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Das Genossenschaftsmodell trägt Mitglieder durch die Krise

Der Genossenschaftsverband Weser-Ems registriert in einigen Wirtschaftsbereichen sogar steigende Umsätze. Zahl der über genossenschaftliche Viehvermarkter abgesetzten Nutz- und Schlachttiere steigt.

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Geringe Erntemengen in Deutschland führten 2020 zu steigenden Preisen. Das war insbesondere für die Futtermittelhersteller in Weser-Ems ein Problem. Foto: Kühn

Geringe Erntemengen in Deutschland führten 2020 zu steigenden Preisen. Das war insbesondere für die Futtermittelhersteller in Weser-Ems ein Problem. Foto: Kühn

Das Genossenschaftsmodell in Weser-Ems trägt weiter durch alle Krisen. Das ist die Nachricht, die von den beiden Verbandsdirektoren Johannes Freundlieb und Axel Schwengels während einer digitalen Pressekonferenz übermittelt wurde. Freundlieb sah dabei angesichts der Corona-Krise und weiterer wirtschaftlicher Herausforderungen die Geschäftsergebnisse der Ländlichen Genossenschaften und Energiegenossenschaften in Weser-Ems nicht nur als stabil und einträglich, sondern berichtete sogar von steigenden Umsätzen in den Bereichen Obst und Gemüse, landwirtschaftliche Waren, Milch sowie Energie. Auch angesichts von Afrikanischer Schweinepest, dem dadurch bedingten Einbruch im Exportgeschäft mit Asien sowie Tierwohldiskussion hielten die Viehvermarktungsgenossenschaften ihre Umsätze fast auf Vorjahresniveau.

Es sei gelungen, so Freundlieb, "während der Pandemie eine zuverlässige Versorgung der Bevölkerung und die Lieferketten aufrechtzuerhalten". Der Genossenschaftsverband hat 314 Mitgliedsunternehmen, die ihrerseits insgesamt 32.500 Mitglieder haben. Zurzeit arbeiten 12.000 Menschen für die angeschlossenen Genossenschaften. Im vergangenen Jahr seien trotz aller Krisen "11 Genossenschaften neu gegründet worden", berichtete Schwengels.

Weiter steigende Umsätze im Obst- und Gemüseanbau

Für die beiden dem Verband angehörenden Obst- und Gemüsegenossenschaften, darunter der Erzeugergroßmarkt ELO mit Sitz in Langförden, verlief das Jahr 2020 laut Freundlieb "erfreulich": Der Umsatz konnte um 8,3 Prozent auf 326 Millionen Euro gesteigert werden (Vorjahr: 301 Millionen Euro). Die Bilanzsumme erhöhte sich um 15,8 Prozent und erreichte 88 Millionen Euro (76 Millionen Euro). "Die Unternehmen standen 2020 mit den pandemiebedingten Einreisebeschränkungen für Saisonarbeitskräfte insbesondere zur Spargel- und Erdbeerernte vor einer besonderen Herausforderung." Vor diesem Hintergrund seien die Geschäftsergebnisse "sehr gut".

Hohe Eigenkapitalquote der Warengenossenschaften

Die dem Verband angehörenden 37 Warengenossenschaften steigerten ihren Umsatz im Berichtsjahr von 1,7 auf 1,8 Milliarden Euro (plus 5,9 Prozent). Das Jahresergebnis steigerte sich um 40 Prozent und betrug 11,2 Millionen Euro (8 Millionen Euro). Das Eigenkapital legte laut Freundlieb um 6 Prozent auf rund 257 Millionen Euro (rund 242 Millionen Euro) zu. Die Eigenkapitalquote der Genossenschaften belief sich laut Freundlieb am Jahresende 2020 auf durchschnittlich 56,6 Prozent (54,3 Prozent). Das sei im Vergleich zu anderen wirtschaftlich tätigen Unternehmen eine außergewöhnlich hohe Quote, so der Verbandsdirektor.

