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Einzelhändler im Lockdown: "Wir sind trotzdem noch da"

Die Zwangsschließungen kommen für die Geschäfte zur Unzeit: Mitten im Weihnachtsgeschäft. Und zum zweiten Mal in einem Jahr. Gastronomen und Einzelhändler geben nicht auf.

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Bunt geschmückt, aber geschlossen: Die Händler, wie hier der Vechtaer Traditionshändler Krümpelbeck, hatten fest auf das Weihnachtsgeschäft gesetzt. Foto: Chowanietz

Bunt geschmückt, aber geschlossen: Die Händler, wie hier der Vechtaer Traditionshändler Krümpelbeck, hatten fest auf das Weihnachtsgeschäft gesetzt. Foto: Chowanietz

Der letzte Ansturm auf die Geschäfte am Wochenende vor dem Lockdown konnte das Weihnachtsgeschäft nicht mehr retten. Die Hoffnung auch vieler Geschäftsinhaber im Oldenburger Münsterland, die Verluste der ersten Corona-Ladenschließungen im Frühjahr teilweise wieder wettzumachen, erfüllte sich nicht.

Der Cloppenburger Gastronom und Weinhändler Bernd Höne hat in diesem Jahr insgesamt vier Monate schließen müssen. "Das kann man gar nicht aufholen. So strecken können wir uns gar nicht." Selbst mit vielen Ideen lasse sich der Verlust nicht auffangen. Aber er versucht es.

Höne wirbt in den Sozialen Netzwerken, nimmt Bestellungen für Weinkörbe oder Gutscheine auf allen Kanälen entgegen. Die Kunden müssen dann nur noch zum Abholen vorbeikommen, zu ihm ins Schäfers Bistro. Aber der geschäftige Unternehmer macht auch kein Geheimnis aus seiner schwierigen Situation.  Der Dezember ist für Gastronomen wichtig: Weihnachts- und Jahresabschlussfeiern von Firmen, Familien und Freundeskreisen machen einen wichtigen Teil des Jahresumsatzes aus. Kneipen und Restaurant waren schon weit vor dem Einzelhandel geschlossen.

"Die sonst so umsatzstarke Phase zum Jahresende wird für viele Händler zum Fiasko", sagte Hauptgeschäftsführer Stefan Genth Handelsverbandes Deutschland (HDEin Berlin. Hatte der Handelsverband Anfang November noch mit Rekordumsätzen von fast 104 Milliarden Euro in diesem Weihnachtsgeschäft gerechnet, so geht er inzwischen davon aus, dass wegen des Lockdowns in diesem Jahr sechs Milliarden Euro weniger Umsatz gemacht wurde. Auch Handels- und Gewerbeverein oder die Stadtmarketing-Initiativen Cloppenburg und Vechta hatten vor den wichtigen Weihnachtstagen um die Kunden geworben: Mit Aktionen, verlängerten Öffnungszeiten und viel Werbung. Und das zunächst vielerorts mit Erfolg.

Doch nun ist auch Iris Schumacher, Inhaberin der Büchergalerie in Lohne, durch die neuerliche Ladenschließung "ein großer Teil des Weihnachtsgeschäfts" weggefallen. "Die letzte Woche vor Weihnachten ist für uns die Wichtigste", sagt sie. Nun versucht die Buchhändlerin auf allen digitalen Kanälen für ihre Kunden da zu sein. Whatsapp, E-Mails, Telefon seien nicht nur zum Bestellen da. "Natürlich beraten wir auch über alle Kanäle", sagt Iris Schumacher. Über ein Abholfenster geben sie und ihre Mitarbeiter auch Bestellungen raus, die schon weit vor den Festtagen gemacht wurden. Aber nein, die Verluste auffangen könne sie so nicht.

