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Ein eher unbekannter Weg für Abiturienten ins Handwerk: Sven Bokern ist trialer Student

Als Abiturient und Azubi im Maler- und Lackierer-Handwerk hat Bokern nach vier Jahren drei Abschlüsse in der Tasche: Er ist Geselle und Meister in seinem Handwerk sowie Betriebswirt des Handwerks.

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Ein Auszubildender in Dinklage ist Stipendiat der Kurt-Alten-Stiftung: Sven Bokern ist „trialer Student“ im Maler- und Lackiererhandwerk. Im Bild präsentiert er zusammen mit seinem Ausbilder Andreas Tiemerding den Förderpreis für Handwerker. Foto: Tiemerding

Ein Auszubildender in Dinklage ist Stipendiat der Kurt-Alten-Stiftung: Sven Bokern ist „trialer Student“ im Maler- und Lackiererhandwerk. Im Bild präsentiert er zusammen mit seinem Ausbilder Andreas Tiemerding den Förderpreis für Handwerker. Foto: Tiemerding

"Triales Studium? Das hatte ich vorher noch nicht gehört", erzählt Sven Bokern. "Duales Studium kennt man, wie das triale abläuft, darüber musste ich mich erst einmal informieren", sagt der 21-Jährige, der gerade im zweiten Jahr seine Ausbildung zum Maler und Lackierer bei Tiemerding in Dinklage absolviert. Eben diese Lehre ist ein Teil der trialen Ausbildung. Nach im Minimum vier Jahren Ausbildungs- und Studienzeit wird Bokern gleich drei Titel in der Tasche haben: Er wird Gesellenbrief und Meistertitel in seinem Handwerk erwerben und zugleich einen akademischen Grad als "Bachelor of Arts Handwerksmanagement", also den "Betriebswirt des Handwerks" in Händen halten – "sofern er alle Prüfungen besteht natürlich", schmunzelt Chef und Malermeister Andreas Tiemerding.

Um ein triales Studium zu absolvieren, muss man kein Überflieger sein

Gleich drei Ausbildungen auf einmal? Muss man dafür nicht ein Überflieger sein? "Nein, ganz und gar nicht", schüttelt Bokern den Kopf. Der junge Mann, der am Wirtschaftsgymnasium in Lohne einen guten Abiturabschluss hingelegt hat, sieht vor allem den Zeitaufwand als Herausforderung. Sich diesem zu stellen, dazu müsse man bereit sein. Man habe wenig Freizeit, da man viel lernen müsse. Andererseits verkürze man die üblichen Ausbildungszeiten um fast zweieinhalb Jahre. Er und seine Mitstudenten, die auch aus anderen Handwerkszweigen kommen, seien "ganz normale Typen". Seine Erfahrung zeige, dass man selbst dann schulisch-theoretisch gut mitkomme, wenn man kein "Überflieger" sei.

Der Weg von Bokern zu Tiemerding war recht ungewöhnlich, berichtet Margitta Flege-Tiemerding, die im Büro des Handwerksbetriebes mit Chef, neun Gesellen und zwei Azubis die Fäden zusammen hält. Man habe Sven über die Familie kennengelernt. "Er wollte Jura studieren." Schnell wurde im damaligen Gespräch aber auch klar, dass ein großer Wunsch des Gymnasiasten "der Schritt in die Selbstständigkeit ist. An Sven herangetreten sind wir dann, als wir von dem trialen Studium hörten, das auch uns gänzlich unbekannt war", berichtet Flege-Tiemerding.

Das triale Studium wird in Hannover angeboten

Nicht überall wird das Studium angeboten, in Deutschland in Hannover und Regensburg sowie in den Niederlanden. Mit Blick auf die Unternehmensnachfolge im Handwerksbetrieb ist dieses Angebot für (Fach-) Abiturienten angesichts der Perspektiven, die die prosperierende Branche biete, zur Vorbereitung "ideal", so Tiemerding.

Nach dem Angebot der Tiemerdings, das Studium zu absolvieren, kam Sven ins Grübeln: "War schon nicht einfach, sich zu entscheiden, zumal ich mich selbst eher als nur handwerklich durchschnittlich begabt betrachte. Ferienjobs im Straßenbau kannte ich, aber mit dem, was ich heute mache, hatte ich noch nie zu tun." Doch der frühe Eintritt in den Beruf, die Möglichkeit, schnell auch "vernünftiges Geld zu verdienen, letztlich die Perspektive Selbstständigkeit" lockte den Abiturienten schließlich in den Job. "Auch mit den Arbeitskollegen, die etwas skeptisch waren, was für ein Typ da denn auf sie zukommt, und ob der denn überhaupt was kann, ist das Verhältnis sehr gut."

"Sven ist ein Glücksfall für uns. Denn so kann die Betriebsnachfolge gesichert werden", freut sich Flege-Tiemerding. Für dessen Ausbildung nimmt man auch Geld in die Hand, übernimmt die Kosten für die Zeiten, in der sich Sven etwa auf der Meisterschule in Münster befindet. Sven kann sich auch auf ein mehrwöchiges Praktikum in Dubai freuen.

„Man muss sich natürlich hinsetzen und auch was tun.“Sven Bokern, trialer Student im Maler- und Lackiererhandwerk

Für sein großes Ziel setzt der Student viel Zeit ein. "Man muss sich natürlich hinsetzen und auch was tun", sagt der aktive Fußballer, dessen Hobby gerade sehr leidet. Sich nach einem Tag mit fast neun Stunden Arbeits- und Pausenzeit noch zu motivieren, selbst Unterlagen durchzuarbeiten oder an Onlinevorlesungen teilzunehmen, sei schon manchmal hart. Auch samstags müsse man in Präsenz in Hannover ran. Im Durchschnitt sei eine 50-Stunden-Woche die Regel, berichtet Sven. Er sei dennoch froh, in den Beruf gegangen zu sein, auf die akademische Karriere verzichtet zu haben: "Ich würde mein Studium jederzeit weiterempfehlen."

Der Azubistudent Bokern ist jetzt auch Stipendiat

Auch der "Lehrherr" kann mit seinem Azubistudenten sehr zufrieden sein. Für besondere Leistungen verlieh die Kurt-Alten-Stiftung Sven jetzt ein Jahresstipendium von monatlich 300 Euro. - Das macht nicht nur den Handwerkernachwuchs stolz.

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