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Jungbauern treffen auf künftige Chefs des Handels

Die berufsbildende Justus-von-Liebig-Schule in Vechta kooperiert mit der "Food Akademie" Neuwied. Beide Seiten sollen sich besser kennenlernen - für ein neues Miteinander von Erzeugern und Verkäufern.

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Treffen in Corona-Zeiten: Vertreter der Justus-von-Liebig-Schule, des Kreislandvolkverbandes und der Landwirtschaftskammer mit online zugeschalteten Vertetern der „Food Akademie“ in Neuwied. Foto: Tzimurtas

Treffen in Corona-Zeiten: Vertreter der Justus-von-Liebig-Schule, des Kreislandvolkverbandes und der Landwirtschaftskammer mit online zugeschalteten Vertetern der „Food Akademie“ in Neuwied. Foto: Tzimurtas

Treckerkorsos vor den Lagern des Lebensmitteleinzelhandels und der Ruf der Landwirte nach angemessenen Preisen für ihre Produkte: Die Protestaktion der Bauern zum Jahresausklang 2020 haben gezeigt, welch großes Konfliktpotenzial es zwischen der Seite der Erzeuger und der Verkäufer gibt.

Auf der Suche nach Lösungen wird nun auch die Politik aktiv. Eine EU-Richtlinie, die faire Handelspraktiken gewährleisten soll, wird in deutsches Recht übertragen. Doch: Wie können Handel und Landwirtschaft langfristig zu einem neuen Miteinander finden? Wie können sie insbesondere auch jenseits von gesetzlichen Regelungen aufeinander zugehen? Welche Rolle spielt dabei das Wissen um die Denkweise und die unternehmerischen Kalkulationen der jeweils anderen Seite?

Genau um diese Fragen dreht sich ein Projekt, bei dem die "Unternehmerschule Agribusiness" der berufsbildenden Justus-von-Liebig-Schule in Vechta mit der "Food Akademie" in Neuwied (Rheinland-Pfalz), der Bundesfachschule des Lebensmitteleinzelhandels, kooperieren. Das Ziel: Künftige Leiter landwirtschaftlicher Betriebe mit Meistertitel treffen mit dem Führungsnachwuchs des Lebensmitteleinzelhandels zusammen - und lernen dabei mehr übereinander.

Unternehmensführung und Kalkulation stehen im Mittelpunkt

Das Projekt, das auch von drei Branchenmagazinen begleitet wird, treffe "absolut den Nerv der Zeit", betonte Dr. Karen Winkelmann. Sie ist Abteilungsleiterin für den Berufsbereich "Agrar" der Justus-von-Liebig-Schule, wo das Vorhaben am Mittwoch von Vertretern aller beteiligten Seiten - dazu zählen auch das Kreislandvolk und die Landwirtschaftskammer (LWK) - vorgestellt wurde. Die Repräsentanten der "Food Akademie" waren per Video zugeschaltet.

"Wir haben uns gesucht und gefunden", sagte Thorsten Fuchs, der Leiter der Food Akademie, über die Kooperation mit der Unternehmerschule Agribusiness, deren Mitinitiator er ist. Es gebe dasselbe Ansinnen, nämlich "miteinander statt übereinander zu sprechen."

"Wenn wir das richtig gut hinkriegen, können alle Beteiligten gewinnen."Thorsten Fuchs, Leiter der "Food Akademie" in Neuwied

Grundsätzlich gelte aus Sicht des Handels: "Wir wollen Geld verdienen." Und: "Wir wollen erfolgreiche Kaufleute qualifizieren." Wenn es "tolle Produkte" gebe, sei der Kunde auch bereit, mehr zu bezahlen. "Und wir haben auch gelernt, mit qualitativ hochwertigen Produkten der regionalen Landwirtschaft kann man richtig gut Geld verdienen", führte Fuchs aus. Aber man müsse dafür wissen, "wie beide Seiten ticken". Und: "Wenn wir das richtig gut hinkriegen, können alle Beteiligten gewinnen."

Detlef Breuer, Lehrer im Bereich "Agrar" der Justus-von-Liebig-Schule und ebenso Mitinitiator des Kooperationsprojekts mit der "Food Akademie", sagte: Viele seiner Schüler seien auf den Demonstrationen der Landwirte gewesen. Es gebe ein "Problem, was die Wirtschaftlichkeit anbelangt". Und er beobachte, dass es in dem Dialog "konkret an Lösungsvorschlägen" hapere. Solche zu erarbeiten, sei auch das Ziel des Projekts.

