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Robuster Ausbildungsmarkt trotz Corona

Die Arbeitsagentur spricht von einer grundsätzlich guten Bilanz für das Azubi-Jahr 2019/2020 im Oldenburger Münsterland. Doch gibt es auch Problembranchen.

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Erleichterung ist zu spüren bei der Vorstellung der neusten Azubibilanz: Dr. Michael Hoffschroer, Geschäftführer der Kreishandwerkerschaft Cloppenburg (von links), Tina Heliosch, Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Vechta, Markus Nacke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Vechta und Jens Schmidt von der IHK Oldenburg. Foto: Scholz

Erleichterung ist zu spüren bei der Vorstellung der neusten Azubibilanz: Dr. Michael Hoffschroer, Geschäftführer der Kreishandwerkerschaft Cloppenburg (von links), Tina Heliosch, Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Vechta, Markus Nacke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Vechta und Jens Schmidt von der IHK Oldenburg. Foto: Scholz

Befürchtungen, dass der Ausbildungsmarkt in diesem Jahr unter der Corona-Pandemie heftig leiden wird, hat es in den vergangenen Monaten viele gegeben. Umso größer war die Erleichterung der örtlichen Vertreter der Handwerkerschaft und der Arbeitsagentur bei der Vorstellung der Azubi-Bilanz. Die Kernaussage: Der Ausbildungsmarkt bleibt robust. Fest steht aber auch, dass im zurückliegenden Ausbildungsjahr im Oldenburger Münsterland weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden, als es noch im Vorjahr der Fall gewesen ist.

"Wir können von einer grundsätzlich guten Bilanz für das vergangene Ausbildungsjahr sprechen."Tina Heliosch, Geschäftsführerin Arbeitsagentur Vechta

"Wir können von einer grundsätzlich guten Bilanz für das vergangene Ausbildungsjahr sprechen", sagt Tina Heliosch, die Geschäftsführerin der Arbeitsagentur in Vechta. Der Arbeitsagentur seien 3.185 Ausbildungsstellen gemeldet worden, was 281 (8,1 Prozent) weniger seien als noch im Vorjahr. Auch die Anzahl der Ausbildungssuchenden habe sich um 14,2 Prozent reduziert auf 2.140 Personen. Insgesamt seien laut der Arbeitsagentur noch 74 Bewerber am 30. September unversorgt gewesen. 281 Stellen waren unbesetzt. Im Vorjahr waren es 24 unversorgte Bewerber und 170 freie Stellen. 

"Die Tendenzen sind generell ähnlich geblieben. Weiterhin ist auch ein hoher Fachkräftebedarf in der Region vorhanden", erläutert Heliosch. Für alle, die suchen – egal ob Lehrling oder Lehrstelle –, hat die Agenturchefin einen Tipp: "Es lohnt sich, jetzt nochmal Kontakt aufzunehmen, da aktuell die sogenannte Nachvermittlungsphase läuft. Die Chancen, das Passende zu finden, sind für Betriebe und Bewerber nach wie vor gut."

Dramatischer Rückgang in der Gastronomie

Deutlich stärker ist der Rückgang bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Oldenburg zu spüren. Die IHK verzeichnet einen Rückgang von 13,6 Prozent in allen Branchen zusammen im Oldenburger Münsterland; gerade einmal 1.195 Ausbildungsverträge seien zustande gekommen, berichtet Jens Schmidt, der Ausbildungsberater der IHK. Wirklich dramatisch sei der Rückgang in der Gastronomie. Hier wurden insgesamt 28,1 Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen. Aber auch die Metallbranche verzeichne deutlich weniger Azubis (minus 13,8 Prozent), erklärt Schmidt. 

Der vorrangige Grund in beiden Branchen seien die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie. Die Gastronomie traf und trifft erneut der Lockdown. Die Metallbranche hänge laut Schmidt stark an der Automobilindustrie. Für die habe weniger produziert werden müssen; die Zulieferer hatten zu reagieren. Und noch einen Grund nennt  Schmidt, warum es im Zuständigkeitsbereich der Kammer weniger Lehrling gebe. Niedersachsen ist im Sommer zum Abitur nach 13 Jahren Schulzeit zurückgekehrt. Folglich war die Zahl der Schulabgänger deutlich geringer. Besonders im zweiten Lehrjahr, in dem die Abiturienten normalerweise einsteigen, sei dieser Rückgang stark zu spüren.