Hauptumsatzträger der Warengenossenschaften ist der Handel mit Mischfutter (fremde und eigene Herstellung) mit 53 Prozent. Hier zeigt sich ein positives Bild: Die Mitgliedsunternehmen bilanzierten 2020 für Futtermittel ein Plus von 0,7 Millionen Tonnen auf 3,9 Millionen Tonnen (3,2 Millionen Tonnen). Der Anteil selbst produzierter Futtermittel lag bei 2,7 Millionen Tonnen. Der Umsatz ist gestiegen: von 903,6 Millionen Euro auf 1,05 Milliarden Euro (plus 11,2 Prozent).

Die Direktoren des Genossenschaftsverbandes Weser-Ems, Axel Schwengels (links) und Johannes Freundlieb, mit dem Geschäftsbericht für das Jahr 2020. Foto: HibbelerDie Direktoren des Genossenschaftsverbandes Weser-Ems, Axel Schwengels (links) und Johannes Freundlieb, mit dem Geschäftsbericht für das Jahr 2020. Foto: Hibbeler

Das letzte Getreidewirtschaftsjahr brachte geringe deutsche Erntemengen und einen "rasanten Anstieg der Getreidepreise" mit sich, meinte Freundlieb. Dort, wo der deutsche Versorgungsgrad nicht bei 100 Prozent liege, so etwa bei Ölsaaten/Raps, waren steigende Preise zu verzeichnen. "Die Preissicherung an Warenterminbörsen ist somit für die Genossenschaften von zentraler Bedeutung", führte Freundlieb aus.

Bei den landwirtschaftlichen Betriebsmitteln bewegte sich der Umsatz mit 188,2 Millionen Euro auf einem stabilen Niveau (188,5 Millionen Euro) und machte einen Anteil von 14 Prozent am Gesamtumsatz aus. Der Handel mit Mineralölen sowie Treib- und Schmierstoffen, der einen Anteil von 17 Prozent hat und damit nach dem Mischfutterhandel zweitgrößter Umsatzträger des genossenschaftlichen Warenhandels ist, war 2020 geprägt von volatilen Märkten und einem niedrigen Preisniveau. Der Umsatz, zu dem 83 Tankstellen in Weser-Ems beitragen, verringerte sich in diesem Geschäftsbereich entsprechend um 4,2 Prozent und lag bei 311,7 Millionen Euro (325,5 Millionen Euro).

Der Umsatz im Bereich landwirtschaftliche Erzeugnisse lag insgesamt bei 105,4 Millionen Euro (117,6 Millionen Euro). Das entspricht einem Rückgang von 10,4 Prozent. Über die Raiffeisenmärkte profitierten die Genossenschaften aber von den Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie. Insbesondere der Haus- und Gartenbereich sowie Baustoffhandel steigerten den Umsatz um fast 27 Prozent auf annähernd 141 Millionen Euro.

Verbandsdirektor prophezeit Preissteigerungen

In seinem Ausblick prophezeite Freundlieb für das laufende Jahr ein "Anziehen der Futter- wie auch letztlich der Lebensmittelpreise". Längst sei auch eine Explosion der Preise im Baustoffbereich festzustellen. Holz, Kunststoffe, Dämmmaterial sind knapp und werden immer teurer. "Das starke Anziehen der Preise und Lieferschwierigkeiten werden deshalb auch den Baustoffhandel beeinflussen."

Viele Bauern geben die Tierhaltung auf

23 Genossenschaften und Gesellschaften sind in der Viehvermarktung tätig. Die "Doppelkrise", so Freundlieb, resultierend aus der Corona-Pandemie und dem Aufkommen der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland, sorgte für Turbulenzen am Markt. "Über alle Fleischarten hinweg kam es im Laufe des vergangenen Jahres zu deutlichen Preisabschlägen." Sinkende Nachfrage und Corona-Einschränkungen mit der Schließung von Schlachthöfen und dem folgenden Schweinestau seien ursächlich für fallende Preise gewesen. Dennoch konnten die Vermarkter ihre Umsätze von rund 1 Milliarde Euro halten.

