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Ernährungsbranche zeigt sich stark: Industrieumsatz laut IHK trotz Corona stabil

Der Unmut manchen Unternehmers über die Corona-Entscheidungen der Politik steigt: "Wenn sich in den Supermärkten die Menschen die Ärsche reiben – warum dürfen wir in der Gastronomie nicht öffnen?"

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Der Friesoyther Gert Stuke (links) wird sein Amt als Präsident der IHK Oldenburg abgeben. Mit Hauptgeschäftsführer Dr. Thomas Hildebrandt stellte er die Wirtschaftszahlen im Oldenburger Land vor. Foto: Burmann

Der Friesoyther Gert Stuke (links) wird sein Amt als Präsident der IHK Oldenburg abgeben. Mit Hauptgeschäftsführer Dr. Thomas Hildebrandt stellte er die Wirtschaftszahlen im Oldenburger Land vor. Foto: Burmann

Zum letzten Mal gemeinsam mit Gerd Stuke als Präsident stellte die Oldenburgische Industrie- und Handelskammer (IHK) die aktuellen Wirtschaftsdaten des Oldenburger Landes vor. Der Friesoyther Kaufmann wird sein Amt nach 2 Wahlperioden mit Konstituierung der neuen Kammervollversammlung im Juli abgeben. IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Thomas Hildebrandt resümierte das Jahr 2020 als "natürlich" stark von der Corona-Pandemie beeinflusst. Dennoch: Die Industrie in der Region hat "nur mit einem leichten Minus abgeschlossen".

Die Lage in Gastronomie, Handel und weiteren Dienstleistungen ist dagegen dramatisch. "Die Betriebe brauchen endlich eine Öffnungsperspektive", forderte die für diese Bereiche bei der IHK zuständige Carola Havekost. Sie belegte den zunehmenden Unmut der Unternehmer mit einem Zitat aus einer Umfrage: "Wenn sich in den Supermärkten die Menschen die Ärsche reiben – warum dürfen wir in der Gastronomie nicht öffnen?" Die Ungleichbehandlung der Branchen sei ein weiteres Thema. So beklage der Fachhandel, warum er die Geschäfte schließen müsse, die großen Lebensmitteldiscounter aber weiterhin ihr Non-Food-Sortiment verkaufen dürften.

Eine gerade durchgeführte Blitzumfrage der IHK zeigt dann auch die Auswirkungen politischer Entscheidungen: Rund ein Drittel (30 Prozent) der gastgebenden Betriebe wie Hotels, Gaststätten oder Restaurants sehen sich vor der Insolvenz. Havekost begrüßte ausdrücklich die jetzt in Niedersachsen geplanten Modellprojekte, die Öffnungsszenarien im Lockdown durchspielen sollen. "Diese werden belegen, wer Pandemietreiber ist."

Der Industrieumsatz in den 3 kreisfreien Städten und 6 Landkreisen des Oldenburger Landes ging 2020 um 1,9 Prozent auf 23,8 Milliarden Euro zurück; niedersachsenweit fiel dieser um 10,8 Prozent. Die Spanne in der Region reicht von einem Umsatzplus von 7,7 Prozent in Delmenhorst bis zu einem Minus von 17,7 Prozent im Landkreis Friesland.

Industrieumsatz in den Kreisen Vechta und Cloppenburg bleibt annähernd stabil

In den Landkreisen Cloppenburg (minus 1,3 Prozent) und Vechta (minus 1,4 Prozent) blieb der Umsatz auch in Corona-Zeiten annähernd stabil. Der IHK-Geschäftsführer für den Bereich Wirtschaftspolitik, Björn Schaeper, präsentierte die Zahlen des Jahres 2020 und wies auf die starke Ernährungsbranche hin, die mit einem Gesamtumsatz von 11,7 Milliarden Euro (plus 1,7 Prozent) rund die Hälfte des gesamten industriellen Umsatzes der Region von 23,8 Milliarden Euro trägt. Da zum Umsatz der Industrie auch noch das "vor und dahinter" der Ernährungsbranche komme, trage diese inzwischen zu rund zwei Dritteln zum erwirtschafteten Bruttosozialprodukt der Region bei, ergänzte Stuke. Auch die Bauwirtschaft erzielte ein Plus (2,5 Prozent).

Der Auslandsumsatz betrug 6,4 Milliarden Euro (minus 1,7 Prozent). Die Exportquote lag bei rund 27 Prozent und blieb nahezu unverändert.

Um die Bereiche Handel, Gastgewerbe und Dienstleistungswirtschaft aktuell abbilden zu können, führte die IHK im März eine nicht repräsentative Umfrage unter 238 Betrieben durch. Fast jeder zweite Befragte (42 Prozent) musste sein Geschäft nach Anordnung coronabedingt schließen. Die Lage in den Betrieben des Bereiches ist gekennzeichnet von einer drastisch gesunkene Nachfrage - 34 Prozent der Befragten antworten so - oder der Stornierung von Aufträgen (19 Prozent). Hinzu kommen Engpässe in der Zulieferung. Die Folgen sind sinkendes Eigenkapital (38 Prozent) und sinkende Liquidität (36 Prozent). 11 Prozent der Firmen im abgefragten Bereich sehen sich von Insolvenz bedroht.

