Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Auch im Kreis Vechta: Schwerkranke meiden wegen Coronavirus die Kliniken

Bei Notfällen begeben sich viele Menschen nicht mehr ins Krankenhaus. Hospitale und Landkreis richten nun einen dringenden Appell an die Bevölkerung, sich bei akuten Erkrankungen behandeln zu lassen.

Artikel teilen:
Relative Leere: So sieht es aktuell in vielen Notaufnahmen von Kliniken aus. Foto: dpa/Sommer

Relative Leere: So sieht es aktuell in vielen Notaufnahmen von Kliniken aus. Foto: dpa/Sommer

Ein bundesweites Phänomen macht auch vor dem Kreis Vechta nicht halt: Seit Beginn der Corona-Pandemie gehen demnach die Patientenzahlen in der Notfallversorgung deutlich zurück.

Grund ist offenbar, dass sich viele Menschen trotz zum Teil schwerer Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall davor scheuen, eine Klinik aufzusuchen – weil die Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus größer ist als die akute Sorge.

Daher appellieren die Spitzenkräfte der hiesigen Krankenhäuser und des Landkreises an die Bevölkerung, sich bei schweren Leiden und trotz der Pandemie unbedingt in ärztliche Behandlung zu begeben, um gravierende Folgen zu vermeiden.

„Die Patienten können sich in den Kliniken sicher fühlen und müssen sich nicht scheuen, sie bei akuten Erkrankungen aufzusuchen“, sagt die Leiterin des Kreisgesundheitsamtes in Vechta, Sandra Guhe, im Gespräch mit dieser Zeitung.

„Die Kliniken sind vorbereitet auf die Notfallpatienten und haben auch Platz für sie“Dr. Bert Mierke (Chefarzt für Anasthesie und Intensivmedizin am Krankenhaus St. Elisabeth in Damme)

Es gebe „eine räumliche und personelle Trennung“ zwischen den Bereichen mit und ohne Covid-19-Patienten, fügt der Vorstandsvorsitzende der Schwester-Euthymia-Stiftung, Ulrich Pelster, an. Zu dem Verbund gehören etwa das St. Marienhospital Vechta und das St. Franziskus-Hospital Lohne.

Und: „Die Kliniken sind vorbereitet auf die Notfallpatienten und haben auch Platz für sie“, erklärt der Chefarzt für Anästhesie und Intensivmedizin am Krankenhaus St. Elisabeth Damme, Dr. Bert Mierke. Er spielt damit auf die ebenfalls bei einigen Schwerkranken verbreitete Sorge an, Corona–Patienten ein Bett wegzunehmen.

Derweil gilt seit kurzem in den drei Krankenhäusern im Kreisgebiet  eine Mundschutzpflicht für alle. Heißt: In Absprache und auf Anordnung des Kreisgesundheitsamtes haben die Kliniken sicherzustellen, dass direkt oder indirekt am Patienten arbeitendes Personal sowie Besucher ab sofort einen geeigneten Mund-Nasen-Schutz tragen.

Diese Maßnahme diene nicht nur dazu, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiten zu schützen, sondern solle auch helfen, tief sitzende Ängste abzubauen, die manche Menschen davon abhalten, trotz schwerer Erkrankungen in eine Klinik zu gehen, sagt Guhe.

Auch hier gehen die Patientenzahlen zurück: Das vor einem Jahr am Krankenhaus St. Elisabeth eingerichtete Katheterlabor mit Chefarzt Dr. Markus Kampmann (5. von links) und seinem Team. Foto: MeierAuch hier gehen die Patientenzahlen zurück: Das vor einem Jahr am Krankenhaus St. Elisabeth eingerichtete Katheterlabor mit Chefarzt Dr. Markus Kampmann (5. von links) und seinem Team. Foto: Meier

Und davon gibt es offenbar einige: „Im Normalfall haben wir zwischen 380 und 390 Patienten, aktuell sind es etwa 230 bis 240“, erklärt der Geschäftsführer des St. Marienhospitals, Aloys Muhle.

„Die Zahlen bei akuten Herzanfällen sind um 30 Prozent zurückgegangen“, fügt der Chefarzt für Innere Medizin und Kardiologie am St. Marienhospital, Dr. Achim Gutersohn, an.

Dieser Rückgang ist aber offenbar tatsächlich darin begründet, dass Erkrankte seltener ins Krankenhaus gehen. „Und wenn sie dann kommen, geschieht das mitunter erst nach drei oder vier Tagen und sie befinden sich in einem sehr schlechten Zustand.“ Die Folgen reichen bis hin zum Tod, führt Gutersohn aus.

„Auch wir haben bei schweren Schlaganfällen deutlich weniger Zuweisungen“, berichtet der Chefarzt der Neurologie am Krankenhaus St. Elisabeth, Dr. Heiko Dietzel. In der gesamten Klinik lägen die Belegungszahlen um 30 bis 40 Prozent unter dem üblichen Maß.

Zuletzt nur noch zwei stationäre Covid-19-Patienten

Dietzel schildert ebenfalls einen Fall aus eigener Erfahrung. Eine betagte Patientin, die wegen ihres Bluthochdrucks in Behandlung ist, klagte demnach plötzlich über extrem hohe Werte, in denen Dietzel mögliche Symptome eines Herzinfarktes erkannte. Dennoch habe die Frau aus Furcht vor dem Coronavirus zunächst nicht in die Klinik kommen wollen. Sie musste regelrecht „überredet“ werden.

Das Phänomen, dass die Angst vor Covid-19 größer ist als die akute Sorge, ist aber nicht nur in der älteren Generation zuhause. Dr. Christian Denne, Chefarzt der Kinderklinik in Vechta, hat vor kurzem erlebt, dass ein Säugling mit hohem Fieber und einer bereits beginnenden Sepsis eingeliefert wurde, weil dessen Eltern lange gezögert hätten. Ursache der Erkrankung war letztlich eine Infektion mit Influenzaviren.

Das Spektrum der betroffenen Fälle reicht derweil noch über Schlag- und Herzanfälle sowie Fieber hinaus. „Auch Krebserkrankungen kann man nicht hinausschieben“, bekräftigt der Ärztliche Direktor und Chefarzt der Urologie am St. Franziskus-Hospital, Dr. Jörg Sommer. Dennoch sei die Belegung auf 60 bis 70 Prozent des Normalmaßes gesunken. Gleiches gelte für die Unfallchirurgie.

Sandra Guhe kann derweil die Sorge manch eines Schwerkranken entkräften, den Coronapatienten das Bett streitig zu machen. Denn zuletzt sei nicht nur die Zahl der aktuell an Covid-19 Infizierten zurückgegangen. Das treffe ebenso auf die Zahl der stationär behandelten Patienten zu. Sie lag kreisweit jüngst noch bei zwei. Intensivmedizinisch betreut werden musste keiner von ihnen.

Sie wollen nichts verpassen, worüber das Oldenburger Münsterland spricht? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter „Moin, OM!“. Er fasst für Sie das Wichtigste für den Tag auf einen Blick zusammen – immer montags bis freitags zum Start in den Tag.  Hier geht es zur Anmeldung

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Auch im Kreis Vechta: Schwerkranke meiden wegen Coronavirus die Kliniken - OM online