Besonders stark sind die sinkenden Azubizahlen in der Gastronomie zu spüren. Symbolfoto: dpaBesonders stark sind die sinkenden Azubizahlen in der Gastronomie zu spüren. Symbolfoto: dpa

Es gebe laut Schmidt aber auch Branchen, in denen sich die Anzahl an Auszubildenden erhöht hätte. Das sei neben der Bauindustrie (plus 3,6 Prozent) unter anderem der Papier- und Druckbereich (plus 2,4 Prozent). "Aktuell erinnert mich vieles an die Finanzkrise im Jahr 2008/2009. Damals ging es ums Überleben, was heute in vielen Bereichen ähnlich ist", sagt Schmidt. Er sei aber optimistisch, dass nach "Schatten auch wieder Licht" kommt. Wichtig sei dabei, nie zu vergessen, dass Fachkräfte stets gebraucht würden. Die Nachwuchsförderung dürfe als nie aufhören.

Probleme bei Prüfungen – Probleme mit Ämtern

Schmidt berichtet auch, dass es in den vergangenen Monaten sehr schwierig gewesen sei, Prüfungen durchzuführen. Beim Vechtaer Gesundheitsamt seien entsprechende Prüfkonzepte genehmigt worden, hingegen blockierte das Gesundheitsamt in Cloppenburg die Maßnahmen. Insgesamt wurde im Oldenburger Münsterland in den kaufmännischen Berufen anstatt nur an 3 Prüfungsorten, an insgesamt 26 geprüft. 

Die Kreishandwerkerschaft in Vechta kann den von der IHK als deutlichen bezeichneten Rückgang so nicht feststellen. "Die Anzahl der Ausbildungsverträge im Handwerk des Landkreises Vechta ist leicht gesunken. Die Nachfrage nach Auszubildenden im Handwerk bleibt aber weiter auf einem hohen Niveau", sagt Markus Nacke von der Kreishandwerkerschaft Vechta. Im Vergleich zum Vorjahr liege der Rückgang bei 4 Prozent. Der Grund dafür sei aber nicht die Corona-Pandemie, sondern der fehlende Abiturjahrgang. Der größte Rückgang sei in der Elektrobranche zu verzeichnen. 

"Mich hat es gewundert, dass die Zahl etwa bei den Friseuren zugenommen hat", stellt Nacke fest. Die von der Bundesregierung beschlossenen Ausbildungsprämie hält Nacke zwar für wichtig, doch sehe er nicht, dass diese zum gewünschten Effekt führe, nämlich, dass mehr Azubis eingestellt werden. 

Im Landkreis Cloppenburg ist die Lage hingegen deutlich dramatischer, wie die dortige Kreishandwerkerschaft mitteilt. Im Vergleich zum Vorjahr liege der prozentuale Rückgang bei 8,7 Prozent. Besonders hart hat es in Cloppenburg nach Angaben von Dr. Michael Hoffschroer, Geschäftführer der Kreishandwerkerschaft Cloppenburg, die Ausbildungsberufe Feinmechaniker (minus 26 Prozent) und Friseure getroffen (minus 27 Prozent). 

"Wir sind froh, dass es sie gibt, aber war sie kein kurzfristiges Doping für das Handwerk."Dr. Michael Hoffschroer, Geschäftführer der Kreishandwerkerschaft Cloppenburg

Ausbildungsbetriebe, Schulen sowie Bildungseinrichtungen und Politiker hätten tatkräftig an die jungen Schüler und Schülerinnen appelliert, sich nicht von der aktuellen Lage verunsichern zu lassen. Doch der Wegfall der Schulbesuche durch das Berufsinfopersonal, der Berufsorientierungsveranstaltungen und der Praktika habe Folgen gehabt. Auch Hoffschroer sieht die Ausbildungsprämie kritisch. "Wir sind froh, dass es sie gibt, aber war sie kein kurzfristiges Doping für das Handwerk."


Beispiele Bilanz Ausbildungsberufe in Vechta 2019/20:

  • Anlagenmechaniker: Anzahl im 1. Lehrjahr: 30 Gesamtzahl der Azubis: 96
  • Elektroniker: 56; 214
  • Friseur: 20; 54
  • Tischler: 35; 106
  • KFZ-Mechatroniker: 43; 202

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