Kleine Holthaus: Landwirte brauchen fairen Partner

Einigkeit bestehe mit der „Food Akademie“ darin, dass es nur etwas bringe, die "Hard Facts" ("Harte Fakten") zu diskutieren, also "Unternehmensführung und Kalkulation". In einem zweiten Schritt könnten auch "weitere Themen" diskutiert werden. Zum Beispiel die Stärkung der kommunikativen Kompetenz.

Vor Kurzem habe er sich mit seinen Schülern damit befasst, wie ein fairer Schweinepreis entwickelt werden könne. Auch das könne Teil des Kooperationsprojekts werden.

Breuer sah "eine kontroverse Diskussion" mit der "Food Akademie" voraus. Fuchs sagte auch: Der Handel habe einen Großeinkäufer, "aber wir wissen sehr wenig über die Landwirtschaft. Das müssen wir ändern."

Worin besteht aktuell die Schieflage? Es gebe Preise an der Theke, die "offensichtlich die ganze Wertschöpfung der Produktionskette abbilden". Warum das so ist, müsse analysiert werden. Dann gelte es gegenzusteuern, sagte Fuchs.

Philipp Hellstern (23), Student der "Food Akademie", ging darauf ein, dass der Lebensmitteleinzelhandel den Kunden zum billigen Einkaufen "erzogen" habe. "Jetzt sind wir in dem Prozess, dass wir das ändern müssen - auch gemeinsam mit der Landwirtschaft." Lukas Glück (22), ebenfalls Student der "Food Akademie" ging auf erhebliche Preisunterschiede zwischen Fleischprodukten ein - zwischen konventionell und bio. Es fehle am Angebot dazwischen.

Projekt soll Nachdenken über Wertschätzung ermöglichen

Joseph kleine Holthaus, zweiter Vize-Vorsitzender des Vechtaer Kreislandvolks (KLV), verwies darauf, dass Landwirte weniger flexibel reagieren können als der Handel in seinem Preiskampf. Deshalb sei man auf einen Partner angewiesen, "der es fair mit einem meint".

Gabriele Droste-Kühling, Leiterin der Justus-von-Liebig-Schule, nannte das Projekt "super". Es bringe die Teilnehmer dazu, darüber nachzudenken, ob Gewinnmaximierung alles sei - oder ob es auch noch eine Wertschätzung der Produkte gebe.

Michel Heuer (21), Schüler der "Unternehmensschule Agribusiness", freut sich auf das Projekt. Wichtig ist ihm, den Einblick zu bekommen, wie der Einzelhandel kalkuliert - um die Zahlen von beiden Seiten zu betrachten. Auch sein Mitschüler Maximilian Dohm (23) interessiert besonders, dass Zahlen offen gelegt werden.

Jasmin Hellbusch, LWK-Dozentin, sah in dem Konzept eine "tolle Möglichkeit", gegenseitiges Verständnis zu entwickeln. Auch KLV-Geschäftsführer Dr. Friedrich Willms betonte, es gehe um "Führungskräfte, die einander verstehen".


Fakten

  • Die aktuelle Bewerbungsfrist für die seit letztem Sommer an der Justus-von-Liebig-Schule (Vechta) eingerichtete "Unternehmerschule Agribusiness" läuft.
  • Es handelt sich um ein bundesweit einzigartiges, gemeinsam mit dem Landvolk entwickeltes Konzept. Die Absolventen der einjährigen Fachschule Landwirtschaft besuchen anschließend die "Klasse Zwei" der zweijährigen Fachschule Agrarwirtschaft in Kombination mit der Meisterfortbildung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK).
  • Dort erlangt man in anderthalb Jahren den Abschluss "Landwirtschaftsmeister/in" und "Staatlich geprüfte/r Betriebswirt/in" in einer Bildungsmaßnahme und darf sich "Bachelor Professional" nennen.
  • Auch als Alternative zum Studium oder für Landwirte ohne elterlichen Betrieb bieten sich Berufsperspektiven im vor- und nachgelagerten landwirtschaftlichen Bereich.
  • Das Modell ermögliche als Besonderheit, "dass zeitnah aktuelle Praxisprobleme, zukunftsträchtige Lösungen und Chancen in einem sich immer schneller ändernden politischen Umfeld behandelt werden". So heißt es von Seiten der Justus-von Liebig-Schule.
  • Weitere Informationen gibt es bei Klassenlehrer Hubert Focke-Meermann (focke-meermann@bbs-vechta.de).
    Online-Anmeldungen finden sie hier. 

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