Whatsapp kann Laufkundschaft nicht ersetzen

Nicht nur der Shutdown macht den Einzelhändlern zu schaffen: Angesichts hohe Infektionszahlen wollten viele Bundesbürger laut einer Yougov-Umfage lieber auf einen letzten Einkaufsbummel vor dem Lockdown verzichten. Und: Nach Einschätzung des Instituts für Konsumforschung GFK sparen sich viele Weihnachtseinkäufer gerade große Ausgaben. Viele fürchteten nämlich, dass sie wegen der Pandemiefolgen künftig weniger Einkommen zur Verfügung haben - schlimmstenfalls sogar ihren Job verlieren. Schließlich haben viele Bundesbürger in diesem Jahr schon weniger verdient, etwa wenn sie ihr Arbeitgeber in Kurzarbeit schicken musste.

Für Ralf-Günther Wölbern von Euronics Wölbern in Cloppenburg ging es kurz vor dem Fest zunächst vor allem darum, auf sich aufmerksam zu machen. Zu sagen: "Wir sind trotzdem noch da." Das hat er aus den Ladenschließungen im Frühjahr mit extrem hohen Umsatzeinbußen gelernt. Er setzte auf Werbung - klassisch in der Zeitung und in Sozialen Netzwerken. Das Geschäft geht weiter. Kontakt zu den Kunden sichern Telefon, Whatsapp und E-Mails, erzählt Wölbern. Fernseher seien natürlich gefragt, Bluetooth-Boxen und Smartphones.  Aber die für den stationären Handel wichtige Laufkundschaft fehlt auch Wölbern. Die Kunden können die Waren bei ihm im Laden abholen - beraten kann er sie dann allerdings nicht. Wie hoch die Einbußen dieses Mal ausfallen werden, kann er noch nicht sagen. Spürbar werde es aber sein.

Viele Händler vor Ort sind auch online präsent

Auch Richard Zumloh, Geschäftsführer von Sport Böckmann in Holdorf, fehlt am Jahresende "sicherlich ein großes Stück vom Kuchen." Immerhin macht der Online-Shop noch Umsatz. Trotzdem könnte auch Kurzarbeit wieder ein Thema beim Holdorfer Unternehmen werden. Das deutschlandweite Vereinsgeschäft leidet nun einmal, wenn kein Vereinssport stattfinden kann. So gibt es zum Beispiel aktuell kaum Bedarf für Trikots.

Ursula Heidemann, Inhaberin des Kosmetikinstituts Heidemann in Cloppenburg, hat aus den ersten Ladenschließungen gelernt. "Wir beraten auch über das Telefon sehr, sehr gerne", sagt sie. Auch sie hat eine Abholstation, aber auch gute Erfahrungen mit ihrem Lieferservice gemacht.

Mittelstandsverband warnt vor Insolvenzen

Der Bund stellt Milliardenhilfen für Unternehmen bereit. Auf die Novemberhilfen sollen die Dezemberhilfen folgen. Nach Auskunft des Wirtschaftsministeriums werden Abschlagszahlungen für den Dezember nach derzeitigem Stand spätestens Anfang Januar fließen. Unternehmen bekommen Abschläge in Höhe von 50.000 Euro, Soloselbstständige von bis zu 5000 Euro.Ab Januar soll es die Überbrückungshilfe III geben. Erstattet werden dabei nicht wie bei den November- und Dezemberhilfen Umsatzausfälle, sondern betriebliche Fixkosten wie Mieten und Pachten.

Dennoch zeigt sich der Mittelstandsverband alarmiert: „Bis dato ist erst ein Bruchteil der dringend benötigten Liquidität bei den notleidenden Unternehmen angekommen, viele Klein- und Mittelbetriebe stehen unmittelbar vor der Insolvenz“, heißt es in einem veröffentlichten Brief der Organisation an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

Derzeit droht nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit keine Insolvenzwelle. „Unsere Zahlen geben so etwas im Moment nicht her“, sagte der Vorstandsvorsitzende Detlef Scheele der dpa. Bis November seien knapp 1,2 Milliarden Euro an Insolvenzgeld gezahlt worden. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres seien es 723 Millionen Euro gewesen. In den 2020er Zahlen sei aber auch die Insolvenz einer großen Einzelhandelskette enthalten, die nicht pandemiebedingt gewesen sei. Gemeint sein dürfte die Insolvenz des Warenhauskonzerns Galeria Karstadt Kaufhof.

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