Die vermarkteten Stückzahlen im Bereich der Zucht- und Nutztiere, im Wesentlichen handelt es sich um Ferkel, Läufer und Großvieh, stiegen in Weser-Ems in 2020 auf 3,2 Millionen Tiere (3,1 Millionen Tiere), der Umsatz verringerte sich dagegen aufgrund des niedrigen Preisniveaus um 6,2 Prozent auf 262,7 Millionen Euro (280 Millionen Euro). Die Zahl der erfassten Schlachttiere (Schweine und Großvieh) betrug im Berichtsjahr 3,8 Millionen. 2019 waren es noch 3,6 Millionen Tiere. Der Umsatz reduzierte sich auch hier preisbedingt um 6,6 Prozent auf 693 Millionen Euro (742 Millionen Euro). "Die erhöhte Anzahl der vermarkteten Tiere ist unter anderem darin begründet, dass Landwirte in schwierigen Marktsituationen offensichtlich auf verlässliche Handelsstrukturen zurückgreifen und vermehrt das Geschäft mit genossenschaftlichen Partnern suchen", so die Einschätzung Freundliebs.

Die aktuelle Preisentwicklung zeigt eine verhalten positive Stimmung. In der Debatte um das Tierwohl und die Transformation der hergebrachten Nutztierhaltung forderte Freundlieb "Planbarkeit und Verlässlichkeit" für die Landwirte. Schon jetzt gäben viele Bauern auf. Die Sauenhaltung in Deutschland verschwinde fast völlig. Das werde auch Auswirkungen auf die künftige Vermarktung des deutschen Qualitätsfleisches haben, die ja auch auf die Herkunft des Tieres abziele, meinte der Verbandsdirektor. Angesicht der Unsicherheiten am Markt, insbesondere auch mit Blick auf die künftige Vermarktung der unter Tierwohlbedingungen aufgezogenen Tiere, die der Bauer nun selbst in die Hand nehmen müsse, glaubt Freundlieb nicht mehr daran, "dass jeder Landwirt seine Ställe auch umbauen wird". Er befürchtet vermehrte Betriebsaufgaben.

Energiegenossenschaften werden durch das neue EEG benachteiligt

Schwengels berichtete über die Molkereigenossenschaften. Auch am Milchmarkt seien die Auswirkungen der Pandemie zu spüren gewesen. Zuletzt hätten sich aber Preisniveau und Absatz stabilisiert. Der Umsatz konnte um 1,5 Prozent auf 6,7 Milliarden Euro gesteigert werden (6,6 Mrd. Euro). Die verarbeitete Milchmenge, so Schwengels, ging unter anderem infolge des fortschreitenden Strukturwandels in der Milchviehhaltung um 5,5 Prozent auf gut 8,6 Milliarden Kilogramm zurück (9,1 Milliarden Kilogramm). Spitzenreiter beim Umsatz war Käse mit 2,3 Milliarden Euro. Der Milchauszahlungspreis in Niedersachsen lag mit durchschnittlich 32,04 Cent pro Kilogramm (32,85 Cent/Kilogramm) unter dem Bundesdurchschnitt von rund 33 Cent pro Kilogramm. Es zeichne sich aber eine Entspannung ab.

Über 19.000 Mitglieder in 72 Energiegenossenschaften

Über 19.000 Mitglieder in Weser-Ems stehen hinter den 72 Energiegenossenschaften, die sich auf unterschiedliche Geschäftsfelder konzentrieren. Die Produktion von Strom aus Wind und Sonne steht im Vordergrund. 2020 wurden 234.000 Megawattstunden Strom erzeugt, womit die Genossenschaften Umsatzerlöse von knapp 110 Millionen Euro (100 Millionen Euro) erzielten. Mit knapp über 205.129 Megawattstunden erzeugten Strom liegt die Windenergie auf Platz eins.

Schwengels kritisierte die Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes. Die unternehmerische Tätigkeit werde insbesondere durch den faktischen Zwang von Photovoltaikdachausschreibungen für Anlagen zwischen 300 Kilowatt (kW) und 750 kW behindert. Er unterstrich, dass man die Forderungen des Verbandes nach Änderungen der EEG-Vorschriften auch in den Bundestagswahlkampf einführen werde.

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