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Dr. Jasmin Bernotats langer Weg über Damme, Steinfeld und Bielefeld nach Genua

Eigentlich sollte die junge Jasmin Bernotat ob einer Einschränkung in der Motorik eine Förderschule besuchen. Das verhinderte ihre Mutter mit aller Kraft.  Heute forscht die 37-Jährige in der Robotik.

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Auf Du und Du mit dem Roboter: Dr. Jasmin Bernotat forscht am „Italian Institute of Technology“ in Genua im Bereich der Robotik. Die gebürtige Dammerin ist promovierte Psychologin.   Foto: privat

Auf Du und Du mit dem Roboter: Dr. Jasmin Bernotat forscht am „Italian Institute of Technology“ in Genua im Bereich der Robotik. Die gebürtige Dammerin ist promovierte Psychologin.   Foto: privat

Damme, Steinfeld, Bielefeld, Genua: Stationen im Leben der gebürtigen Dammerin Dr. Jasmin Bernotat, die als promovierte Psychologin seit wenigen Monaten im italienischen Genua am renommierten "Italian Institute of Technology" (IIT), einem der größten technologischen Institute in Europa, im Bereich der Robotik-Forschung tätig ist.

Sie arbeitet in einem interdisziplinären Projekt mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Ländern, an dem zum Beispiel auch Bio-Ingenieure und Informatiker beteiligt sind. Am Italian Institute of Technolgy ist der Roboter "iCub"  gebaut worden. Die Forschenden wollen, dass er lernt, mit Menschen zu interagieren. "Dazu braucht er eine Art Gedächtnis", sagt Dr. Bernotat.

37-Jährige befasst sich mit menschlichem Gedächtnis und Roboter

Sie selbst befasst sich damit, was das menschliche Gedächtnis ausmacht und was der Roboter können muss, um eben mit Menschen aufeinander bezogen zu handeln. Dass die heute 37-Jährige in Genua in einem höchst anspruchsvollen Projekt tätig ist, hat sie neben ihrem ganz persönlichen Fleiß und ihrer wissenschaftlichen Reputation auch ihrer Mutter Ursula Bernotat und deren festem Glauben an die Fähigkeiten ihrer Tochter zu verdanken. Denn ohne sie wäre ihr Lebensweg womöglich ein ganz anderer gewesen.

Dazu ein Blick etwas mehr als 30 Jahre zurück: Als Kind weist Jasmin Bernotat eine leichte Bewegungsstörung auf und ist außerdem krampfgefährdet. Ihre Mutter lässt sie über die Früherziehung fördern. Und obwohl Jasmin Bernotat schon vor der Einschulung lesen und schreiben kann, soll sie nicht die Grundschule in Steinfeld besuchen, wohin Ursula Bernotat mit ihren Töchtern von Damme aus hingezogen ist, sondern eine Förderschule.

Statt Förderschule besucht Jasmin Bernotat die Grundschule

Dagegen wehrt sich Ursula Bernotat mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Mit Erfolg. Ihre jüngste Tochter wird schließlich doch in Steinfeld eingeschult. Sie bekommt aber sonderpädagogischen Förderunterricht. "Durch die verlangsamte Motorik habe ich deutlich langsamer geschrieben als meine Mitschüler", erklärt Dr. Jasmin Bernotat.

Nur informiert ihre Mutter damals niemanden darüber, dass Kinder, die in der Grundschule diesen Förderunterricht erhalten, nach der 4. Klasse zu einer Förderschule wechseln müssen. Als Ursula Bernotat das erfährt, setzt sie wieder alle Hebel in Bewegung, das zu verhindern. Ein Arzt und Psychotherapeut in Lohne weist anhand von Intelligenztests nach, dass die damals 10 Jahre alte Jasmin Bernotat nicht zur Förderschule gehen muss, sondern die damals noch existierende Orientierungsstufe besuchen kann.

"Dabei sind meine Noten so gut gewesen, dass mir eine Gymnasialempfehlung zugestanden hätte."Dr. Jasmin Bernotat

Nach der 6. Klasse der Orientierungsstufe in Damme erhält Jasmin Bernotat eine Hauptschulempfehlung. "Dabei sind meine Noten so gut gewesen, dass mir eine Gymnasialempfehlung zugestanden hätte", erinnert sie sich.

Schließlich geht sie, wieder auf Betreiben ihrer Mutter, zur Realschule. Und weil sie sich inzwischen einen langen Atem antrainiert hat, verliert sie nicht die Geduld, erreicht nach der 10. Klasse den Erweiterten Realschulabschluss, besucht anschließend das Dammer Gymnasium und besteht dort 2005 ihre Abiturprüfungen. Von der eigentlichen Förderschülerin zur Abiturientin – das zeigt, wie richtig Ursula Bernotat die ganze Zeit in der Einschätzung ihrer Tochter gelegen hat.

