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„Man lernt, bis alle Finger gleich sind“

Mehr als 40 Jahre in ein und demselben Betrieb? Arbeitnehmer wie der Lastruper Karlheinz Sliwka dürften in der schneller gewordenen Berufswelt immer seltener werden.

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Gartenliebhaber: Karlheinz Sliwka genießt die freie Zeit im eigenen Grün. Foto: Meyer

Gartenliebhaber: Karlheinz Sliwka genießt die freie Zeit im eigenen Grün. Foto: Meyer

In Karlheinz Sliwkas Garten grünt und blüht es. Ein künstlicher Bach plätschert durch die sorgsam angelegte Landschaft. Sogar den Hirschhornkäfer hat der Lastruper vor ein paar Tagen entdeckt. „Der war zehn Zentimeter groß“, staunt Sliwka, der für derlei Naturschönheiten jetzt mehr Zeit hat als früher. Anfang Mai ging der langjährige Prokurist der Firma Graepel in den Ruhestand. Noch hat er sich nicht ganz an ihn gewöhnt.

Kein Wunder: 45 Jahre und elf Monate war der Löninger Metallbauer Sliwkas Arbeitgeber. Eigentlich war er aber noch viel mehr. Sliwkas Vater, der selbst als Werkzeugbauer in dem Familienunternehmen beschäftigt war, hatte seinen Sohn 1974 bei Seniorchef Friedrich Graepel vorgestellt. Der junge Karlheinz wurde vom Fleck weg übernommen, absolvierte eine Ausbildung zum Industriekaufmann und startete danach beruflich schnell durch. In den folgenden Jahrzehnten erlebte er alle Höhen und Tiefen des Unternehmens, darunter eine Fast-Pleite, und übernahm immer mehr Verantwortung. Einfach nur den Job durchziehen war seine Sache nicht. „Man lernt, solange bis alle Finger gleich lang sind“, sagt der 64-Jährige. Und zwar ein Leben lang.

Über den Tellerrand schauen fiel ihm nie schwer

Sliwkas Vater stammte aus Schlesien. In den Nachkriegswirren verschlug es ihn nach Löningen, wo er ein Mädchen kennenlernte und heiratete. Über den eigenen Tellerrand zu schauen, war für den Sohn vielleicht auch deshalb nie ein Problem. Als Einkaufsleiter wollte er wissen, wie in anderen Firmen gearbeitet wird und besuchte sie auch im Ausland. Im eigenen Werk setzte er sich gern mit den Technikern zusammen und erweiterte seine Kenntnisse über Materialkunde. „Wer etwas verstehen will, muss es anfassen“, so sein Credo. Ein Leben im Homeoffice kann er sich deshalb nur für wenige vorstellen. Die Meinung der Azubis im Werk war Sliwka dagegen stets wichtig. „Wir müssen jungen Leuten die Möglichkeit geben, sich einzubringen, damit sie sich mit ihrem Unternehmen identifizieren“. Viele Mittelständler in der Region verhielten sich zum Glück noch so. „Wir können stolz darauf sein, was wir hier leisten. Das ist weit mehr als nur Fleischindustrie“, betont er.

Sliwka war am Bau des Eurotunnels beteiligt

An zwei historisch bedeutsamen Projekten hat er mitgewirkt: Von 1987 bis 1990 war Graepel am Bau des Eurotunnels unter dem Ärmelkanal beteiligt. Sliwka wickelte die Material-Zulieferung ab. Nach der Wende in der DDR half er beim Aufbau eines neuen Werks in Sachsen-Anhalt. Dessen Produktion rettete dem Unternehmen später die Existenz. Vom Ost-West-Austausch hätten die Löninger stark profitiert, betont Sliwka. „Denn planen konnten die da drüben“. Der Standort Seehausen ist bis heute eine Erfolgsgeschichte, der auch die Coronakrise bislang nicht viel anhaben konnte.

"Ich habe mich aber gewundert, dass wir in Deutschland viele Dinge, die eigentlich zur Grundversorgung gehören wie etwa Tabletten, gar nicht mehr selbst herstellen.“Karlheinz Sliwka, Prokurist

Überhaupt Corona: Die Pandemie hat Karlheinz Sliwka den Ausstand gehörig vermiest. „Ich konnte mich nicht von meinen Kollegen verabschieden“, bedauert der Neu-Rentner. Er möchte dies später aber nachholen. Die wirtschaftliche Entwicklung verfolgt er jetzt nur noch von außen. Ob erfolgreiche Nischenbesetzer wie Graepel sich künftig noch mehr vor der Konkurrenz aus Fernost fürchten müssen, lasse sich zwar schwer vorhersagen. „Ich habe mich aber gewundert, dass wir in Deutschland viele Dinge, die eigentlich zur Grundversorgung gehören wie etwa Tabletten, gar nicht mehr selbst herstellen.“ Die Globalisierung, von der sein ehemaliger Arbeitgeber zweifellos profitiere,  habe eben auch ihre Grenzen. Vor allem dürften sich die Firmen nicht von der chinesischen Konkurrenz in die Karten gucken lassen. „Denn unser Know-how ist nach wie vor oft besser.“ Gegen mögliche Einkaufstouren aus dem Reich der Mitte müsse der Staat die Betriebe notfalls schützen. „Es geht doch um die Arbeitsplätze.“

Radfahren, Reisen und Singen

 An seinem Ruhestand freut Sliwka vor allem, dass er nicht mehr ständig verfügbar sein muss. Nutzen will der dreifache Opa die gewonnene Zeit mit seiner Familie und dem Reisen. Am liebsten steigt er zusammen mit seiner Frau Mechtild aufs Fahrrad. Auf die gemeinsamen Chorproben muss der Liedervater des Männergesangvereins Cäcilia dagegen seit März verzichten. Corona - was sonst. Frei singen dürfen derzeit nur die Vögel in seinem Garten.

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