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Die Schausteller blicken in den Abgrund

Verband fordert behutsames Vorgehen von Politik. Stoppelmarkt nach Angaben der Stadt Vechta derzeit nicht bedroht.

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Ob Stoppelmarkt, Neuenkirchener Kirmes oder Dammer Frühjahrsmarkt: Wenn Tausende feiern, müssen sie arbeiten. Tage bevor ein Volksfest beginnt, kommen die Schausteller mit ihren Karussells, Fahrgeschäften und Imbissen. Eigentlich stünden bald die ersten Volksfeste der Saison an. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Wegen der Corona-Pandemie fallen viele Volksfeste in nächster Zeit aus, die Branche schaut in den Abgrund.

Das gilt auch für Betriebe aus der Region. „Bis zum Mai werden wir kein Rad bewegen“, sagt Jürgen Meyer. Er ist Vorsitzender des Vereins reisender Schausteller Vechta. Damit fielen „die Einnahmen auf null“. Dabei haben die Schausteller auch in den vergangenen Monaten kein Geld verdient, denn seit dem Jahreswechsel waren sie im Winterlager. In dieser Zeit werde investiert und repariert, so Meyer. Deshalb muss im Frühjahr Geld in die Kassen kommen. Doch das wird zunächst nicht passieren.

Die Branche wartet deshalb „auf einen Rettungsschirm“, sagt Meyer, der selbst hauptsächlich mit Imbiss- und Getränkeständen sein Geld verdient. Wir haben „schnelle Hilfe bitter nötig“.

Diese scheint zu kommen. Am Dienstag hatte die Landesregierung angekündigt, Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern und weniger als zwei Millionen Euro Jahresumsatz mit einem Zuschuss in Höhe von 20000 Euro helfen zu wollen. Damit soll diesen ermöglicht werden, finanzielle Belastungen abdecken zu können, die andernfalls ihre Geschäftstätigkeit zerstören würden, wie es in einer Pressemitteilung des Landeswirtschaftsministeriums heißt.

Kevin Kratzsch begrüßt das. Er ist Vize-Präsident des DSB. Er bewertete die angekündigten Schritte aus der Sicht seiner Branche als „positiv“, wenn gleich nicht absehbar sei, ob sie ausreichen würden. Denn noch ist unklar, wie lange das öffentliche Leben stillgelegt bleibt.

Kredite, die auch von der Landesregierung in Aussicht gestellt wurden, würden hingegen nicht jedem Betrieb helfen, so der Vechtaer Vereinsvorsitzende Meyer. Schließlich müssten diese irgendwann abbezahlt werden. Ausgefallene Volksfeste könnten aber kaum nachgeholt werden, daher sei es nicht jedem Betrieb möglich, zusätzliche Kredite später auch zu bedienen.

Zunächst reagieren die Betriebe in diesen Tagen durch Einsparungen auf den Stillstand. So würden etwa Fahrzeuge von der Versicherung abgemeldet und damit vorübergehend stillgelegt, erklärt Karl-Heinz Wehry aus Vechta. Er ist Geschäftsführer des lokalen Schaustellervereins, dem 72 Betriebe aus der Region angehören. Doch auch der Stillstand koste Geld, etwa wenn Fahrgeschäfte in ursprünglich nur für das Winterlager angemieteten Hallen untergestellt werden müssen. Auch, wer eine Lagerstätte sein eigen nennt, müsse für diese möglicherweise Kredite bedienen, sagt Wehry.

Die Schausteller wollen sich bei Engpässen einbringen, sagt Meyer

Ein besonders dringendes Problem der Schausteller ist das Personal. Ohnehin sei es nicht einfach, Arbeiter zu finden, die sich auf die körperliche Arbeit „bei Wind und Wetter“ einließen, sagt DSB-Geschäftsführer Hakelberg. Nun stünden die Betreiber vor dem Problem, dass es keine Arbeit für die Saisonkräfte gebe. Trotzdem wollten die Schausteller ihre Mitarbeiter, die häufig aus Polen oder Rumänien kämen, nicht verlieren. „Die haben selbst Familie, das sind wir ihnen schuldig“, sagt Hakelberg.

Auch die Schausteller aus Südoldenburg versuchten, ihren Mitarbeitern zu helfen, sagt Meyer. Diejenigen etwa, die jetzt schon in Deutschland seien, lebten wie während der Saison mit „im Familienverband“. „Wir sorgen für die Grundversorgung“, ergänzt Meyer und stellt klar: „Keiner wird auf die Straße gesetzt.“ Ob Kurzarbeitergeld für die Saisonkräfte eingesetzt werden könne, sei noch unklar, so Wehry.

Eines ist den Schaustellern sehr wichtig: Von der Politik fordern sie besonnenes Handeln. Keinesfalls dürften Volksfeste im Sommer übereilt abgesagt werden, fordern im Gleichklang Meyer und Hakelberg.

Was das größte Volksfest der Region, den Stoppelmarkt angeht, erklärt die Vechtaer Stadtverwaltung gestern auf Anfrage, sie sei „zuversichtlich und aktuell in einem sicheren Zeitfenster, das keine übereilte Entscheidung“ fordere. Grundlage für Entscheidungen, ob Veranstaltungen stattfinden könnten, seien ohnehin Verfügungen des Landkreises. Gegenwärtig habe „Vorrang, die Pandemie einzudämmen“, so Herbert Fischer, Leiter der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit. „Dafür brauchen wir die Hilfe und Unterstützung aller Menschen in der Region.“

Helfen wollen unterdessen auch die Schausteller. Der DSB bietet der Öffentlichkeit an, „lebenswichtige Güter“ durch eigene Lastwagen zu transportieren. Mit Kränen und Werkzeugen könne man auch Einsatzkräfte unterstützen. „In dieser schweren Zeit wollen wir nicht untätig sein“, sagt Meyer.

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