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Auskömmliche Preise liegen für Landwirte in weiter Ferne

Das Agrar- und Ernährungsforum OM hatte Experten eingeladen. Bei der Umstellung des Agrarsektors liege man "0:10 hinten" sagt Steen Sönnichsen von Westfleisch.

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Die Diskussionsrunde mit (von links) Albert Schulte to Brinke, Rudolf Behr, Dr. Johannes Simons und Steen Sönnichsen. Foto: Kühn

Die Diskussionsrunde mit (von links) Albert Schulte to Brinke, Rudolf Behr, Dr. Johannes Simons und Steen Sönnichsen. Foto: Kühn

„Die Bedeutung der Strategien des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) in Deutschland für die Landwirtschaft“ – unter diese Überschrift hatte das Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland (AEF) seine Hybridveranstaltung im Vechtaer Rathaus gestellt. Rund 70 Teilnehmer verfolgten den Vortrag von Dr. agr. Johannes Simons, der seine gleichnamige Studie selbst vorstellte. Die anschließende, hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion moderierte Uwe Haring.

Uwe Bartels als Vorsitzender des AEF nahm zunächst Stellung zu aktuellen Themen. Die Borchert-Kommission habe ein gutes Gesamtkonzept zur Lösung der Tierwohlfragen erstellt, lobte der ehemalige Landwirtschaftsminister. Nun hapere es an der guten Umsetzung der Ergebnisse. Die finanziellen Förderungen aus dem Bundesagrarministerium werde kein Landwirt in Anspruch nehmen können, prophezeite Bartels. Für die nötigen Investitionen in Stallumbauten müsse zunächst die Gesetzeslage bereinigt werden. Immer noch gäbe es "bestimmte Gesetze, die im Konflikt zueinander stehen".

Der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland wirke "wie ein Schock" auf die Fleischwirtschaft, erklärte Bartels. 30 Prozent des Exportfleisches könnten "auf einen Schlag nicht mehr abgesetzt werden". Vor dem Hintergrund, dass der Pestausbruch derzeit lediglich einen bestimmten Landstrich betrifft, forderte er ein "Regionalisierungskonzept" und die Abkehr von einem exportpolitischen Bannstrahl, der die Fleischwirtschaft in ganz Deutschland erfasse.

Die Rolle des Lebensmitteleinzelhandels in der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette beleuchtete in seinem Impulsvortrag Johannes Simons. Als federführender Autor stellte er die Ergebnisse seiner aktuellen Studie vor. Simons arbeitet am Lehrstuhl für Marktforschung der Agrar- und Ernährungswirtschaft an der Universität Bonn. Der Handel habe natürlich eine hohe Bedeutung für die Landwirtschaft, erklärte Simons, der sich bei seinen Untersuchungen auf die Marktbereiche Rotfleisch, Milch sowie Obst und Gemüse konzentriert hat.

Der Lebensmittelmarkt ist gesättigt

Der Handel habe natürlich eine hohe Bedeutung für die Preisbildung bei Agrarerzeugnissen berichtete der Marktforscher. Aber auch der LEH sei in Bezug auf die Preisbildung gebunden, denn er stehe in einem scharfen Wettbewerb. Der Lebensmittelmarkt, in dem aktuell 210 Milliarden Euro umgesetzt würden, sei gesättigt. "In einem solchen Markt haben die Käufer große Macht", erklärte Simons. Das gelte im Übrigen genauso für das Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Handel, denn 70 Prozent des Lebensmittelmarktes teilten sich vier große Ketten.

Es gehe im LEH im Grunde darum, Marktanteile und damit Umsätze zu halten, gingen die verloren, ginge bei den geringen Spannen die Profitabilität verloren. Deshalb gebe es die Kundenansprache nur über den Preis, die Handelsmarken, die Reputation und das Sortiment. Wolle die Landwirtschaft auskömmlich erzeugen und verkaufen, könne sie nur über eine gute (Mit-)Organisation der Wertschöpfungskette und Lieferzuverlässigkeit Geld verdienen. Maßnahmen der Landwirte wären für Simons etwa generelle Kostensenkung, auch durch Größe, die Beachtung Risiko mindernder Anbaumethoden, der Datenaustausch, Kooperationen der Landwirte und Markenbildung über Genossenschaften, oder auch die Organisation regionaler Wertschöpfungsketten bis hin zum Direktverkauf an den LEH vor Ort.

Simons warnte allerdings vor Illusionen: Die Chance auf dauerhaft höhere Erzeugerpreise sei gering. Grundsätzlich habe der intensive Wettbewerb im LEH Rückwirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette. Dem könne man kaum ausweichen, denn auch „die Möglichkeiten für zusätzliche Gewinne aus regionalen und nachhaltigen Produkten sind längerfristig gering.“ Die Chance gebe es aber, wenn der Handel die vorgelagerten Erzeuger über die Kooperation oder den Ausbau von Handelsmarken selbst enger an sich binde.

