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Menschsein nur als Akademiker?

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Die Fachkräfte schwinden. Daher muss die Berufsausbildung für junge Menschen wieder attraktiver gemacht werden. Auch, wenn es teuer werden sollte.

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Das Ausbildungsjahr hat begonnen. Aber in Niedersachsen können 10.000 Ausbildungsplätze nicht mehr besetzt werden. In unserer Region schlagen die Vertreter des Handwerks Alarm. Die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge gegenüber dem Vorjahr ist um mehr als 15 Prozent gesunken. Für viele junge Menschen scheint das Handwerk seinen goldenen Boden verloren zu haben!

Das war in den 1980er-Jahre noch unvorstellbar, als Ausbildungsplätze auch im Handwerk heiß begehrt waren. Bewerber aus unserer Region zog es damals bis nach Baden-Württemberg. Dort gab es noch den einen oder anderen unbesetzten Ausbildungsplatz. Aber es reichte trotzdem nicht.

Berufsausbildung ist für junge Menschen unattraktiv geworden

Um allen Schulabgängern, die keine Lehrstelle hatten, eine berufliche Qualifikation zu ermöglichen, wurde das Ausbildungsprogramm des Landes Niedersachsen ins Leben gerufen. Für viele Jugendliche damals die einzige Chance, auch zu einem Berufsabschluss zu kommen. Dieses aus der Not geborene Programm hat nicht nur den Beginn ihres Berufslebens, sondern auch meinen Werdegang als Quereinsteigerin in der Erwachsenenbildung geprägt. Durch die Mitgestaltung der Umsetzung des Programms habe ich gelernt, welchen hohen Stellenwert die Berufsausbildung als Nachwuchsschmiede für unverzichtbare Fachkräfte hat.

Warum also der Mangel an Auszubildenden und Lehrlingen? Ist die Berufsausbildung für junge Menschen unattraktiv geworden? Offensichtlich schon!

"In Schule und Elternhaus muss verstärkt für eine Berufsausbildung geworben werden, um auch Abiturienten für einen Beruf zu gewinnen."Elisabeth Schlömer

Spätestens seit der Pisa-Studie 2000 hat die Akademisierung der Gesellschaft so richtig Fahrt aufgenommen. Sie war über viele Jahre der zentrale Maßstab für Bildungsqualität. Bemängelt wurde damals die im internationalen Vergleich viel zu geringe Abiturientenquote. Die hat sich bis heute in etwa verdoppelt. Aber nach dem Abitur wird in der Regel ein Studium aufgenommen. Da ist der Bewerbermangel bei der Berufsausbildung eigentlich schon vorprogrammiert.

Laut dem Handelsblatt „versauern aber auch immer mehr junge Menschen in Hilfsjobs“, die als Fachkräfte im Gesundheits- und Pflegebereich sowie bei der Umsetzung der Energiewende händeringend gebraucht werden. Da ist es nur folgerichtig, wenn Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer erst vor wenigen Tagen mehr Engagement der Politik gefordert hat, um die Berufsausbildung attraktiver zu machen. Sie müsse mehr Wertschätzung und Anerkennung erhalten. Nicht nur ein Studium bringe beruflichen und persönlichen Erfolg.

Für mich genau der richtige Ansatz. In Schule und Elternhaus muss verstärkt für eine Berufsausbildung geworben werden, um auch Abiturienten für einen Beruf zu gewinnen. Besonderes Augenmerk ist aber auf die Qualifizierung der Menschen in den Hilfsjobs zu legen. Hier gibt es ein großes Potenzial. Auch, wenn es teuer werden sollte. Es ist gut investiertes Geld! Denn eins ist sicher: Menschsein geht auch als Nichtakademiker!


Zur Person:

  • Elisabeth Schlömer wohnt in Cloppenburg.
  • Sie war Leiterin des Ludgerus-Werkes Lohne bis zu ihrem Ruhestand 2019. Momentan ist sie ehrenamtlich tätig bei den „Machern – zu jung um alt zu sein“. 
  • Die Autorin erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de-

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