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Experte skizziert Überlebenschancen für den örtlichen Handel

Professor Dr. Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein sprach in Friesoythe über Tendenzen im Einzelhandel und skizzierte Möglichkeiten, um der Online-Konkurrenz zu trotzen.

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Situation des städtischen Einzelhandels: Professor Dr. Gerrit Heinemann skizzierte im Friesoyther Forum am Hansaplatz Tendenzen und Überlebensstrategien. Foto: Stix

Situation des städtischen Einzelhandels: Professor Dr. Gerrit Heinemann skizzierte im Friesoyther Forum am Hansaplatz Tendenzen und Überlebensstrategien. Foto: Stix

Der innerstädtische Einzelhandel leidet nicht nur unter Corona. Lange schon macht ihm auch die Konkurrenz durch den Onlinehandel zu schaffen: Während der Online-Anteil am Einzelhandelsumsatz kontinuierlich steigt, verlieren die stationären Einzelhändler an Boden. Und daran werde sich, so Gerrit Heinemann, auch nichts ändern: "Dem Kunden", so der BWL-Professor aus Mönchengladbach, "ist der Kanal, den er für seine Einkäufe nutzt, vollkommen egal." Gekauft werde da, wo das Produkt verfügbar ist, betonte er am Donnerstagabend bei einem Vortrag im Friesoyther Forum am Hansaplatz. "Und da ist Amazon nun mal am besten."

Heinemann war auf Einladung des Handels- und Gewerbevereins Friesoythe gekommen, um über "Überlebensstrategien für den innerstädtischen Einzelhandel" zu sprechen. Der Wirtschaftswissenschaftler, der viele Jahre in führenden Positionen im Einzelhandel tätig war, ist seit 2005 Professor für Betriebswirtschaftslehre, Management und Handel an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Dass seine Stimme gefragt ist, wenn es um den Einzelhandel geht, zeigte schon die Zusammensetzung des Publikums: Neben zahlreichen Mitgliedern der örtlichen Kaufmannschaft und des Friesoyther Stadtrates waren auch Vertreter von anderen Handels- und Gewerbevereinen, Kommunen und der Industrie- und Handelskammer ins Forum gekommen.

Besuchsfrequenz im Einzelhandel liegt derzeit 57 Prozent unter der vom Sommer 2020

Für sie hatte Heinemann zunächst jede Menge Zahlen parat. Und die zeichnen aus Sicht des stationären Handels ein düsteres Bild. Zwar habe der Handel insgesamt noch nie einen Rückgang bei den Umsätzen verzeichnen müssen. Den größten Teil des Zuwachses verbuchen aber seit Jahren die Online-Riesen wie etwa Amazon, Zalando, Ebay oder die Online-Plattformen der Hersteller. "2021 ist der stationäre Handel dann erstmals nominell geschrumpft", so Heinemann, "während sich das Online-Wachstum insgesamt im zweistelligen Bereich bewegt hat."

Als einen Grund dafür bezeichnete er die Corona-Pandemie. "Die Menschen haben sich zurückgezogen und das in den Phasen der Öffnungen beibehalten", erläuterte er. "Sie werden auch künftig nicht in der Menge in die Innenstadt zurückkehren wie vor Corona." Die Besucherfrequenz im Einzelhandel liege derzeit um 57 Prozent unter der vom Sommer 2020. Zudem habe der stationäre Einzelhandel die Corona-Phasen nicht genutzt, um über eigene Online-Angebote die stationären Verluste auszugleichen.

„Der arbeitende Mensch kann tagsüber nicht einkaufen. Er will beliefert werden.“Professor Dr. Gerrit Heinemann, Einzelhandelsexperte

Heinemann rät dem stationären Einzelhandel dazu, die Stärken des Onlinehandels für sich selbst zu nutzen, ohne dabei eigene Onlineshops aufzubauen. "Das ist zu teuer und kommt viel zu spät", sagt er. Wichtiger sei, über Google auffindbar zu sein, die Verfügbarkeit der Produkte in Echtzeit anzuzeigen, Online-Reservierungen und Abholung im Geschäft ("click & collect") verlässlich anzubieten und auch Lieferservices einzurichten. "Der arbeitende Mensch kann tagsüber nicht einkaufen", betonte er. "Er will beliefert werden." Diese Services müssten dann auch konsequent beworben werden, "und zwar da, wo die Kunden sind, also im Internet, aber auch bei den gedruckten Tageszeitungen und in deren Online-Angebot".

Doch auch die Politik kann laut Heinemann ihren Beitrag zur Stärkung des stationären Einzelhandels leisten. Der Bund ist über Steuer- und Kartellpolitik gefragt, um Chancengleichheit herzustellen, die Länder sind es beim Thema Ladenöffnungszeiten. "Das Internet hat an 7 Tagen pro Woche 24 Stunden geöffnet", betonte er. "Lange Öffnungszeiten dürfen deshalb kein Tabu sein und sollten zumindest den Händlern überlassen werden."

Die Kommunen forderte er auf, keine Großflächen für Factory-Outlet-Center auszuweisen. Als "Anti-Zerfledderung" bezeichnete er seine Forderung, "den Handel in der Innenstadtlage zu konzentrieren." Für die Digitalisierung des innerstädtischen Einzelhandels schließlich empfahl er den Einsatz und auch die öffentliche Förderung von "Digital-Trainern" zum Abbau von Vorurteilen und Ängsten sowie zur Wissensvermittlung.

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