Forderte eine Konzentration auf das landwirtschaftliche Produkt: Steen Sönnichsen, geschäftsführender Vorstand von Westfleisch in Münster. Foto: KühnForderte eine Konzentration auf das landwirtschaftliche Produkt: Steen Sönnichsen, geschäftsführender Vorstand von Westfleisch in Münster. Foto: Kühn

Die anschließende Diskussion versammelte namhafte Vertreter der Urproduktion und der Lebensmittelweiterverarbeitung auf dem Podium. Hier trafen sich Gemüsebauer Rudolf Behr, (Behr-Gemüsegarten Seevetal), Milchbauer Albert Schulte to Brinke, Präsident des Niedersächsischen Landvolks, Steen Sönnichsen, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied von Westfleisch (Münster) und Referent Simons. Eingeladen war auch Ludger Breloh, einst Bereichsleiter Strategie, Innovation und Agrarwirtschaft der Rewe-Gruppe und heute Geschäftsführer von „respeggt“ in Köln. Der steckte allerdings im Stau und konnte auch online nicht zugeschaltet werden.

Der LEH verliere Umsätze, weil in den vergangenen Jahren "ein schlechtes Licht auf die Landwirtschaft gefallen" sei, meinte Sönnichsen. Die Gesellschaft stelle heute andere Anforderungen an den Agrarsektor. Die Landwirte und die ihr nachfolgenden Branchen müssten nicht darüber diskutieren, wie die geforderte Umstellung zu vermeiden sei, sondern diese einheitlich und gemeinsam angehen: "Wir liegen eigentlich 0:10 hinten", bemühte er einen Vergleich mit dem Fußball. Erzeuger wie Verarbeiter müssten dafür sorgen, dass der "Handel wieder mehr Spaß an unseren Produkten hat". Derzeit beschäftige man sich mit "dem Drumherum des Produktes" wie Arbeitsbedingungen oder Tierwohl, die eine sehr hohe Berechtigung hätten, aber es gelte jetzt, das Produkt "nach vorne zu stellen", vor allem "den Geschmack" sagte der Schweinefleischvermarkter.

Simons wollte diese Sichtweise allerdings nicht ganz mitgehen und verwies mit Blick auf auskömmliche Preise für die Fleisch erzeugenden Bauern auf die zunehmenden Konkurrenzen am Markt. Hier würden "Fleischersatzprodukte einen großen Einfluss" entwickeln.

Moderator Uwe Haring (links) und AEF-Vorsitzender Uwe Bartels. Foto: KühnModerator Uwe Haring (links) und AEF-Vorsitzender Uwe Bartels. Foto: Kühn

Behr betonte die Macht des Verbrauchers und verglich: "Ein Politiker wird alle vier Jahre gewählt, der LEH stellt sich jeden Tag einer Wahl." Er sieht den Handel unter Zwängen, die auch die Erzeuger lösen könnten, indem sie glaubwürdig seien, etwa Produktverfolgung bis zum Ursprung bieten. "Die emotionale Seite des Produktes liegt nicht beim Handel, die liegt bei uns, beim Bauern", mahnte er und fügte hinzu: "Was keinen Wert hat, kann nicht wertgeschätzt werden." Auch in der Bio-Landwirtschaft sieht Behr keinen Heilsbringer. Dieser Absatzmarkt sei begrenzt, deshalb liefere er Bio- wie herkömmlich erzeugte Ware. Auch für regionale Ware "gibt es nicht unbedingt mehr Geld für uns". Schon in der nahen Zukunft sieht er allerdings die technische Entwicklung und die der Betriebsgrößen als Grundlage für Kostenersparnisse und auskömmliche Gewinne an.

„Der Verbraucher muss sofort erkennen, woher das Produkt stammt.“Albert Schulte to Brinke, Präsident des Niedersächsischen Landvolks

Schulte to Brinke unterstützte Behr: „Der Verbraucher muss sofort erkennen, woher das Produkt stammt.“ Dabei schloss er ausdrücklich auch die Importe ein. Auch bei diesen müsse klar sein, wie sie produziert wurden. Als aktiver Landwirt wolle er (Preis-)"Verlässlichkeit" und möglichst lange Vertragslaufzeiten im Verhältnis zu seinen Partnern. Er verwies insofern auf den "niedersächsischen Weg", der die Absichtserklärung für einen Wandel in der Landwirtschaft unter verlässlichen Bedingungen sei. Der Landvolkpräsident ist überzeugt, dass sich die Grenze zwischen biologischer und konventioneller Erzeugung ohnehin "in zehn/zwanzig Jahren auflösen wird – wenn wir die Ideologien da rauskriegen".

Bartels mahnte in seinem Schlusswort: Statt auf höhere regulatorische Anforderungen, sollte die Politik besser auf die "Innovationskraft der Unternehmen" setzen. Das wäre auch für die Veredelungsregion Oldenburger Münsterland mit ihren vielen Arbeitsplätzen in der Ernährungswirtschaft die Möglichkeit, "on Top" zu bleiben.

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