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Corona-Überbrückungshilfen: Von wegen schnell und unbürokratisch

Der Friesoyther Steuerberater Dr. Hilmar Gerdes beschreibt Schwächen bei den Modalitäten der staatlichen Überbrückungshilfen. Eine undifferenzierte Kritik hält er allerdings für unangebracht.

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Blitzableiter: Im Gespräch mit Mandanten bekommt Steuerberater Dr. Hilmar Gerdes oft den Ärger seiner Mandanten ab, wenn bereits gestellte Anträge wegen nachträglicher Änderungen der Vorgaben überarbeitet werden müssen. Foto: Stix

Blitzableiter: Im Gespräch mit Mandanten bekommt Steuerberater Dr. Hilmar Gerdes oft den Ärger seiner Mandanten ab, wenn bereits gestellte Anträge wegen nachträglicher Änderungen der Vorgaben überarbeitet werden müssen. Foto: Stix

Bund und Länder haben ungezählte Hilfs-, Förder- und Sonderprogramme in Milliardenhöhe aufgelegt, um Wirtschaft, Handel und Industrie bei der Bewältigung der Corona-Krise zu unterstützen. Die Grundidee dahinter wird zumeist gelobt, für die Umsetzung allerdings hagelt es inzwischen fast ausnahmslos Kritik.

Der Friesoyther Steuerberater Dr. Hilmar Gerdes fasst das Unbehagen seiner Branche und vieler Unternehmer in einem kurzen Satz zusammen. „Es sollte schnell und unbürokratisch werden, läuft aber langsam und bürokratisch.“

Erst 5 Prozent der Novemberhilfen ausgezahlt

Als einen der größten Kritikpunkte benennt Gerdes die schleppende Auszahlung der Fördermittel. So seien von der Überbrückungshilfe II, die den Zeitraum September bis Dezember abdeckt, erst 10 Prozent der beantragten Mittel ausgezahlt. Von den sogenannten Novemberhilfen seien es sogar erst 5 Prozent.

„Dadurch entsteht ein massives Liquiditätsproblem, denn Mieten und Darlehen beispielsweise laufen ja weiter“, sagt Gerdes. Die Unternehmen hätten die Gelder einkalkuliert, sie seien oftmals auch die Grundlage für Abmachungen mit den Banken. „Da sollten zumindest die Abschläge schnell fließen.“

„Viele Konditionen sind immer noch nicht final geklärt, es gibt bis heute keine verbindlichen Richtlinien-"Dr. Hilmar Gerdes, Steuerberater

Für den hohen bürokratischen Aufwand macht Gerdes auch die häufigen Änderungen in den Vorschriften verantwortlich. „Viele Konditionen sind immer noch nicht final geklärt, es gibt bis heute keine verbindlichen Richtlinien“, erläutert der Steuerberater. „Stattdessen arbeiten wir mit einer langen, lebenden Liste von Fragen und Antworten auf der Webseite des Ministeriums.“

Mehrmals am Tag müsse man nach Änderungen schauen, ständig werde etwas konkretisiert, gestrichen oder ergänzt. Dabei könne, sagt Gerdes, schon ein einzelnes Wort die gesamte Berechnung obsolet machen. So habe es anfangs geheißen, dass Unternehmen 90 Prozent ihrer Fixkosten erstattet bekämen, wenn der Umsatzrückgang mehr als 70 Prozent betrage. „Und dann war es auf einmal nur maximal die Höhe der ungedeckten Fixkosten.“

Gewinn auch trotz Umsatzrückgang möglich

Die Änderung an sich sei durchaus sinnvoll, so Gerdes. „Ein selbstständiger Dienstleister, der sein Büro im eigenen Haus hat, kann wegen geringer Fixkosten ja auch bei einem hohen Umsatzrückgang trotzdem noch Gewinn machen, also auch seine festen Kosten erwirtschaften“, erläutert er. Da sei es nachvollziehbar, nicht auf Kosten der Allgemeinheit Zuschüsse zu zahlen.

Aber da die Konkretisierung erst mitten im laufenden Verfahren erfolgt sei, habe man zahlreiche Berechnungen neu anstellen und die Anträge entsprechend ändern müssen. „Da werden wir dann von unseren Mandanten natürlich gefragt, ob wir handwerklich schlecht gearbeitet hätten“, erzählt er. „Da sind wir dann Blitzableiter, aber das ist schon in Ordnung.“

Entwicklung in kürzester Zeit erfolgt

Eine undifferenzierte Kritik an der Arbeit von Politik und Ministerialbürokratie will Gerdes aus diesen Bespielen aber nicht ableiten. „Die machen schon ihren Part“, sagt er. Normalerweise dauere die Entwicklung neuer Fördertöpfe Monate, jetzt habe das alles in kürzester Zeit erledigt werden müssen. „Da passieren Fehler.“

Zudem seien Banken, Vermieter und Finanzämter seiner Beobachtung nach derzeit überaus großzügig und verständnisvoll. Das mache sich durchaus bemerkbar: „Wir hatten bei unseren Mandaten bislang noch keine einzige Unternehmenspleite.“

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