhaltung“, hieß es in der Mitteilung.

Bei Fleisch des Geflügelkonzerns Plukon berge gut jede dritte der herangezogenen Hähnchenproben Antibiotikaresistenzen (36 Prozent), jede vierte Hähnchenprobe auch gegen Reserveantibiotika. Plukon-Fleisch weise im vorliegenden Vergleich „die höchste Rate an ESBL-produzierenden Krankheitserregern auf, wodurch besonders erkrankte, ältere Menschen und Kleinstkinder gefährdet werden können“.

„Tierärzte in der EU verbrauchen mehr Antibiotika für Tiere als die Humanmedizin für kranke Menschen“, hieß es von „Germanwatch“. Der massive Antibiotikaeinsatz insbesondere in der industriellen Tierhaltung sei neben der Ansteckung in Krankenhäusern und nicht fachgerechter Anwendung von Antibiotika einer der Hauptgründe für die Zunahme der Resistenzen.

Geflügelverband sieht situative Stichprobe

Professor Dr. Sören Gatermann, Leiter der Untersuchung im Nationalen Referenzzentrum für gramnegative Krankenhauserreger (Bochum), sagte: „Die hohe Rate an Proben mit Fluorochinolonresistenz und die Nachweise von MRSA haben überrascht. Schließlich sind Chinolone wichtige Antibiotika für die Therapie auch schwerer Infektionen beim Menschen.“

Eine Sprecherin der PHW-Gruppe gab für den Konzern keine Stellungnahme ab. Sie verwies, da es sich um ein branchenrelevantes Thema handele, auf den Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG). Vom Plukon-Verwaltungssitz in Visbek gab es keine Antwort auf eine Anfrage.

Der ZDG erklärte in einer Stellungnahme: „Als natürliches und naturbelassenes Lebensmittel kann Geflügelfleisch (...) niemals zu 100 Prozent keimfrei sein. Keimfreiheit gibt es bei keinem natürlichen Lebensmittel.“ Eine optimale Hygiene auf allen Erzeugungsstufen könne das Risiko des Auftretens von Keimen reduzieren, aber nie gänzlich ausschließen.

Tierarzt Dr. Sieverding: "Fleisch ist keine sterile Materie"

Zu beachten sei zudem: „Die vorliegenden Untersuchungszahlen stellen bei der geringen Anzahl an Proben lediglich eine situative Stichprobe dar und können keinen Anspruch auf einen repräsentativen Überblick erheben.“ Vom ZDG hieß es weiter: „Es ist verfehlt, vom Vorhandensein antibiotikaresistenter Keime auf dem Produkt auf den Einsatz der Wirkstoffe am lebenden Tier zu schließen.“ Zum Teil würden auch resistente Keime auf Geflügelfleisch gefunden, deren Wirkstoff niemals bei Geflügel eingesetzt wurde. Zudem gelte es nach Subtypen zu differenzieren. Über 95 Prozent der MRSA würden aus der Humanmedizin stammen, lediglich 2,5 Prozent als Subtyp „la MRSA“ aus der Nutztierhaltung.

Der Tierarzt Dr. Erwin Sieverding, Geschäftsführender Gesellschafter der „Praxis am Bergweg“ in Lohne, sagte: Die Ergebnisse der von „Germanwatch“ in Auftrag gegebene Studie würden „ein wenig der Tatsache“ widersprechen, dass der Antibiotikaverbrauch in der deutschen Tierhaltung von etwa 1700 Tonnen im Jahr 2011 auf weniger als 700 Tonnen im Jahr 2019 „gesenkt werden konnte“.

Würden in solchen Untersuchungsreihen bei der prozentualen Angabe der Keimresistenzen nicht die natürlichen von den erworbenen Resistenzen herausgerechnet, „sind solche Werte nicht wirklich zu interpretieren“. Fleisch sei „keine sterile Materie“. In der Untersuchungsreihe seien zum Beispiel viele unerwünschte Staphylokokkus aureus Keime (MRSA) gefunden worden. „Alle Staphylokokken haben eine angeborene Resistenz gegen das Reserveantibiotika Colistin. Damit erhöhen Staphylokokken automatisch den prozentualen Anteil von Keimen mit Resistenzen gegen Reserveantibiotika, obwohl das nichts mit erhöhten Antibiotikaeinsatz zu tun hat“, erläuterte Sieverding. Die Reduktion der Antibiotika müsse weitergehen, „aber sie wird auch bei einem vollkommenen Verzicht die Resistenzen in der Humanmedizin nicht lösen“, sagte er.

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