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Sind ukrainische Flüchtlinge die Lösung für das Arbeitskräfteproblem in der Gastronomie?

Die Gewerkschaft NGG hat vorgeschlagen, die Flüchtlinge als Mitarbeiter in der Gastrobranche einzusetzen. Für die hiesigen Vertreter des Dehoga ist das nicht so einfach, wie es zunächst scheint.

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Symbolfoto: dpa

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Viele Hotels und Gaststätten im Oldenburger Münsterland seien derzeit dringend auf neues Personal angewiesen – und könnten dabei auch Geflüchteten aus der Ukraine eine Job-Perspektive bieten, schlägt Matthias Brümmer, Geschäftsführer der NGG-Region Oldenburg-Ostfriesland, vor. Viele Ukrainer würden Jobs suchen, und im Oldenburger Münsterland gebe es derzeit 40 unbesetzte Arbeitsplätze in Gastronomie und Hotels im Kreis Vechta und gar 70 im Kreis Cloppenburg. Aktuell sind laut Angaben der Kreisverwaltungen im Landkreis Cloppenburg knapp über 2300 ukrainische Flüchtlinge gemeldet, davon sind etwa 1400 über 18 Jahre alt. Im Kreis Vechta sind 1660 Flüchtlinge gemeldet, von denen rund 1000 über 18 sind.

Die Gastrobranche sei ideal für den Quereinstieg: „Von der Küche bis zum Service – hier haben auch Beschäftigte ohne Berufsausbildung gute Chancen. Und Fachkräfte werden ohnehin dringend gebraucht – vom Barkeeper bis zur Hotelfachfrau“, betont Brümmer.

Mangelnde Sprachkenntnisse der Flüchtlinge sind großes Problem

Die Gedanken des Gewerkschafters kann Ulrich Steinkamp, Kreisvorsitzender Vechta im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), „nur begrüßen. Das ist eine Chance für alle, für die Arbeitgeber im Gastrobereich wie auch für die ukrainischen Flüchtlinge.“ Das große Problem für eine uneingeschränkte Übernahme von Tätigkeiten im Servicebereich seien zu Beginn aber „sicherlich die fehlenden Sprachkenntnisse“. Die „Einarbeitungszeit“ aber koste die Arbeitgeber Geld, die Kollegen Zeit. Deshalb wünscht er sich für diese Phase eine „finanzielle Unterstützung der Agentur für Arbeit“.

Es sei natürlich einfacher, ausgebildete Fachkräfte zu integrieren, sagt Steinkamp. Aber insbesondere was die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse angehe, seien „die deutschen Ämter Verhinderer, Flüchtlinge schnell in Arbeit zu bringen“, beklagt er lange Bearbeitungszeiten bei Behörden.

Steinkamp schränkt überbordenden Enthusiasmus seitens der Gewerkschaft aber auch generell ein: „Man kann nur Flüchtlinge in das Arbeitsleben integrieren, die auch einsteigen wollen.“ Es sei bekannt, dass die ukrainischen Flüchtlinge, meist Frauen mit ihren Kindern, wieder zurück in ihre Heimat wollen, sobald der Krieg zu Hause vorbei ist. „Wir haben die Kräfte gerade angelernt – und dann sind sie wieder weg.“

Schlägt die Beschäftigung von Ukrainern in der Gastrobranche vor: NGG-Geschäftsführer Matthias Brümmer. Foto: PrivatSchlägt die Beschäftigung von Ukrainern in der Gastrobranche vor: NGG-Geschäftsführer Matthias Brümmer. Foto: Privat

Brümmer sieht wie Steinkamp auch, dass jetzt „die Politik in der Pflicht. Wichtig sei die unkomplizierte Anerkennung ukrainischer Bildungsabschlüsse sowie der vereinfachte Zugang zu Sprachkursen.

Brümmer will seinen Vorschlag allerdings nur dann verwirklicht sehen, wenn „die Bezahlung stimmt.“ Nach dem aktuellen Tarifvertrag liegt der Einstiegsverdienst in der Branche im Weser-Ems-Gebiet ab Juni bei 12,50 Euro pro Stunde, damit also höher als der gesetzliche Mindestlohn von 12 Euro, der ab Oktober gelten soll.

