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Mehr Arbeitslose, weniger Weiterbildung

Die Corona-Pandemie zeigt sich auch deutlich in der Jahresbilanz der Arbeitsagentur für das Oldenburger Münsterland.

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Foto: Archiv

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Der Arbeitsmarkt 2020 war auch im Oldenburger Münsterland stark vom Corona-Virus beeinflusst. Das geht aus der Jahresbilanz zur Arbeitsmarktentwicklung der Agentur für Arbeit Vechta hervor.  Nachdem sich zu Jahresbeginn die eindeutigen Zeichen einer konjunkturellen Eintrübung fortgesetzt hätten, seien ab Mitte März die Auswirkungen des coronabedingten Lockdowns hinzugekommen, die seitdem einige Branchen besonders einschränkten. "Der Einsatz der Kurzarbeit hat jedoch viele Arbeitsplätze gesichert und eine höhere Arbeitslosigkeit vermieden", kommentiert Tina Heliosch, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Vechta, die Jahresbilanz in einer Mitteilung.

Arbeitslosigkeit: Bereits zu Beginn des Jahres 2020 habe die schwächere Konjunktur einer weiteren positiven Entwicklung der Arbeitslosigkeit entgegengewirkt, welche die Vorjahre geprägt hatte, heißt es weiter. Ab März 2020 haben als Folge der Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung zugenommen.

Nach den Lockerungen der Maßnahmen im ersten Lockdown erholte sich der Arbeitsmarkt im weiteren Jahresverlauf zwar. Dennoch erhöhte sich die Arbeitslosenzahl im Jahresdurchschnitt 2020 im Oldenburger Münsterland im Vergleich zum Vorjahr um 1.483 beziehungsweise 22 Prozent auf 8.219 Menschen. Die Arbeitslosenquote betrug im Jahresdurchschnitt 4,4 Prozent, während sie im Vorjahr bei 3,7 Prozent lag.

Die Zahl an Sprachförderungen und Weiterbildungen sinkt

Unterbeschäftigung:  Die Unterbeschäftigung, die zum Beispiel Personen in Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik und in kurzfristiger Arbeitsunfähigkeit mitzählt, stieg ebenfalls, wenn auch nicht im selben Umfang. Im Jahresdurchschnitt lag die Unterbeschäftigung bei 10.644 Personen, genau 1.000 mehr als 2019. Der Anstieg ist auch darauf zurückzuführen, dass die Teilnahme an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen wegen der Lockdowns nur eingeschränkt möglich war. Allein die Zahl der beruflichen Weiterbildungen und Sprachförderungen ging im Vergleich zum Vorjahr um 336 beziehungsweise 18,6 Prozent auf 1.472 zurück, heißt es weiter.

Arbeitslosenversicherung und Grundsicherung: In den Zuständigkeitsbereichen der Agentur für Arbeit und der Jobcenter stellt sich die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in 2020 unterschiedlich dar. Während die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen bei der Agentur für Arbeit um 990 oder 32,8 Prozent auf 4.005 gestiegen ist, stieg deren Zahl bei den Jobcentern lediglich um 493 oder 13,2 Prozent auf 4.214.

"Derartige konjunkturelle Ausschläge sind in der Regel immer stärker in den Zahlen der Agentur für Arbeit sichtbar. Das liegt daran, dass ein großer Teil der neuen Arbeitslosen aus einer Beschäftigung kommt und in der Regel einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I als Versicherungsleistung erworben hat. Erst wenn dieser Anspruch verbraucht oder kein Anspruch vorhanden ist, geht die Betreuung in die steuerfinanzierte Grundsicherung beim Jobcenter über", erläutert Heliosch.

Kurzarbeit: Noch nie zuvor befanden sich so viele Menschen im Oldenburger Münsterland in Kurzarbeit. Mit dem Beginn des Lockdowns im März stieg die Kurzarbeit binnen kürzester Zeit auf ein historisches Hoch. Der bisherige Höchststand wurde im April mit 19.468 Personen aus 2.142 Betrieben in Kurzarbeit erreicht. Im Juni 2020 nahmen 10,7 Prozent aller Beschäftigten im Oldenburger Münsterland Kurzarbeit in Anspruch. Das war allerdings immer noch weniger als im landesweiten Durchschnitt: In ganz Niedersachsen lag die Kurzarbeiterquote nämlich bei 12,9 Prozent. 

Der Sommer brachte eine leichte Erholung

Arbeitskräftenachfrage: Die Arbeitskräftenachfrage ließ aufgrund des Lockdowns im Frühjahr stark nach. Im Laufe des Sommers setzte laut Mitteilung eine leichte Erholung ein, die zum Jahresende hin abflachte. Insgesamt ist die Personalnachfrage der Betriebe im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesunken, wie es heißt. Dem gemeinsamen Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit und der Jobcenter im Oldenburger Münsterland wurden im vergangenem Jahr 6.889 neue Stellen zur Besetzung gemeldet. Das waren 2.178 beziehungsweise  24 Prozent weniger als im Vorjahr. Der durchschnittliche Bestand an gemeldeten Stellen sank gegenüber dem Vorjahr um 620 beziehungsweise 15,4 Prozent auf 3.396.

