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So erlebt die Bünner Gastwirtin Thea Meyer die Corona-Pandemie

Die 77-Jährige steht seit 55 Jahren im Landgasthof hinter der Theke. Sie erzählt, wie früher gefeiert wurde und was sie sich für die Zukunft der Gastronomie wünscht.

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In Bünne zu Hause: Thea Meyer sammelt mit dieser Spendenbox Geld für die 1150-Jahr-Feier der Bauerschaft. Foto: Böckmann

In Bünne zu Hause: Thea Meyer sammelt mit dieser Spendenbox Geld für die 1150-Jahr-Feier der Bauerschaft. Foto: Böckmann

Der Zapfhahn ist versiegt, die Küche geschlossen, der Saal als Lagerraum umfunktioniert. Wer in diesen Tagen den Landgasthof Meyer in Bünne betritt, der wird unweigerlich mit den direkten Auswirkungen der Corona-Krise konfrontiert. Dort, wo vor allem an den Wochenend-Abenden das Leben pulsiert, wo gefeiert, getanzt, geschnackt, getrunken und gegessen wird, passiert jetzt – nichts. 

"Einfach Mist" sei diese verdammte Pandemie, klagt Thea Meyer und fragt etwas rhetorisch: "Muss ich mir das mit meinen 77 Jahren noch antun?" Ja, das muss sie. Die Chef-Wirtin des Landgasthofes muss sich mit dem Lockdown, der Bürokratie, dem Ärger um fließende (oder nicht fließende) Gelder auseinandersetzen. Thea Meyer rührt ihren Kaffee um, zündet sich eine Zigarette an und sagt: "Mein Lebenswerk geht gerade kaputt." Die Gastronomie ist ihr Leben, ihre Leidenschaft, ihr Hobby. Und was kann sie gerade machen? Nichts.

Laiendarsteller geben dieses Jahr keine Aufführung

Rund 100 Veranstaltungen, schätzt Thea Meyer, sind seit dem ersten Lockdown im vergangenen März ausgefallen. Bälle, Hochzeiten, runde Geburtstage, Vereinsfeiern. Jetzt, im Januar und Februar, wo es in anderen Gastronomie-Betrieben vielleicht etwas ruhiger ist, ist bei Meyer-Bünne eigentlich Hoch-Zeit. Ein Dutzend Mal würden die Schauspieler des Theaterclubs Jung-Bünne auf der Bühne stehen und würden ihr neuestes plattdeutsches Stück aufführen. "Die spielen so toll, die können mit dem Ohnsorg-Theater locker mithalten", schwärmt Thea Meyer. Doch der Vorhang öffnet sich in diesem Winter nicht.

Die Kneipe ist leer: Thea Meyer hofft, dass sie bald wieder ihre Gäste bedienen darf. Foto: BöckmannDie Kneipe ist leer: Thea Meyer hofft, dass sie bald wieder ihre Gäste bedienen darf. Foto: Böckmann

Seit exakt 55 Jahren steht Thea Meyer jetzt hinter der Theke im Gasthof an der Badberger Straße 29, kurz vor der Grenze zum Landkreis Osnabrück. Die Situation nervt, sie zermürbt, das sagt sie klipp und klar. Es sind aber nicht nur die Fragen nach der wirtschaftlichen Existenz, die Thea Meyer im Kopf herumschwirren. Sie möchte endlich wieder ihre Kunden begrüßen. Mit ihnen schnacken, sie bedienen, sie glücklich machen. "Ich genieße das. Ich brauche meine Kneipe." Und die Gäste, Stammkunden und Vereine ihren Landgasthof. Die Reiter, die Schützen, die Jäger, die Theaterspieler, die Boskop-Fußballer. Und alle anderen.

Auch Showgrößen machten einen Abstecher in die Bünner Kneipe

Corona verändert vieles. Doch in den vergangenen fünfeinhalb Jahrzehnten hat Thea Meyer auch im Landgasthof Geschichte und Geschichten hautnah miterlebt. Als sie 1966 ihren Mann Heiner heiratete und aus dem Wohld nach Bünne zog, betrieben die Meyers neben der Gastwirtschaft auch noch eine Bäckerei und einen kleinen Laden für Lebensmittel. Doch das Kerngeschäft war die Gastronomie. 

