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Jeden Morgen frühstückt einer im leeren Lokal

Ein Wirt ohne Gäste deckt sich selbst den Tisch. „Ich hab‘ da so meine Rituale entwickelt“, sagt Peter Blase, Inhaber der Kulturkneipe im Cloppenburger Bahnhof.

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Hähne zu, Leitungen gespült: Der Strom für die Kühlung läuft weiter. Peter Blase schaut jeden Tag in der Kulturkneipe Bahnhof nach dem Rechten. Trotz des Lockdowns laufen die Planungen für Konzerte im nächsten Jahr. Foto: Kreke

Hähne zu, Leitungen gespült: Der Strom für die Kühlung läuft weiter. Peter Blase schaut jeden Tag in der Kulturkneipe Bahnhof nach dem Rechten. Trotz des Lockdowns laufen die Planungen für Konzerte im nächsten Jahr. Foto: Kreke

Seine Frau geht schon um 7 aus dem Haus zur Arbeit „So früh kann ich noch nichts essen“, sagt Peter Blase. Also fährt der Wirt mit ein paar Brötchen an seinen Arbeitsplatz und frühstückt ganz allein im geschlossenen Kulturbahnhof: Jeden Tag ohne Gäste.

Sonst hat der 67-Jährige vorher noch eine Stunde trainiert im Fitnessstudio, gleich auf der anderen Seite der Gleise. Das ist genauso geschlossen wie die Kneipe. „Dafür fahr‘ ich jeden Tag eine Stunde Rad“, erzählt er.

Kleine Abwechslungen sind in der Zwangspause hoch willkommen. Schlagzeuger Peter Bendel hat sich für den Vormittag angemeldet: Ein RTL-Team will im Probenraum hinter der Bühne filmen, um sein neues Album „Vergessene Helden“ vorzustellen. Detlef Roth, der Gitarrist von Blases Hausband „Last Train“ packt beim Aufräumen mit an, damit die TV-Crew Platz findet. „Sat 1 war auch schon da vor sechs oder acht Wochen“, berichtet der Wirt und Bassist.

Übt Geduld: Peter Blase.    Foto: KrekeÜbt Geduld: Peter Blase.    Foto: Kreke

Als gar nichts los war, hat er seine Sammlung von E-Bässen hervorgekramt. Detlef Roth, selbst schon Rentner, ist bis unter die Bühne gerobbt, um die letzten Exemplare aus den Ecken hervorzuholen. 18 Stück sind‘s am Ende, die Blase über 40 Jahre erstanden hat, meist Gelegenheitskäufe. „Da müssen noch ein paar mehr sein“, sagt er und lächelt. Seine Tochter Franca hat die Bestandsaufnahme fotografiert. Einige Instrumente hat Blase nach Jahren zum ersten Mal wieder gespielt: Alle intakt.

An Auftritte noch während dieses Winters glaubt Blase nicht mehr. „Das wird noch ganz bescheiden“, sagt er. Anders als viele seiner Berufskollegen kommt der Senior aber finanziell irgendwie über die Runden.

Letzte Woche hat er seinen zweiten Antrag auf staatliche Corona-Unterstützung gestellt. „Das macht etwa 80 Pozent der Sachkosten aus“, rechnet Blase vor. Der Strom für die Kühlanlagen läuft weiter, die Heizung für die Kneipe auch: „Aber für den persönlichen Lebensunterhalt ist nichts vorgesehen.“ Die Folge: „Ich lege jeden Monat Geld dazu.“ Und: „Ich gebe so wenig aus wie noch nie. Ich bin echt zum Sparschwein geworden.“

Aufgeben ist kein Thema: Bands für 2021 sind fest gebucht

Aufgeben kommt für ihn aber nicht infrage. Der Wirt hofft aufs nächste Jahr. Die Cloppenburger Jazz- und Bluesfreunde, bei denen Blase mitarbeitet, haben in der vergangenen Woche trotz aller Unsicherheiten ein komplettes Jahresprogramm an Konzerten aufgestellt. „Die Termine und die Bands sind fest gebucht“, unterstreicht der Musiker. Sebst wenn nur ein Bruchteil der gewohnten Gästezahl im großen Saal untergebracht werden darf: „Es ist wichtig, dass es weitergeht.“ Denn wo die Budgets verfallen, wächst keine Kultur nach, befürchtet Blase.

Am 23. Januar soll‘s losgehen mit einem Konzert des „Urban Funk Department“ aus Bremen. Der prominente Bassist der Formation kennt den Laden längst: Michael „Bexi“ Becker spielt sonst in der Hamburg Blues Band, die in Cloppenburg Stammgast auf der Bühne ist.

Zugleich spekuliert die Hausband der Kulturkneipe auf einen eigenen Auftritt. Nach dem ersten Lockdown ohne Proben hat Gitarrist Roth festgestellt: „Wir sind wirklich gut eingespielt. Das klappte auf Anhieb.“ Daran werde auch die zweite Zwangspause nichts ändern, glaubt Roth, der seit mehr als 50 Jahren auf der Bühne steht. Wenn man ihn nur lässt.

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