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"Die Produktion muss vor Ort bleiben"

Der Bundesrat hat die neue Tierhaltungsverordnung beschlossen. Wilhelm Willoh sieht Sauenhalter in der Zwickmühle und übt im Interview Kritik an Expertenkommission.

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Vor dem Umbruch: Der Bundesrat hat vergangene  Woche die neue Tierhaltungsverordnung beschlossen. Dazu gehört auch das weitgehende Verbot von Kastenständen. Foto: dpa

Vor dem Umbruch: Der Bundesrat hat vergangene Woche die neue Tierhaltungsverordnung beschlossen. Dazu gehört auch das weitgehende Verbot von Kastenständen. Foto: dpa

Sie beliefern Sauenhalter mit Ebersamen. Wie nehmen ihre Kunden das Kastenstandverbot auf?

Es ist ja nicht so, dass niemand mit der Entscheidung des Bundesrates gerechnet hätte. Viele Sauenhalter beschäftigen sich schon seit Jahren mit dem Thema Umbau. Bislang wussten sie aber nicht, an welche neuen Regelungen sie sich zu halten hatten, weil es die einfach nicht gab. Insofern herrscht darüber jetzt Klarheit. Klar ist aber auch, dass das Verbot für viele der letzte Grund ist, um aus der Produktion auszusteigen.

Wie viele Sauen werden denn noch in Deutschland gehalten?

Zurzeit sind es rund 1,7 Millionen, aber seit 2010 sinkt die Zahl jährlich um zehn Prozent. Die Zahl der Betriebe ging noch dramatischer zurück, nämlich um mehr als die Hälfte. Vor allem die kleinen Höfe haben mit der Sauenhaltung aufgehört, was schon fast ein bisschen tragisch ist. Denn viele von ihnen hielten ihre Tiere in alten Ställen mit größeren Buchten, also im Prinzip so, wie es die neuen Regelungen demnächst vorsehen. Die meisten Ferkel kommen inzwischen aus dem Ausland. Allein aus Dänemark und den Niederlanden sind es zusammen 13 Millionen im Jahr.

Gibt es in diesen beiden Ländern ebenfalls noch Kastenstände?

Die gibt es nach wie vor. Sowohl in Dänemark als auch in den Niederlanden wurden zwar ähnliche Regelungen wie jetzt in Deutschland auf den Weg gebracht. Die Fristen sind aber deutlich länger. Man schiebt die Umsetzung auf die lange Bank, während wir es wie immer eilig haben.

Ist das wirklich so? Kastenstände müssen in acht Jahren aus dem Deckzentrum verschwunden sein.  Und erst in 15 Jahren gilt, dass Sauen nach dem Abferkeln nur noch maximal fünf Tage im Kastenstall gehalten werden dürfen. Sollte diese Zeit nicht ausreichen, um die Ställe umzubauen?

Wilhelm Willoh  Foto: Georg MeyerWilhelm Willoh  Foto: Georg Meyer

Wer gerade einen neuen Stall errichtet hat, muss ihn mindestens 25 Jahre lang betreiben, damit die Investition sich auszahlt. Einer unserer Kunden hält zum Beispiel 520 Sauen. Er müsste jetzt mehr als eine Million Euro in den Umbau stecken. Macht er aber nicht. Stattdessen schafft er die Sauen ab und mästet nur noch. Ebersamen bestellt er bei uns natürlich keine mehr. Man muss eines einmal klar sagen: Alles, was die Landwirte in den vergangenen Jahrzehnten auf ihren Höfen gemacht haben, war politisch gewollt. Sie haben nur versucht, sich anzupassen. Wenn die Politik jetzt alles ändern möchte, sollte sie sich zunächst einmal hinstellen und sagen: Wir haben uns verlaufen. Stattdessen richtet sie eine Expertenkommission ein, die für mich ein reiner Papiertiger ist.

Die Kommission wurde gerade vom Bundeskabinett eingesetzt, um einen Konsens für die Neuausrichtung der Landwirtschaft zu finden. Sie halten nichts davon?

Diese Experten haben gar keinen Spielraum mehr. Von der Dünge- bis zur Tierhaltungsverordnung ist der Weg inzwischen doch gesetzlich vorgegeben. Daran wird sich jetzt alles ausrichten, nicht an Vorschlägen sogenannter Fachleute.

Trotzdem: Ist der Reformbedarf nicht unübersehbar? Warum muss eine Sau pro Wurf bis zu 30 Ferkel bekommen, obwohl sie nur halb so viele Zitzen zum Säugen hat?

Die Zuchtziele haben sich bereits verändert. Seit zwei Jahren geht es nicht mehr um die Produktionsteigerung, sondern vor allem um die Tiergesundheit. Das ist auch richtig so, denn wir benötigen nicht mehr Ferkel. Allerdings müssen wir die Produktion weiterhin vor Ort halten. Die Ferkel werden hier benötigt, wo wir die kurzen Wege zu den Mastbetrieben und den Schlachthöfen haben.

Wären Sie denn dafür gewesen, dass alles so bleibt wie es ist?

Im Gegenteil. Wir müssen die Landwirtschaft im Ganzen neu durchdenken. Es ist nicht gut, wenn es nur noch zwei Bauern im Ort gibt und die anderen ihre Flächen verpachten. Die Politik muss den Landwirten jetzt helfen, die neuen Anforderungen umzusetzen und zum Beispiel schnell das Baurecht anpassen. Daran hängen bei uns auch viele Arbeitsplätze. Und weil die Arbeit in den umgebauten Ställen noch intensiver sein wird, dürfte der Bedarf nach ausgebildeten Tierwirtinnen und Tierwirten künftig eher größer als kleiner werden.

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