In der Woche öffnete die Gaststätte um 8 Uhr morgens. Um 7 Uhr standen die ersten Gäste vor dem Eingang, um 11 Uhr war die Kneipe brechend voll – "und die Welt war in Ordnung", sagt Thea Meyer und lacht. Die 1960er Jahre waren eben eine andere Zeit. 45 Pfennig kostete damals ein Pils bei Meyer, 3 Schluck eine Mark. In Dinklage gab es zu der Zeit mehr als 50 Kneipen. Und in fast allen wurde damals  Rolinck ausgeschenkt. Jetzt dominieren Haake Beck und Veltins die Dinklager Gastronomie. Die Meyers blieben dagegen Rolinck treu.

Auf Bewährtes setzen – das galt viele Jahre lang für die Tanzabende in den 1960er und 1970er Jahren. Von 1968 bis 1976 gab's jeden Freitag und Samstag Veranstaltungen. Mehrere Hundert Gäste tanzten zu der Musik von Kapellen oder Hausbands wie Mattocks und Five Tops. Aber auch Showgrößen wie Howard Carpendale, Cindy und Bert oder die Soulful Dynamics traten damals in Bünne vor mehr als 1.000 Gästen auf. Die wollten übrigens nicht nur singen, tanzen und feiern. "Wir waren zu dieser Zeit die größte Heiratsinstitution der Region", sagt Thea Meyer und schmunzelt.

Als Thea Meyer mit einem Pferd durch den Saal ritt

Lachen muss die 77-Jährige auch, wenn sie an so einige Feiern in den vergangenen Jahrzehnten zurückdenken muss. Mal ritt Thea Meyer auf einem Pferd durch den Saal. Mal tanzte sie nur mit einem Handtuch bekleidet auf dem Parkett. Und als ihre Tochter Claudia Meyer-Scott 2015/2016 Dinklager Schützenkönigin war, sei quasi ein Jahr lang im heimischen Landgasthof Dauer-Trubel gewesen. Weitere Anekdoten, die seien nichts für den Reporter-Block. Auch Wirtinnen unterliegen einer Art Schweigepflicht.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in der Gastronomie viel verändert. Dass Thea Meyer nicht jede Entwicklung gut findet, daraus macht die Wirtin keinen Hehl. Warum auf Partys mit gemischten Altersgruppen die jungen Leute erst anfangen zu tanzen, wenn die Älteren zu Hause sind, versteht Thea Meyer nicht.  "Und dann tanzen die Jungen doch zu Musik, die auch wir älteren hören."

Wenn die Party erst um 23.15 Uhr anfängt

Apropos Tanzen: Früher, sagt Thea Meyer, seien auf den Feten um 20 Uhr alle Tische besetzt gewesen. Dies habe sich leider radikal verändert. Als ihr Sohn Jörg Mitte der Nuller Jahre den klassischen Weihnachts- und Osterball etwas revolutionierte, verkauften sich die Karten für die "Shut up and dance"-Reihe sehr gut. Es kamen bis zu 1.400 Gäste. Das Problem: Die Feiernden kamen spät. Zu spät. Als 2010 die ersten Besucher erst um 23.15 Uhr (!) in Bünne eintrudelten, zogen die Meyers einen Schlussstrich unter die Party-Reihe.

"Vielleicht sollten wir auch so eine Sperrstunde wie in England einführen", findet Thea Meyer. Die 77-Jährige überrascht es nämlich immer wieder, wenn sie in London ihre Töchter Claudia und Steffi besucht, dass das Partyvolk vor den Discotheken, Clubs und Bars bereits ab 18 Uhr Schlange steht.

Gemeinsam wieder wie früher feiern – das ist jedenfalls eine Hoffnung, die Thea Meyer für die Zeit nach Corona hat. Dass vor allem die Stammkunden den Landgasthof vermissen, das zeigte sich im "Meyer-Momente-Adventskalender". Über die Social-Media-Kanäle der Gastwirtschaft teilten die Gäste ihre Bilder und Erlebnisse mit dem Landgasthof mit. Der Rücklauf sei der Wahnsinn gewesen, schwärmt Thea Meyer und man spürt, wie die Wirtin am liebsten wieder heute als morgen in ihrer Gaststätte loslegen möchte.

Ans Aufhören denkt die Wirtin jedenfalls noch lange nicht. Und fiebert schon dem Moment entgegen, wenn in der vollen Wirtschaft wieder der bekannte Spruch angestimmt wird: "Meyer – Schluck und Beier". 

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