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Gemüseanbau statt Schweinezucht: Schwenken die Landwirte jetzt um?

Viele Schweine haltende Betriebe stehen vor der Aufgabe, doch wirtschaftliche Alternativen haben die Landwirte kaum. Auch der geschützte Anbau von Obst und Gemüse dürfte keine Option sein.

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Gemüseanbau statt Schweinezucht? Der Umstieg ist schwierig und in der Region zur Zeit kein Thema. Foto: dpa

Gemüseanbau statt Schweinezucht? Der Umstieg ist schwierig und in der Region zur Zeit kein Thema. Foto: dpa

Mitte Juni zeigte die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V. (ISN) mit Sitz in Damme auf ihrer Jahresversammlung die Situation der Mitglieder auf. Die Lage der deutschen Ferkelerzeuger und Schweinemäster sei desaströs. Seit 2 Jahren schrieben die Betriebe massive Verluste. Transformationsdruck, Planungsunsicherheit, Corona-Pandemie, Afrikanische Schweinepest und drastisch gestiegene Futterkosten: Die Ausstiegswelle rolle. Von rund 30.900 Schweine haltenden Betrieben im Jahr 2011 seien nur noch 18.800 Betriebe im November 2021 übrig, so die ISN. Das sei ein Rückgang von fast 40 Prozent – ohne die aktuellen Zahlen seit Ausbruch des Ukraine-Krieges.

Doch welche Alternativen haben Schweinehalter zur Betriebsaufgabe? In jüngerer Zeit liefen wiederholt Gerüchte durch die Medien, dass sich  Tier haltende Landwirte vermehrt ein neues Standbein im Anbau von Obst und Gemüse unter Glas suchen. Es sei mittlerweile ein "Trend" zu erkennen.

Der Schwenk auf den Gemüseanbau ist nicht als Trend erkennbar

Auf Gemüse setzen? Dr. Hendrik Führs, Leiter des Fachbereichs Beratung und Qualitätsmanagement im Gartenbau bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, sieht "keinen Trend" in der Weise, dass Tier haltende Betriebe nun vermehrt auf ein neues Standbein setzen und in die (Gemüse-)Produktion unter Glas einsteigen wollen. Er kennt zwar Einzelfälle, in denen Ackerbauern und auch tierhaltende Betriebe um Beratung in Punkto Unterglasanbau angefragt haben, "das geschah aber vor dem Hintergrund, dass sich Betriebe ohnehin Alternativen oder Ergänzungen ihrer vorhandenen Ackerproduktion suchen. Es geht eher um die Frage, wie kann der Landwirt seine vorhandenen Maschinen noch für andere Kulturen nutzen".

Führs sieht den Einstieg in einen Unterglasanbau "als nicht einfach". Gemüsebau sei ein völlig anderes Geschäftsfeld – in der Produktion wie auch auf den Märkten. Der Anbau von Obst wie auch Gemüse bedeute völlig andere pflanzenbauliche und organisatorische Herausforderungen als der anderer Feldfrüchte. Wolle ein tierhaltender Landwirt umsteigen, dann sei das eine Entscheidung, die mit hohen Investitionskosten einhergehe und auf Jahrzehnte binde. "Der Quadratmeter Gewächshaus kostet heute 80 bis 100 Euro", sagt der Berater und mahnt, dass "Blauäugigkeit" bei der Suche nach Alternativen und Ergänzungen für den eigenen landwirtschaftlichen Betrieb fehl am Platze ist. "In den geschützten Einbau einsteigen, das kann gut funktionieren, aber man darf nicht vergessen, dass es viel Wissen braucht, um eine qualitätsvolle Produktion aufzubauen und letztlich auch wirtschaftlich erfolgreich zu führen."

Theoretisch sei Deutschland unterversorgt bei Obst und Gemüse

Neueinsteiger träfen nicht auf einen "leeren Markt", meint Führs. "Da sind die Segmente ein großes Stück weit auch besetzt." Neueinsteiger müssten insbesondere die Vermarktungswege, also die Abnehmer für ihre Ware, haben. Prinzipiell sei alles machbar, sagt der Berater, doch angesichts gerade hoher Energiepreise und hoher Investitionskosten für die Produktionsflächen glaubt er "eher nicht", dass es viele landwirtschaftliche Betriebe neu in den Obst-, Gemüse- oder Kräuteranbau unter Glas zieht.

Ruth Beverborg ist Leiterin des Sachgebietes Betriebswirtschaft bei der Kammer und unter anderem zuständig für die Wirtschaftsberatung. Sie weiß, dass "gerade die arg gebeutelten Schweinehalter nach Einkommensalternativen" suchen. Dennoch ist ihr bislang kein Fall untergekommen, in dem ein Tier haltender Betrieb auf den Obst- oder Gemüseanbau unter Glas umgeschwenkt ist, oder dieses vorhat. Sie sitzt oft Landwirten gegenüber, "kluge Unternehmer", die nach Investitions- und Einkommensalternativen suchen. Diese aber lägen längst außerhalb der Landwirtschaft. Beverborg verweist auf den privaten und gewerblichen Immobilienbau oder auch Investitionen in alternative Energieerzeugung, wie etwa in Windräder.

Theoretisch gebe es "in Deutschland eine starke Unterversorgung mit Obst- und Gemüse", aber das sei eben Theorie. Diese Lücke durch zusätzliche deutsche Produktion zu schließen, das werde nicht gelingen, da der deutsche Anbieter durch hohe Auflagen und Arbeitskosten gegenüber den ausländischen Produktionen im Nachteil sei. Wie es um die Situation der deutschen Produzenten bestellt sei, erlebe man aktuell: Die hohen Preise ließen die Kunden vermehrt zur günstigen Auslandsware greifen, die deutschen Erzeuger blieben auf ihrer Ware sitzen.

Die Schweinehalter benötigen kalkulierbare Vorgaben, fordert Bernhard Suilmann, Geschäftsführer des Kreislandvolkes Cloppenburg. Foto: KowalskiDie Schweinehalter benötigen kalkulierbare Vorgaben, fordert Bernhard Suilmann, Geschäftsführer des Kreislandvolkes Cloppenburg. Foto: Kowalski

Bernhard Suilmann, Geschäftsführer des Kreislandvolks Cloppenburg, sind Anfragen von Schweine haltenden Betrieben, die auf alternative Bereiche in der Landwirtschaft umsteigen wollen, noch nicht untergekommen. "Momentan erreichen uns aber natürlich verstärkt Anfragen, wie angesichts der derzeitigen Lage an den Märkten ein Betrieb zukunftsfähig aufgestellt werden kann." Aktuell treibe die Schweinehalter natürlich die Sorge um den Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in der Region um. Generell, so Suilmann, fehle den Landwirten aber Planungssicherheit. Man benötige Kenntnisse über die künftigen gesetzlichen Auflagen, um überhaupt auf die Tierwohldiskussion und die Baurestriktionen im Emissionsschutzrecht reagieren zu können. Die Forderung der Landwirte und ihrer Verbände bleibe: "Die Politik muss endlich Vorgaben machen, aufzeigen, was sie will. Nur daran können wir uns orientieren."

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