Gastronomin Schlömer-Thomann hat bereits Erfahrungen mit Flüchtlingen

Meike Schlömer-Thomann, Vorsitzende des Dehoga Kreis Cloppenburg, hat gleich nach Beginn des Krieges in der Ukraine Geflüchteten Obdach in ihrem Hotel geboten. Sie hat die Erwachsenen „bereits einige Male auf sozialversicherter Minijobbasis bei Veranstaltungen bei mir im Hotel sowohl in der Küche, als auch im Service beschäftigt. Die Frage nach dem Mindestlohn stellt sich dabei für uns nicht, da wir bereits seit Jahren über Tarif bezahlen – und natürlich auch die Flüchtlinge.“ Würde der Lohn nicht stimmen, bekäme man keine Kräfte mehr.

Ihre Erfahrung zeige, dass ein Beschäftigungsverhältnis „steht und fällt mit der Sprachkompetenz und erst in zweiter Linie mit der Ausbildung. Jeder Mitarbeiter, ob Flüchtling oder Migrant, kann noch so gut ausgebildet sein – ohne die entsprechende Sprachkompetenz werden diese Mitarbeiter vorerst nur Anstellungen im Niedriglohnsektor finden. Diese Erfahrungen machen übrigens auch Deutsche, die ihr Glück im Ausland suchen und glauben, sie kämen dort ohne Sprachkenntnisse klar.“

Die Sprachkenntnisse sind bei jeglicher Arbeit sehr wichtig, sagt die Co-Vorsitzende des Dehoga Cloppenburg, Meike Schlömer-Thomann. Foto: KühnDie Sprachkenntnisse sind bei jeglicher Arbeit sehr wichtig, sagt die Co-Vorsitzende des Dehoga Cloppenburg, Meike Schlömer-Thomann. Foto: Kühn

Sie hat erlebt, „dass die ukrainischen Kriegsflüchtlinge, die ich kennengelernt habe, alle willens sind, unsere Sprache zu lernen und sich zu integrieren, wobei eine Beschäftigung und die damit verbundenen sozialen Kontakte dabei definitiv förderlich sind. Andererseits wollen sie aber natürlich möglichst schnell zurück in ihre Heimat und zu ihren zurückgebliebenen Familienmitgliedern, was mehr als verständlich ist.“

Für Schlömer-Thomann bleibt wie für Steinkamp daher die Frage, „ob Ukrainer tatsächlich dauerhaft eine Entlastung des sehr angespannten Arbeitsmarktes in unserer Branche sein können. Als Gastronomin und Arbeitgeberin würde ich ein möglichst langes Bleiben befürworten, menschlich hoffe ich für die Betroffenen natürlich, dass sie möglichst schnell in ihre Heimat zurückkehren können.“

Agentur für Arbeit: 38 ukrainische Flüchtlinge stehen auf der Vermittlungsliste

Wie viele geflüchtete Ukrainer aktuell tatsächlich auf Arbeitssuche sind, kann Frank Halbsguth, Sprecher der Agentur für Arbeit Vechta, nicht sagen. „Seit Kriegsbeginn am 24. Februar sind 38 Personen mit ukrainischem Pass bei der Agentur für Arbeit oder den Jobcentern im Oldenburger Münsterland registriert.“ „Vermittlungen in Arbeit durch die Agentur und die Jobcenter spielen für diesen Personenkreis bislang kaum eine Rolle“. Ein Teil der Geflüchteten habe möglicherweise „direkt über Netzwerke, Familie oder Firmenunterstützung Arbeit gefunden“, mutmaßt er. Andere aber „beschäftigen sich noch nicht mit der Arbeitssuche“.

Eine Sonderförderung für ukrainische Geflüchtete, wie sie Steinkamp anregt, gibt es laut Halbsguth nicht. Es gelten aber „die gleichen Fördermöglichkeiten wie für Personen mit deutschem oder einem ausländischen Pass. Das können beispielsweise Lohnkostenzuschüsse – Eingliederungszuschüsse – oder Praktika sein. Die Förderhöhe und -dauer hängen immer vom Einzelfall ab.“

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