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Geflügelwirtschaft fordert "sachliche Realpolitik"

Zu viel, was unter dem Stichwort "Tierwohl" diskutiert wird, sei nämlich ad hoc nicht praktikabel, heißt es auf einer Tagung der Geflügelwirtschaft. Frust und Angst sind daher groß.

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Niedersachsen ist Geflügelland Nummer eins: Die Branche begrüßt die Ergebnisse der Borchert-Kommission.  Foto: pixelio / Aron

Niedersachsen ist Geflügelland Nummer eins: Die Branche begrüßt die Ergebnisse der Borchert-Kommission.  Foto: pixelio / Aron

Ob die Terminwahl Zufall war? Am selben Tag, an dem in Berlin Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ihren Gesetzentwurf zur Kükentötung erläutert, hält die Niedersächsische Geflügelwirtschaft (NGW) mit ihrem Vorsitzenden Friedrich-Otto Ripke ihre jährliche Mitgliederversammlung ab. Zum Treff im "Hotel Gut Altona" in Dötlingen waren am Mittwoch auch Ex-Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert (CDU) als der Kopf der nach ihm benannten Kommission sowie Dirk Andresen als einer der Sprecher der bäuerlichen Basisvereinigung "Land schafft Verbindung" eingeladen.

Ripke stufte die Versammlung als eine der wichtigsten der vergangenen Jahre ein. Niedersachsen sei von tierischer Veredelung geprägt und Geflügelland Nummer eins in Deutschland, "als Region wohl auch in Europa". Die Geflügelwirtschaft im Land halte über 100 Millionen Tiere, 160 Millionen seien es in Deutschland. Die Halter und ihre Familien in Niedersachsen seien von den aktuellen Tierwohldiskussionen "höchst betroffen und auch abhängig".

"Wir als Geflügelbranche wollen den Ausstieg aus der Tötung männlicher Küken lieber heute als morgen." Friedrich-Otto Ripke, Vorsitzender des niedersächsischen Landesverbandes der Geflügelwirtschaft

Dasselbe gelte für Tierärzte, Stallbauer, Stalleinrichter, Futtermittelhersteller sowie Schlacht- und Verarbeitungsunternehmen: "Alle hängen von zukunftssicheren politischen Rahmenbedingungen unmittelbar ab", so Ripke. Vor diesem Hintergrund habe man auch Borchert eingeladen, der als Kopf des von der Bundeslandwirtschaftsministerin eingesetzten "Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung" jetzt seine Vorschläge vorgelegt habe. Damit könne es gelingen, die Tierwohldiskussion wieder in "realistische" Bahnen zu lenken.

Vorsitzender Friedrich-Otto Ripke will mit dem niedersächsischen Landesverband der Geflügelwirtschaft Partner der Politik sein. Foto: NGWVorsitzender Friedrich-Otto Ripke will mit dem niedersächsischen Landesverband der Geflügelwirtschaft Partner der Politik sein. Foto: NGW

Auch Ripke war Mitglied der Kommission und bezog zunächst zum Kükentötungsgesetz Stellung. "Wir als Geflügelbranche wollen den Ausstieg aus der Tötung männlicher Küken lieber heute als morgen", meinte er. Man investiere in Geschlechtsbestimmung, züchte Zweitnutzungshühner und schaffe Mastplätze für männliche Küken der Legerassen beziehungsweise Bruderhähne. "Wir können dabei aber weder die Wissenschaft zu schnelleren Ergebnissen bei der Geschlechtsbestimmung zwingen, noch das Baurecht für die schnelle Genehmigung zur Umnutzung von Ställen für die Bruderhahnmast selbst anpassen", mahnte Ripke.

"Wir brauchen sicher eine Übergangszeit bis mindestens Ende 2023", kritisierte er Klöckner, die den "Eindruck erweckt, als wäre eine kurzfristige Lösung bis Ende 2021 möglich".

Regeln für die Tierhaltung sollen einheitlich sein

Ripke verlangte mit Blick auf den geringen Selbstversorgungsgrad bei Eiern, Puten- oder Hähnchenfleisch und steigende Importquoten zudem einheitliche europäische - besser noch globale - Regelungen und Standards bei der Fleischerzeugung. Denn anderenfalls sei die gesamte deutsche Tierhaltung auf Dauer nicht wettbewerbsfähig.

Das Ergebnis der Borchert-Kommission "ist ein Kompromiss, bei dem sicher keiner mit allen seinen Vorschlägen voll durchgekommen ist". Das gelte auch für die Geflügelwirtschaft, erklärte Ripke. Sein Verband trage die Ergebnisse mit und biete sich als "konstruktiver Partner der Politik an, wenn es zukünftig wieder um sachlich nachvollziehbare Realpolitik geht, die unsere Zukunft sichert und nicht gefährdet".

Borchert lobte die sachliche Zusammenarbeit in der Kommission mit Experten aus vielen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen im Ringen um gute Lösungen für das Tierwohl und den Klimaschutz. Die Einführung eines Tierwohlkennzeichens, die Festlegung von Tierwohlkriterien sowie die Erhebung einer Tierwohlabgabe von den Verbrauchern seien praktikable Vorschläge.

Zur Finanzierung der nötigen Investitionen aufseiten der landwirtschaftlichen Betriebe sei aber  nicht nur die Tierwohlprämie ein wesentliches Element, auch die Bauvorschriften müssten angepasst werden.

Andresen sieht die Kommissionsergebnisse, die mittlerweile von allen Landwirtschaftsministerien in Deutschland getragen und akzeptiert werden, auch als eine gute Grundlage für die Arbeit von "Land schafft Verbindungen". Um das Vertrauen von Verbrauchern und Gesellschaft in den in der Mehrheit von bäuerlichen Familienbetrieben getragenen Landwirtschaftssektor wieder herzustellen, sei der Wandel erforderlich. Allerdings müsse dieser auch finanzierbar sein, was mithilfe der Vorschläge der Kommission auch gelingen könne.

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