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Spitzenforschung auf dem platten Land

Auf dem Campus des Deutschen Instituts für Lebensmitteltechnik arbeiten Wissenschaftler aus ganz Europa. Das DIL versteht sich als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Praxis.

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Täuschend echt: Die Erdbeeren wurden gefriergetrocknet, behielten aber ihre natürliche Form bei. Technik made in Quakenbrück. Foto: Meyer

Täuschend echt: Die Erdbeeren wurden gefriergetrocknet, behielten aber ihre natürliche Form bei. Technik made in Quakenbrück. Foto: Meyer

Die Erdbeeren im Glas sehen aus wie gerade frisch geerntet. Dr. Volker Heinz bietet eine der prallen Früchte an. Sie ist federleicht und verschwindet fast augenblicklich auf der Zunge. Zurück bleibt eine angenehm aromatische Süße.

Trockenfrüchte sind zwar gesund und lecker. Während der Verarbeitung schrumpfen sie aber zu unansehnlichen Klumpen zusammen. Im Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik (DIL) haben Forscher eine Gefrierweise entwickelt, die dem Auge schmeichelt, ohne den Geschmack zu beeinträchtigen. "Zum Cocktail macht sich das gut", sagt Dr. Heinz und lächelt.

Der Institutsleiter mag solche Demonstrationen, zeigen sie doch, wozu die Quakenbrücker Einrichtung imstande ist. Immerhin 50 Patentfamilien hat das DIL in den vergangenen Jahren angemeldet. "Das dürften an die 500 einzelne Patente sein", schätzt Dr. Heinz, der die Leitung 2006 übernahm.

Lebensmitteltechnik ist vergleichsweise kleines Fachgebiet

Knapp 200 Menschen arbeiten derzeit auf dem umzäunten Campus. Es sind überwiegend Wissenschaftler und Techniker. Sie kommen aus ganz Europa, weil sie hier das finden, was Forscher immer suchen: viel Platz, Ruhe und Gelegenheit, ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Die Lebensmitteltechnik ist ein vergleichsweise kleines Fachgebiet. "Im Grunde kennt jeder jeden", sagt Dr. Heinz.

Sein DIL ist mit Universitäten und Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt verbunden. In Brüssel unterhält es sogar ein eigenes Büro, ebenso wie in Berlin und Karlsruhe. Ohne diese Vernetzung würde es weder an guten Nachwuchs noch an lukrative Aufträge herankommen, erklärt der Chef. Letztere benötigt das Institut, das seit der Gründung vor 40 Jahren als eingetragener Verein firmiert, um finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Die Jahresbeiträge reichen bei Weitem nicht aus, obwohl sich die Mitgliederliste sehen lassen kann. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich viel getan. "Man nimmt uns wahr", ist Dr. Heinz überzeugt.

Forscher profitieren in den 80er-Jahren von Fördermitteln

Anfang der 1980er Jahre sah das noch ganz anders aus. Als das Land Niedersachsen Mittel für den Aufbau einer Forschungseinrichtung freigab, die sich ganz auf die Lebensmitteltechnik konzentrieren sollte, zeigten renommierte Unistandorte wie Hannover und Braunschweig kein Interesse. So fiel die Wahl ausgerechnet auf eine Region, deren Entwicklung hin zum Zentrum der Ernährungsbranche gerade erst begonnen hatte.

Die Entscheidung habe sich im Nachhinein als wahrer Glücksfall erwiesen, betont Dr. Heinz. Ihn verschlug es in den 90er Jahren erstmals nach Quakenbrück. Als Wissenschaftler an der TU Berlin habe er sich damals nicht vorstellen können, aufs flache Land zu ziehen. Einige Jahre später war es dann soweit.

