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Coronavirus stoppt Einreise der Erntehelfer

Die regionalen Obst- und Gemüsebauern warten auf ihre Saisonarbeitskräfte. Es herrscht Planungsunsicherheit.

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Die Obst- und Gemüsebauern der Region benötigen viele Helfer. Besonders die Spargelanbauer warten ungeduldig darauf, dass die gesperrten Grenzen für ausländische Arbeitskräfte geöffnet werden. Ab Anfang April wird das Edelgemüse gestochen. Foto: dpa / Büttner

Die Obst- und Gemüsebauern der Region benötigen viele Helfer. Besonders die Spargelanbauer warten ungeduldig darauf, dass die gesperrten Grenzen für ausländische Arbeitskräfte geöffnet werden. Ab Anfang April wird das Edelgemüse gestochen. Foto: dpa / Büttner

„Derzeit hänge ich völlig in der Schwebe“, sagt Christian Dreyer. Der Dammer baut auf knapp sechs Hektar Spargel an und steht kurz vor der Saisoneröffnung. Anfang April soll es mit dem Stechen losgehen und bislang ist keiner seiner rumänischen Helfer vor Ort, um bei den Vorbereitungen zu helfen. So muss jetzt wieder die Familie ran, und die schützenden Folien über die Wälle auf den Spargelfeldern ziehen. Wer gerade arbeitet? „Meine Frau, die Kinder, Oma und Opa ...“

Mit Familienhilfe allein wird Dreyer seinen Spargel in der Saison nicht ernten können, das weiß er. Wie viele andere Obst- und Gemüsebauern wartet er deshalb händeringend auf seine Erntehelfer. Doch die dürfen derzeit nicht kommen, auch wenn sie wollten, denn wichtige Transitgrenzen sind wegen der Coronavirus-Pandemie geschlossen. Wann sich die Grenzbalken wieder heben, steht derzeit in den Sternen. „Ich habe nur fünf Helfer“, sagt Dreyer und bedauert die Kollegen mit größeren Anbauflächen: „Was machen die jetzt bloß, wenn die Leute nicht kommen? Das wird alles noch große wirtschaftliche Auswirkungen haben.“

Dreyer plant für „den Fall der Fälle“ Vorsorge und beabsichtigt Studenten für die Saison zu engagieren. Aber er ist unsicher, ob er dauerhaft Arbeit anbieten kann. Bislang kann der auf den Privatverkauf spezialisierte Spargelanbauer nicht sagen, ob er die üblichen Mengen stechen kann. Ein Hauptabnehmer, die Gastronomie, fällt auf jeden Fall zunächst aus: „Da ist ja erst einmal alles geschlossen. Die Nachfrage wird zurückgehen.“

Einer der größeren Obst- und Gemüse anbauenden Betriebe im Kreis Vechta wird von Konrad Wohlers geführt. Es ist jetzt Zeit, die Erdbeeren zu pikieren und zu pflanzen. „Ich habe Lieferverpflichtungen und muss, um im Sommer Geld verdienen zu können, jetzt in Vorleistung gehen. Es wäre ein Riesendesaster, hätte ich keine Leute.“ Und die hat er. Vor einigen Tagen ist ein Bus mit 45 Erntehelfern aus Rumänien auf dem Hof in Visbek-Hagstedt eingetroffen.

Die Anbauer von Obst und Gemüse müssen finanziell vorleisten

Erdbeerspezialist Wohlers sieht die Ankunft der Arbeiter als Resultat guter Vorbereitung: „Die Helfer sind alle gesundheitlich durchgecheckt, vor allem nachweislich negativ auf das Coronavirus getestet. Nur deshalb wurde dem Bus gestattet, alle Grenzen zu überqueren.“

Im hofeigenen Containerhotel mit kleinem Laden werden die saisonalen Helfer weitgehend unter sich bleiben, so wird auch das Ansteckungsrisiko von außen gering gehalten, hofft Wohlers, der in der Spitze bis zu 250 Arbeitskräfte, im Laufe der gesamten Erntezeit fast 400 Menschen beschäftigt.

Die Politik müsse jetzt in Sachen geregelter Grenzübertritt von Erntehelfern schnell handeln, fordert Wohlers. Obst- und Gemüsebauern, die Landwirtschaft insgesamt „sind Lebensmittelproduzenten“, damit „systemwichtig“. Ohne die Produzenten gäbe es keine Nahrung. „Wenn jetzt zu wenig Arbeiter in die Region kommen, um bei der Ernte von Spargel, Salat, Kohl oder Erdbeeren zu helfen, dann wird es hier ein großes Obst- und Gemüsebauernsterben geben“, prophezeit Wohlers.

Der Vorsitzende des Kreislandvolkes Vechta, Dr. Johannes Wilking, sieht die Verbände „dran an der Politik“, um die Frage der fehlenden Erntehelfer schnell zu lösen. Es brauche jetzt einen Sonderweg, damit die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln nicht wegbreche.

Durch das Coranavirus erlebe man derzeit, dass „Arbeitsteiligkeit an ihre Grenzen stößt“. Das gelte auch für den landwirtschaftlichen Bereich. Die jetzt fehlenden ausländischen Arbeitskräfte führten bei vielen in der Branche agierenden Unternehmen zu Vorsicht: „Wir erleben gerade große Planungsunsicherheit“, erklärt Wilking. Er wisse von Unternehmen aus der Region, die sich „alle die Frage stellen, ob sie jetzt in Vorleistung gehen oder nicht“. Es müssten etwa Jungpflanzen gekauft, auch in die Technik investiert werden. Das geschehe nicht, wenn man nicht wüsste, dass die Erntehelfer kommen.

Frank Halbsguth, Sprecher der Agentur für Arbeit Vechta, erklärt, dass landwirtschaftliche Betriebe wie andere Unternehmen auch die Dienst- und Unterstützungsleistungen der Agentur in Anspruch nehmen können. Bei der Suche nach geeignetem Personal wäre der Arbeitgeber-Service die richtige Adresse. Erfahrungsgemäß sei es jedoch nicht einfach, „Menschen aus anderen Branchen für die Erntehilfe zu gewinnen“.

Die bäuerliche Basisvereinigung „Land schafft Verbindung“ wendet sich mit der Bitte um Hilfe bei der Aussaat, der Ernte, der Versorgung der Tiere oder auch im privaten Bereich an die Bevölkerung. In einem Aufruf werden die Bürger darum gebeten, in den nächsten Wochen „ihre Landwirte vor Ort“ aktiv zu unterstützen „um die Versorgungssicherheit“ zu gewährleisten. Den Kontakt sollen Interessierte eigenständig suchen.

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