Die Betriebe reagieren unterschiedlich auf die schlechte wirtschaftliche Lage. So werden Investitionen verschoben oder gestrichen, aber auch Personal abgebaut. Letzteres gilt unter den Betrieben aber als "ultima ratio", so Schaeper, "denn die Firmen wollen unbedingt ihr Personal halten". Das gelänge auch mithilfe der staatlichen Unterstützungsmaßnahmen, wie dem Kurzarbeitergeld. Mehr als 54 Prozent aller Betriebe haben öffentliche Unterstützung in Anspruch genommen, im Einzelhandel sind es laut Umfrage 77, im Gastgewerbe über 90 Prozent. Rund 78 Prozent der Betriebe nutzten oder nutzen das Kurzarbeitergeld.

Unternehmen beklagen die überbordende Bürokratie

Massive Klage führen die Unternehmen über die überbordende Bürokratie in Deutschland. Ganz konkret werde das für die Betriebe bei der Beantragung der öffentlichen Hilfen, so Schaeper und Havekost. Einige Antragsteller hätten im November Überbrückungshilfen angefordert, aber bislang noch nichts erhalten. Es hätte auch die Frage gegeben, warum bei einem Antrag auf Kurzarbeitergeld 80 Seiten ausgefüllt werden müssen.

"Die Corona-Krise zeigt uns schonungslos schon lange bekannte strukturelle Defizite auf", so Stuke. Die Infrastruktur in Deutschland sei insbesondere mit Blick auf die nötige Digitalisierung mangelhaft. "Die Welt um uns herum dreht sich in einem wahnsinnigen Tempo, und wir arbeiten noch immer in alten, schwerfälligen Strukturen." Das Land brauche generell zügigere Planungs- und Genehmigungsverfahren, eine digitalisierte Verwaltung "und endlich Bürokratieabbau".

In Bezug auf den zügigen Ausbau des von der IHK unterstützten vierspurigen Ausbaus der E233 sieht Stuke auch angesichts der Möglichkeit pandemiebedingter Kürzungen von Geldern für Infrastrukturprojekte des Bundes "kein Finanzproblem". Der vordringliche Bedarf der Straße sei festgestellt. "Am Geld scheitert das Vorhaben nicht", so der IHK-Präsident, der aber auch im Zusammenhang mit dem Bau dieser Straße eine "schleppende überregionale Planung" sieht.

Hildebrandt verwies auf die nach wie vor hohe Ausbildungsleistung der Betriebe im IHK-Bezirk. Knapp 3.900 neue Verträge seien 2020 geschlossen worden. Das sei ein Rückgang um 8,4 Prozent. Damit stehe man aber besser da als in Niedersachsen (minus 12 Prozent). Im Landkreis Vechta gab es bei den Neuabschlüssen ein Minus von knapp 11 Prozent auf nun 653 Verträge, im Kreis Cloppenburg einen Rückgang um 4,4 Prozent auf 611. Hildebrandt zeigte sich stolz, dass es der IHK Oldenburg in einem "Kraftakt" trotz der Einschränkungen durch die Pandemie gelungen sei, 4.200 Ausbildungs- sowie über 1.300 Weiterbildungsprüfungen abzuhalten. 230 Organisatoren seien an 26 Prüforten tätig gewesen.

"Es gibt weiterhin einen Fachkräftemangel."Dr. Thomas Hildebrandt, Hauptgeschäftsführer der IHK Olden- burg

"Es gibt weiterhin einen Fachkräftemangel", erklärte Hildebrandt. Gerade angesichts der spürbaren "Abwanderung in die Bachelorstudiengänge" müsse das Ausbildungsangebot groß bleiben. Hildebrandts Appell an die Betriebe lautete dann auch, in ihren Ausbildungsleistungen nicht nachzulassen. Die IHK werde die Betriebe "wo immer erforderlich" unterstützen.

Im Mai wird die Vollversammlung der Oldenburger Kammer für 5 Jahre neu gewählt. Für die jetzt 76 Sitze stellen sich 120 Kandidaten zur Wahl. 68.300 Wahlberechtigte werden vom 6. bis zum 27. Mai über die Zusammensetzung abstimmen. Das oberste Gremium der IHK wird sich am 13. Juli konstituieren. Nach 2 Amtszeiten kann Stuke nicht noch einmal gewählt werden. Er freute sich, dass sich "so viele Bewerber, darunter 20 Frauen, bereit gefunden haben, ehrenamtlich für die Wirtschaft tätig zu werden". Auch das neue "regionale Parlament" der Wirtschaft werde "alle Branchen widerspiegeln". Die versammelte "hohe fachliche Expertise" des Gremiums mache die IHK Oldenburg zu einem "wichtigen Ansprechpartner der Politik". Diese Rolle werde man auch künftig durch eigene Aktivität ausfüllen und die Interessen der regionalen Wirtschaft vertreten.

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