Produktion auf dem Campus: Institutsleiter Dr. Volker Heinz führt durch die Herstellungshalle, in der Anlagen für die kartoffelverarbeitende Industrie gebaut werden. Die Technik wird weltweit eingesetzt. Foto: MeyerProduktion auf dem Campus: Institutsleiter Dr. Volker Heinz führt durch die Herstellungshalle, in der Anlagen für die kartoffelverarbeitende Industrie gebaut werden. Die Technik wird weltweit eingesetzt. Foto: Meyer

Die Gebäude, die auf dem Gelände an der Prof.-von-Klitzing-Straße entstanden sind, nehmen zusammen eine Fläche von fast einem Hektar ein. Büros, Labore und Produktionsstätten liegen nur wenige Schritte voneinander entfernt. Das Institut schießt aus allen Rohren und deckt die gesamte Bandbreite - von der Grundlagenforschung über die Entwicklung neuer Leckereien bis zum Maschinenbau ab.

Sogar in Serie wird produziert: In einer Halle am Campusrand schrauben Konstrukteure Module aus Edelstahl für die Kartoffel verarbeitende Industrie zusammen. Herz der Apparaturen ist ein selbst entwickelter Elektroporator, ein Gerät, das elektrische Impulse aussendet und damit die Membran von Zellen vorübergehend durchlässig macht.

Dass sich die Technik bestens für die Herstellung von Pommes frites eignet, weil sie dafür sorgt, dass Oberflächen glatter werden und sich dadurch Fett einsparen lässt, fanden die Quakenbrücker eher durch Zufall heraus. Mittlerweile haben sie bereits 150 Anlagen gebaut und können sich mit Fug und Recht als Weltmarktführer bezeichnen. Die Corona-Krise hat dem Geschäft allerdings zugesetzt. Die DIL-Leute hoffen aber, ihren Exportschlager bald wieder ausliefern zu können.

Fleischersatz: Nachfrage könnte steigen

Auf dem Nahrungsmittelsektor ist derzeit vieles im Umbruch. Neue Ernährungsgewohnheiten brechen sich Bahn. Die Industrie hält damit nicht immer Schritt. In den Unternehmen werde zu wenig geforscht, kritisiert Dr. Heinz. Ihnen bietet das Institut dafür sogar die eigenen Räume an. Mittlerweile beschäftigt es sich auch selbst mit Konsumentenforschung. Eine viel beachtete Studie zur Veränderung der Ernährungsgewohnheiten während der Corona-Krise sprang dabei bereits heraus. Was wollen die Verbraucher in 20 Jahren essen? Dr. Heinz sucht scherzhaft nach der Glaskugel. Eines sei absehbar, sagt er dann. "Die Nachfrage nach Fleischersatzprodukten wird steigen." Was aber nicht heiße, dass irgendwann gar kein Fleisch mehr  gegessen werde. Im DIL beschäftigen sie sich mit beidem. "Wir schauen uns die innere Struktur von Lebensmitteln an, egal, ob sie pflanzlichen oder tierischen Ursprungs sind."

Dennoch: Auf die Veredelungswirtschaft in der Region  dürften Umwälzungen zukommen. Gras etwa sei ein noch unterschätzter Eiweißträger, sagt Dr. Heinz. Es gelte, den Landwirten die Angst vor Neuerungen zu nehmen und ihnen wirtschaftliche Perspektiven aufzuzeigen. Das DIL sieht der Leiter dafür an der richtigen Stelle. Für Lebensmitteltechnologen wie ihn könne es keinen besseren Platz zum Arbeiten geben.


Fakten:

  • Das Deutsche Institut für Lebensmitteltechnik (DIL) wurde 1983 in Quakenbrück gegründet. Ihm gehören mehr als 150 Unternehmen als Mitglieder an.
  • Das Institut unterstützt die Lebensmittelwirtschaft bei der Entwicklung neuer Produkte und Verfahrenstechniken.
  • Es finanziert sich überweigend aus Auftragsforschungen und dem Verkauf eigener Entwicklungen.

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