Abiturientin fehlt in Medizin der zwischenmenschliche Aspekt

Eigentlich hat die Abiturientin Jasmin Bernotat dann Medizin studieren wollen. Denn das sei schon mit 4 Jahren ihr Ziel gewesen, erklärt sie. Doch während einer Ausbildung im Dammer Krankenhaus zur Krankenpflegerin stellt sie fest: In der Medizin fehlt ihr der zwischenmenschliche Aspekt.

Genau der aber interessiert sie. Schließlich beginnt sie an der Universität Bielefeld ihr Psychologie-Studium. Schon in den ersten Wochen entscheidet sich ihr weiterer Studienweg. Jasmin Bernotat hört eine Sozialpsychologievorlesung von Professorin Dr. Friederike Eyssel, bei der sie später auch promoviert.

Schon im Studium geht es um soziale Robotik

Der Bereich fasziniert sie. Ihr Interesse an sozialpsychologischer Forschung führt sie bereits während ihres Studiums durch Praktika am Forschungszentrum Cognitive Interaction Technology (CITEC) der Universität Bielefeld in den Bereich sozialer Robotik und Mensch-Technik-Interaktion.

Hierbei handelt es sich um die Erforschung dessen, wie intelligente Systeme zu gestalten sind, um sie für verschiedene Nutzergruppen positiv und bedienbar zu gestalten. Gleichzeitig nutzt sie bereits während ihres Studiums die Interdisziplinarität an der Universität Bielefeld, insbesondere am CITEC, indem sie zudem den Fokus auf die Neuropsychologie und der Psycholinguistik legt.

Jasmin Bernotat bündelt Interessen in der Dissertation

Ihre Interessen bündelt sie schließlich in ihrer Dissertation, die sie 2015 in der Psychologie und im interdisziplinären Promotions-Studiengang "Intelligente Systeme" der Universität Bielefeld beginnt. Der Titel ihrer Dissertation, die sie 2021 abschließt, lautet "Keep an eye on stereotypes – The effects of gender stereotypes toward humans and robots on language processing". Das Thema ihrer Dissertation ist an der Schnittstelle zwischen sozialer Robotik, Sozialpsychologie und Psycholinguistik angesiedelt.

Zudem ist sie seit 2015 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Projekten "Cognitive Service Robotics Apartment as an Ambient Host (CSRA)" und "Experimentalpsychologische Genderforschung" tätig. So, sagt Dr. Bernotat, habe sie seit 2015 letztlich zwei verschiedene Forschungslinien verfolgt: zum einen die, wie intelligente Technologien zu gestalten sind, damit verschiedene Nutzergruppen, diese bedienen und sich in der Mensch-Technik-Interaktion wohlfühlen. Hierbei spielt vor allem das Vertrauen in Technik und insbesondere gegenüber Robotern eine wichtige Rolle.

Forschung umfasst auch Prozesse während der Sprachverarbeitung

Zum anderen erforscht sie den Einfluss von Stereotypen auf die kognitiven Prozesse während der Sprachverarbeitung. Aber die damalige Doktorandin forscht nicht nur in Bielefeld. Sie ist weltweit bei Tagungen vertreten und stellt Ergebnisse ihrer Arbeit vor.

Und das mit großem Erfolg. So erhält sie die Auszeichnung Best-Paper-Finalist bei einer internationalen Konferenz über soziale Robotik in Tsukuba, Japan, und den Best-Paper Award auf einer Konferenz zur Mensch-Roboter-Interaktion in Cambridge, Großbritannien.

Nachwuchsfonds der Universität Bielefeld vergibt Stipendium

Zudem bekommt sie, ihre wissenschaftlichen Leistungen anerkennend, ein Stipendium des Bielefelder Nachwuchsfonds der Universität Bielefeld. Ihre Forschungsarbeiten, solche Auszeichnungen und letztlich die Förderung durch ihre Doktormutter, die sie immer dazu ermutigt hat, "in die erste Reihe" zu gehen und ihre Forschung auf internationalen Konferenzen und in Fachzeitschriften zu veröffentlichen, haben Dr. Bernotat den Weg nach Genua geebnet.

Aber ganz großen Anteil daran habe eben auch ihre Mutter und deren fester Glaube an sie und ihre Fähigkeiten, sagt sie und kommentiert ihren bisherigen beruflichen Lebensweg mit den Worten: "Es war ein steiniger Weg bis hierher, aber es hat sich gelohnt. Mein Werdegang ist schon Eins A."

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