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Friseure dürfen ab März wieder öffnen, aber die Existenzsorgen bleiben

Viele Betriebe aus dem Landkreis Vechta stehen mit dem Rücken zur Wand. Denn im Gegensatz zu Gastronomen haben sie keine besonderen Corona-Hilfen erhalten.

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Hier schneidet eine Mutter ihrem Sohn wegen des Lockdowns selbst die Haare. Die Friseure beklagen nehmen entstellter Frisuren eine Zunahme von Schwarzarbeit während des Lockdowns. Foto: M. Niehues

Hier schneidet eine Mutter ihrem Sohn wegen des Lockdowns selbst die Haare. Die Friseure beklagen nehmen entstellter Frisuren eine Zunahme von Schwarzarbeit während des Lockdowns. Foto: M. Niehues

Die Telefone stehen jetzt schon nicht mehr still. Selbst am sonst den Friseuren heiligen Montag nehmen viele  Betriebe im Landkreis Vechta den Hörer ab. Denn die Not der Kunden scheint groß zu sein. Jeder möchte, sobald die Haarstudios ab 1. März wieder öffnen dürfen, möglichst sofort einen Termin bekommen.

"Der Terminansturm ist da", bestätigt Inge Kläne aus Vechta. "Ich bin gespannt, was ich dann für Frisuren zu sehen bekomme", sagt sie. Zwar hätte sich die Kundinnen die Farben während des Lockdowns aus dem Salon abholen dürfen, aber selber färben müssen. Jetzt stellt sie sich darauf ein, manche Frisur retten zu müssen. Größer aber ist die Sorge, dass sich mehr Kunden anmelden wollen, als sie an Terminen vergeben kann. Denn die Inhaberin von Schöne Haarmoden darf wie alle Mitbewerber wegen neuer Corona-Regeln abhängig von der Größe ihres Betriebes künftig weniger Kunden bedienen. "Ich bin froh, einen großen Salon zu betreiben", sagt sie. Kollegen mit kleiner Fläche seien trotz der anstehenden Öffnung in existenzieller Not, weiß sie von Schilderungen ihrer Mitbewerber. "Einige gehen in die Insolvenz", ist Kläne überzeugt.

Kaum Hilfe vom Staat: Ärger über ungleiche Behandlung

Dass es solche Fälle zu beklagen geben wird, befürchtet auch Friseurmeisterin Marlen Broermann aus Damme. Auch sie darf wegen der neuen Hygieneregeln in ihrem Betrieb nur 8 von 14 Plätzen belegen. "Das ist ganz schön schlimm", sagt sie. "Ich bin gespannt, wie viele Kollegen aufgeben werden." Denn die Zukunft für Friseure sieht sie "nicht so rosig".

Friseurmeisterin Marlen Broermann aus Damme wartet auf eine Antwort der Bundeskanzlerin. Foto: privatFriseurmeisterin Marlen Broermann aus Damme wartet auf eine Antwort der Bundeskanzlerin. Foto: privat

Dabei hatte Marlen Broermann ihre berufliche Perspektive vor zwei Jahren noch anders eingeschätzt. Damals hatte sie in ein neues Wohn- und Geschäftshaus investiert, dafür einen großen Kredit aufgenommen. Und sie stellte sechs Mitarbeiter ein. Dann kam Corona mit gleich zwei Lockdowns. Im Januar schrieb Broermann deshalb sogar einen Brandbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel. "All das, was ich mir sehr sehr mühsam in 12 Jahren aufgebaut habe, verflüchtigt sich seit den eingeführten Corona-Maßnahmen in einen Horror", beklagt sie unter anderem darin. 

Gegenüber der Bundeskanzlerin macht sie vor allem die Ungleichbehandlung zwischen Gastronomen und Friseuren bei Corona-Hilfen deutlich. Marlen Broermann zeigt an Vergleichsrechnungen auf, dass Gastronomen mit den zugesagten 75 Prozent der Umsatzzahlen von November und Dezember gut abschneiden, während Friseure bei den Hilfen nur geringe Fixkosten wie Miete und Nebenkosten ansetzen könnten. Zudem dürften Wirte zusätzlich sogar noch ihr Außerhaus-Geschäft weiter betreiben. "Das können wir Friseurunternehmer nicht", schrieb sie der Kanzlerin und fragt sie zugleich: "Wo findet da der Gleichheitsgrundsatz Anwendung?"

Ein umoralisches Angebot: 100 Euro für einen Haarschnitt

Marlen Broermann hätte sich über eine Antwort der Kanzlerin in der Not gefreut. Bekommen hat sie die bis heute nicht, sagt sie. Auch ihre Vechtaer Kollegin Inge Kläne beklagt, dass sie keine Hilfen bekommen hat. "Die haben uns Friseure schlicht vergessen", sagt sie. Kläne hat beim ersten Lockdown ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. "Jetzt nicht", sagt sie. "Die Gehälter sind nicht so dicke. Wir kriegen das irgendwie hin". Bei Broermann befinden sich die Angestellten derzeit aber in Kurzarbeit.

Dabei fehlt es bald nicht an Arbeit. Ganz im Gegenteil: "Wir sind jetzt fast bis Weihnachten ausgebucht", sagt Marlen Broermann. Bei ihr selbst sei sogar bis Ende des Jahres kein Termin mehr zu bekommen. Das liegt daran, dass wegen der neuen Hygieneregeln und der dadurch begrenzten Platzzahl nicht mehr Termine angenommen werden können. Zugleich seien die Kosten wegen der Corona-Hygienebestimmungen deutlich gestiegen. "Das ist für unser Handwerk eine krasse Zeit", sagt sie.

Beide, Inge Kläne und auch Marlen Broermann, haben während des Lockdowns eine Zunahme der Schwarzarbeit im Landkreis Vechta registriert. Sogar unmoralische Angebote habe sie erhalten, berichtet Broermann. 100 Euro seien ihr für einen Haarschnitt geboten worden. Darauf sei sie nicht eingegangen. Geärgert habe sie sich aber über manche bekannte Geschäftsleute, die ihr frisch frisiert während des Lockdowns begegnet seien. Hier habe sie mehr Solidarität erwartet. Leider gebe es Friseure, die ein Kleingewerbe angemeldet hätten und privat zu Hause ohne Maske arbeiten würden. Der Lockdown habe diesen Missstand gefördert.

Hoffnung auf niedrigere Mehrwertsteuer

Broermann hofft, dass die Bundesregierung den Friseuren zumindest über eine Umsatzsteuersenkung auf die Sprünge hilft, wie dies auch Gastronomiebetriebe erfahren haben. Dort wurde die Steuer von 19 auf 7 Prozent gesenkt, um durch die schwere Corona-Zeit zu kommen. Vielleicht, so hofft sie, verhilft ihr Schreiben an die Bundeskanzlerin der Branche ja doch noch zu etwas Gehör und damit zu erhofften Hilfen.

Im Landkreis Cloppenburg hatte sich zuletzt noch ein Inhaber eines Friseurgeschäfts mit einem Antrag an das Oberverwaltungsgericht (OVG) Lüneburg gegen die geltende Corona-Verordnung gestemmt und damit eine Öffnung erreichen wollen. Am Montag haben die Lüneburger Richter den Antrag aber abgelehnt. Die Schließung sei rechtens. Die Betreiber des Friseurgeschäfts hatten geltend gemacht, dass in den Läden keine Infektionsgefahr bestehe und sich auf die besondere Bedeutung von Friseurbetrieben und die Ungleichbehandlung gegenüber Optikern und Hörgeräteakustikern berufen.

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