Entwicklung der Beschäftigung (Stand Juni 2020): Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Oldenburger Münsterland ist bis zur Jahresmitte trotz der Corona-Krise im Vergleich zum Vorjahr um 1.274 Personen oder 0,9 Prozent auf 141.720 gestiegen. Gegenüber dem ersten Quartal 2020 ging die Zahl der Beschäftigten jedoch um 554 oder 0,4 Prozent zurück, was eher eine ungewöhnliche Entwicklung für diese Jahreszeit ist.

Hier spiegelten sich die Auswirkungen der Pandemie wider, schreibt die Arbeitsagentur. Die Entwicklung fiel in den einzelnen Branchen im vergangenen Jahr coronabedingt sehr unterschiedlich aus. Während in der Gastronomie (-6,2 Prozent) und im Verarbeitenden Gewerbe (-1,0 Prozent) weniger Menschen tätig waren als im Vorjahr, nahm die Zahl der Beschäftigten beispielsweise in den Branchen Verkehr und Lagerei (+4,3 Prozent) sowie Gesundheits- und Sozialwesen (+3,2 Prozent) zu.

Ausblick 2021: Eine Prognose zur Arbeitsmarktentwicklung 2021 birgt aus Sicht der Arbeitsagentur viele Unsicherheiten. Vieles hänge von der Entwicklung der Corona-Infektionszahlen und den Maßnahmen zu deren Eindämmung ab. Unabhängig von der Dauer der Pandemie blieben die zentralen Themen für den Arbeitsmarkt im Fokus, die bereits davor eine wichtige Rolle gespielt haben:  der demografische Wandel, die digitale Transformation der Arbeitswelt und die Fachkräftesicherung.

"Daher werden die Agenturen für Arbeit und die Jobcenter in diesem Jahr wieder verstärkt auf die Qualifizierung und berufliche Weiterbildung von Arbeitssuchenden und Beschäftigten in Unternehmen setzen. Ein weiteres wichtiges Thema ist die berufliche Orientierung, insbesondere die Unterstützung junger Menschen und Betriebe bei der Vorbereitung auf den Ausbildungsstart 2021", erklärt Heliosch.


Und wie sehen die Zahlen alleine für den Landkreis Vechta aus? Die Zahl der Arbeitslosen, die von der Agentur für Arbeit Vechta betreut werden, ist im Jahresdurchschnitt von 2019 auf 2020 um satte 34,0 Prozent von 1389 auf 1861 Personen gestiegen. Die Bilanz im Jobcenter fällt etwas gemäßigter aus. Hier hat die Zahl der Leistungsempfänger von 1611 auf 1918 Personen zugenommen. Das entspricht einem Plus von 19,1 Prozent. Ursächlich für die Entwicklung sind die bereits Anfang 2020 spürbaren Eintrübungen der Konjunktur und die Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Ein entscheidender Faktor für die unterschiedlichen Entwicklungen der Arbeitslosenzahlen sowie der Zahlen der Bedarfsgemeinschaften und Leistungsberechtigten dürfte die deutliche Reduzierung von Eingliederungsmaßnahmen sein. Deren Teilnehmer zählen für die Zeit der Maßnahme statistisch nicht als arbeitslos. Zur Darstellung der tatsächlichen Erwerbslosigkeit veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit daher die Zahl der Unterbeschäftigten, in der Arbeitslose und Maßnahmenteilnehmer zusammen abgebildet sind.

Der Rückgang der Eingliederungsmaßnahmen betrifft Agentur und Jobcenter gleichermaßen. Sie haben bereits im Frühjahr 2020, ausgelöst durch den ersten Lockdown in der Corona-Pandemie, zahlreiche Unterbrechungen von Qualifizierungsmaßnahmen registrieren müssen. Im Laufe des Jahres sei wieder ein ordentliches Niveau erreicht worden, berichtet Heliosch, doch dann sei der erneute Lockdown gekommen und die Zahl wieder deutlich zurückgegangen.

Telefon und E-Mail sind Hemmschwellen

Auch die Art der Qualifizierung habe sich verändert, so die Vechtaer Agenturchefin weiter. Die Bildungsträger hätten sich auf die neue Situation eingestellt und ihre Strukturen ausgebaut. In der Folge habe es hybride Veranstaltungen, also eine Mischung aus Präsenz- und Online-Angeboten, für die Betroffenen gegeben. Dies sei ein Novum in diesem Bereich gewesen.

Die Pandemie wirkte sich auch auf die Art und Weise der Beratung aus. Weil die Türen von Agentur und Jobcenter für Besucher geschlossen wurden, musste ein Großteil der Kontakte per Telefon oder E-Mail abgewickelt werden. "Das ist eine Hemmschwelle", so Heliosch. Viele Themen ließen sich im persönlichen Gespräch besser klären, etwa wenn es um Lebensunterhalt oder Fragen der Qualifizierung und Ausbildung gehe.

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