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"Es stehen Existenzen auf dem Spiel"

Dr. Torsten Staack von der Interessengemeinschaft der Schweinehalter schlägt Alarm: Corona und die Afrikanische Schweinepest sorgen für eine "akute Notlage".

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Setzt auf eine konzertierte Aktion: Politik, Verwaltung und Wirtschaft sollen ein Bündel an Maßnahmen erarbeiten, um den Stau in den Ställen abzubauen. Das fordert Dr. Torsten Staack, Geschäftsführer der in Damme ansässigen ISN. Foto: Chowanietz

Setzt auf eine konzertierte Aktion: Politik, Verwaltung und Wirtschaft sollen ein Bündel an Maßnahmen erarbeiten, um den Stau in den Ställen abzubauen. Das fordert Dr. Torsten Staack, Geschäftsführer der in Damme ansässigen ISN. Foto: Chowanietz

Herr Staack, die Afrikanische Schweinepest (ASP) hat Deutschland erreicht. Das Virus wurde inzwischen bei mehr als 40 Wildschweinen in Brandenburg festgestellt. Was bedeutet das für Schweinehalter in Niedersachsen?
Es ist eine akute Notlage. Denn: Seit dem ersten toten Wildschwein in Brandenburg, bei dem der ASP-Erreger festgestellt wurde, ist Schweinefleisch aus Deutschland von Drittstaaten für den Export gesperrt worden. Auch der EU-Markt ist durcheinandergewirbelt. Die Mastschweine stauen sich in den Ställen. Und Ferkelerzeuger finden keine Abnehmer mehr, weil die Ställe voll bleiben. Zu den Absatzschwierigkeiten kommen die ohnehin bestehenden Engpässe bei den Schlachthöfen, die wegen der Corona-Pandemie ihre Kapazitäten heruntergefahren haben. So sind auch die Preise für Schweinefleisch drastisch abgestürzt.

Wie hoch sind die Verluste?
Die Verluste sind enorm. Am Anfang des Jahres lag der Verkaufspreis bei zwei Euro je Kilo Schlachtgewicht. Der Preis ist seit März auf inzwischen 1,27 Euro abgestürzt. Um rentabel wirtschaften zu können, sind mindestens 1,75 Euro notwendig. Das heißt: Pro Mastschwein macht ein Halter derzeit ungefähr 50 Euro Verlust. Das gleiche gilt für Ferkelerzeuger. Der Preis pro Ferkel liegt derzeit bei 27 Euro, ein Erzeuger bräuchte aber über 70 Euro pro Tier. Wie lange so eine Situation durchgehalten werden kann, hängt vom einzelnen Betrieb ab. Ferkelerzeuger trifft es besonders hart, weil sie Ihre Ferkel nicht an die Mast abgeben können. Die Ställe sind zunehmend voll und es werden ja trotzdem weiter Ferkel geboren. Und das lässt sich auch nicht so ohne weiteres stoppen. Das heißt: Es bräuchte mindestens ein halbes Jahr, bis auf den Betrieben eingeleitete Maßnahmen tatsächlich am Markt Entlastung bringen könnten.

Wie ausgeprägt ist der Stau in den Ställen?
Derzeit werden pro Woche circa 850.000 Schweine in Deutschland geschlachtet. Es müssten aber 920.000 Tiere geschlachtet werden, um keinen Überhang zu haben. Umgerechnet haben wir also eine halbe Schlachtwoche in Ställen aufgestaut. Die Gefahr ist jetzt groß, dass es zum Infarkt der Lieferkette kommt, so dass wir zu großen Brüchen kommen.

Warum hat sich die Lage so weit zugespitzt?
Nach dem Ausbruch von Corona-Infektionen unter Schlachthofmitarbeitern sind einzelne Schlachtstandorte im Sommer eine Zeit lang geschlossen worden. Das hatte bereits zu einem Stau in den Schweineställen geführt, der noch nicht abgebaut ist. Denn nach den Corona-Infektionen in Schlachtbetrieben haben die Behörden sich speziell die Zerlegung angeschaut. Das ist der Bereich, wo die Mitarbeiter eng beieinander stehen, schwere Arbeit bei niedrigen Temperaturen leisten. Dort gelten nun aus Infektionsschutzgründen zum Beispiel größere Abstände. Das führt dazu, dass deutlich weniger zerlegt und in der Folge natürlich auch weniger geschlachtet wird. Jetzt kommen die Absatzschwierigkeiten durch die ASP hinzu. Das verschärft den Engpass zusätzlich.

Welche Lösungen haben Sie im Blick?
Um den Überhang beim Angebot schnellstmöglich wegzubekommen, muss es ein ganzes Bündel an Maßnahmen geben. Eine einfache Lösung nach dem Motto, dass einfach nur mehr geschlachtet werden müsste, ohne andere Dinge zu beachten, kann es nicht geben. Es muss an vielen Stellschrauben gedreht werden. Die Corona-Bekämpfung, der Schutz der Schlachthofmitarbeiter, hat dabei Vorrang. Es würde aber bereits viel bringen, wenn beispielsweise in einem Betrieb, der zwei Schichten fährt, jeweils eine Stunde mehr gearbeitet wird. Auch sonntags sollte für einen begrenzten Zeitraum geschlachtet werden dürfen.

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