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Ausbildung verbessert Chancen auf ein straffreies Leben

Insassen der Justizvollzugsanstalt Vechta ebnen mit beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen den Weg für die Zukunft.

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Handwerk mit Zukunft: In den Werkstätten der Justizvollzugsanstalt Vechta haben die Insassen verschiedenste Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung. Foto: Speckmann<br>

Handwerk mit Zukunft: In den Werkstätten der Justizvollzugsanstalt Vechta haben die Insassen verschiedenste Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung. Foto: Speckmann

Dominik M. verfügt über solide handwerkliche Fähigkeiten. Den Gesellenbrief als Maurer hat er schon seit einem halben Jahr in der Tasche. Nun kommt eine Zusatzqualifikation im Schweißen hinzu. Es sind optimale Voraussetzungen für den Einstieg in den Arbeitsmarkt, auf dem Fachkräfte bekanntlich händeringend gesucht werden. Nur bis zur Übernahme eines Jobs muss sich der junge Mann einige Monate gedulden. Er sitzt zurzeit noch in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Vechta ein.

In einer kleinen Feierstunde in der Sporthalle des Gefängnisses sind Dominik M. und weitere 19 Insassen jetzt für ihre Aus- und Weiterbildung geehrt worden. 13 Männer können sich über einen Gesellenbrief oder eine Zusatzqualifikation freuen, etwa als Maurer, Tischler, Lackierer oder auch Kraftfahrzeugmechatroniker. Sieben Absolventen halten ihr Zeugnis für den Haupt- oder Realschulabschluss in den Händen.

Neben dem Applaus aus der eigenen Anstalt gibt es persönliche Glückwünsche aus dem Niedersächsischen Justizministerium. Staatssekretär Dr. Frank-Thomas Hett hebt in seinem Grußwort hervor, dass die berufliche Qualifikation eine gute Voraussetzung sei, um nach der Haftzeit eine Tätigkeit zu finden und weiter voranzukommen. „Bildung ist für die Gefangenen eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein straffreies Leben.“

Kleine Feierstunde: Staatssekretär Dr. Frank-Thomas Hett (rechts) gratuliert Dominik M. zur erfolgreichen Qualifizierungsmaßnahme. Anstaltsleiter Dr. Manfred Krohn (hinten links) und Markus Nacke als Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Vechta schließen sich den Glückwünschen an. Foto: SpeckmannKleine Feierstunde: Staatssekretär Dr. Frank-Thomas Hett (rechts) gratuliert Dominik M. zur erfolgreichen Qualifizierungsmaßnahme. Anstaltsleiter Dr. Manfred Krohn (hinten links) und Markus Nacke als Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Vechta schließen sich den Glückwünschen an. Foto: Speckmann

„Das vergangene Jahr war nicht leicht. Die Pandemie hat die Arbeit in der schulischen und beruflichen Aus- und Weiterbildung erschwert", so Hett weiter. Externe Lehrkräfte hätten zeitweise nicht in die Einrichtungen kommen können, in den Unterrichts- und Ausbildungsräumen hätten strenge Abstands- und Hygienevorschriften geherrscht. Umso erfreulicher sei es, dass die Zahl der erfolgreich absolvierten Bildungsmaßnahmen auf Landesebene trotzdem gestiegen sei.

1694 Gefangene nutzen das Bildungsangebot 

Nach Angaben des Ministeriums haben im Schul- und Ausbildungsjahr 2020/2021 insgesamt 1694 Gefangene das Bildungsangebot des Justizvollzuges genutzt. Im Vorjahr waren es 1449 Personen. Unter den Qualifizierungen waren unter anderem 45 abgeschlossene Berufsausbildungen sowie 40 Haupt- und 27 Realschulabschlüsse. Mehr als 300 ausländische Gefangene nahmen an Deutsch- und Integrationskursen teil.

Anstaltsleiter Dr. Manfred Krohn zollt den heimischen Absolventen ein großes Lob: „Mit Fleiß, Ausdauer und Disziplin haben Sie es geschafft, sich ein schönes Ergebnis zu erarbeiten.“ Ihnen sei nichts geschenkt worden, wie an der Durchfallquote zu erkennen sei. Vor diesem Hintergrund könnten die Insassen stolz auf ihre erworbene Qualifikation sein, die zugleich ein „schönes Produkt“ der Justizvollzugsanstalt sei.

Markus Nacke, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Vechta, hebt die gute Zusammenarbeit zwischen der JVA in Vechta und der Adolf-Kolping-Schule in Lohne in der dualen Ausbildung hervor. Die Berufsschullehrer kommen jede Woche ins Gefängnis, um die Insassen jahrgangsübergreifend in den jeweiligen Arbeitsfeldern zu unterrichten. Diese Tradition wird bereits seit den 1950er Jahren gepflegt.

Ausbilder bleiben bei eigener Weiterbildung am Ball

Nacke ermutigt die Ausbilder der JVA dazu, auch bei der eigenen Weiterbildung am Ball zu bleiben. Der technische Fortschritt mache vor dem Handwerk nicht Halt. Mit Blick auf die Absolventen zeigt er sich überzeugt, dass sie den ersten Schritt für eine erfolgreiche berufliche Zukunft getan haben: „Als gut ausgebildete Gesellen sind Sie nicht nur im Landkreis Vechta sehr gefragte Facharbeiter.“

Dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt ganz gut stehen, können auch die Ausbilder bestätigen. Christof Kues und seine Kollegen berichten, dass sie immer wieder positive Rückmeldungen von Ex-Häftlingen erhalten. Bei dem Großteil gelinde der Einstieg ins Berufsleben. „Wichtig ist es“, so Josef Pundsack, „aus dem Mindestlohnbereich herauszukommen. Das ist nur über die Ausbildung möglich.“

Solche Worte machen Mut, auch bei Dominik M., der seit mittlerweile 30 Monaten hinter Gittern sitzt. Viel Zeit zum Nachdenken, die offenbar einiges bewirkt hat, wie der 26-Jährige sagt: „Ich bin mir hier sehr vieler Dinge bewusst geworden, die ich falsch gemacht habe.“ Er habe sich vorgenommen, einen neuen Weg einzuschlagen und von den Qualifikationen, die er in geschütztem Rahmen erhalten habe, zu profitieren.

Intensive Begleitung durch die Ausbilder

Dank einer früheren Ausbildung zum Rohrleitungsbauer konnte der junge Mann seine Maurerlehre auf 2 Jahre verkürzen und dabei Vergleiche zur freien Wirtschaft ziehen. „Große Bauten haben wir nicht. Hier arbeitet man in kleinem Rahmen“, berichtet der Insasse. Der überschaubare Rahmen habe aber auch Vorteile. Die Begleitung durch die Ausbilder sei sehr intensiv, sodass man viel Aufmerksamkeit bekomme.

Die Tage im Jungtätervollzug sind für Dominik M. gezählt. In drei Monaten kann er die JVA in Vechta verlassen. Dann wechselt er in den offenen Vollzug nach Delmenhorst, voraussichtlich für die Dauer von acht bis zehn Monate. In dieser Zeit möchte er Praxiserfahrungen in einem Maurerbetrieb sammeln. Für die weitere Zukunft gibt es ebenfalls schon ganz konkrete Pläne: Im September 2022 startet die Meisterschule.

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