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„Anno Tobak“ wuchs Tabak auch in Bösel

Dort, wo heute der Combi-Markt steht, baute Hans Block in der schlechten Zeit einst Tabak an. Neben dem Wetter stellte auch die Ernte eine besondere Herausforderung dar.

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Sorgfalt gefragt: Drei Frauen in der Blockschen Tabakverarbeitung sortieren und bündeln die Tabakblätter.   Foto: Archiv Martin Pille

Sorgfalt gefragt: Drei Frauen in der Blockschen Tabakverarbeitung sortieren und bündeln die Tabakblätter.   Foto: Archiv Martin Pille

Es war „anno Tobak“, vor 60 Jahren und auch schon zuvor, als es in Bösel noch gewerbsmäßige Tabakbauern gab. Einer von ihnen war Hans Block an der Friesoyther Straße – da, wo heute der Combi-Markt steht. Der Landesverband nordwestdeutscher Tabakpflanzer warb die Bauern und sorgte für Lizenzen. In der „leipen Tied“ während und nach dem Zweiten Weltkrieg hatten viele Einwohner hinter dem Haus ein Stück Land mit Tabak bepflanzt, um ihn dann nach verschiedensten Methoden zu fermentieren. Das heißt, mangels Sherry besprengten sie die Blätter mit Honigwasser, pressten sie und erwärmten das Kraut einige Stunden lang im Backofen. Andere nutzten dafür auch die Atmungswärme in einem feuchten Heuhaufen.

Die Vorratshaltung spielte eine große Rolle für die Firmen

Wo blieb der Böseler Knaster? Die gängigsten Marken der Bremer Tabakfabrik Martin Brinkmann, in deren Lizenz in Bösels Fluren angebaut wurde, hießen „Lux Filter“ und „Peer Export“ in einer 20er Großpackung für 1,75 Mark. 25 Pfennig gab‘s mit der Packung zurück. Sie erreichten einen Marktanteil von 40 Prozent. Darin könnte durchaus das indianische Kraut aus Bösel gewesen sein. Ebenso wie im „Schwarzen Krauser“, Feinschnitt zum Selbstdrehen mit „Gizeh“-Blättchen oder im „Lincoln Cavendish“ oder „Stanwell“, die aus der Pfeife in die Lunge gingen.

Ob der Böseler „Shag“ auch 1962 noch in „Lord Extra“ mit dem Prädikat „nikotinarm im Rauch“ enthalten war, bleibt offen, denn oft wurden mehr als 20 Tabaksorten aus verschiedenen Kontinenten der Erde für jede Marke zusammengestellt und dazu kam, dass der Tabakanbau in Bösel nach einigen Jahren eingestellt wurde.

Der Hof Block an der Friesoyther Straße: Heute steht dort der Combi-Markt. Foto: Archiv PilleDer Hof Block an der Friesoyther Straße: Heute steht dort der Combi-Markt. Foto: Archiv Pille

Bis dahin baute Block auf fünf Hektar seiner Äcker auf verschiedenen Parzellen Tabak der Sorte „Virginia Gold“ und V I“ an. Weil die Pflanze wie Kartoffeln und Tomaten als Nachschattengewächs auf gleichmäßig warmes Wetter angewiesen ist, spielte die Vorratshaltung für schlechte Zeiten bei der Firma Brinkmann eine große Rolle.

Blocks größtes Herausforderung war neben dem Wetter die Ernte, denn nur Blätter gleicher Reife –sie reiften von unten nach oben – mussten Blatt für Blatt mit der Hand geerntet werden.

Danach entrippten und sortierten etwa 20 Frauen in den Schuppen an der Friesoyther Straße den Tabak am Fließband nach Sorten und bündelten ihn. Danach kamen die Blätter vier bis fünf Tage in die Trocknungsanlage, die Block zuvor eigens gebaut hatte.

Hier ging es um Vergilbung und Fermentierung bei der die Blätter einem Gärungsprozess unterzogen werden, wobei sie weiterhin biologisch reifen können. Bei diesem Vorgang werden Zucker, Stärke und Gerbsäure abgebaut. Außerdem wird der Nikotingehalt reduziert und das Eiweiß der Blätter weitestgehend abgebaut.

Image des "coolen Rauchers" reichte bis in die 80er Jahre

Wichtig war es, dass die Frauen den Fermentationsprozess genau kontrollierten, um Fäule und Verrottung zu verhindern. Zur besseren Verarbeitung wurden die Blätter dann zu Doppelbündeln gebunden. Mit einer Presslade wurden die Bündel danach zu Ballen von etwa zwei bis drei Kilogramm gestaucht. In diesem Zustand transportierte die Firma Brinkmann aus Bremen-Woltmershausen sie dann in Lkw ab, alles mit Argusaugen überwacht vom Zoll.

Das Image des „coolen Rauchers“ sollte bis in die 80er Jahre noch bestehen bleiben. Staatlich geförderte Präventivkampagnen wie „Be Smart, Don‘t Start“ und drastische Preiserhöhungen ließen den Tabakkonsum rapide sinken.

Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge tötet Tabak jährlich immer noch acht Millionen Menschen, davon eine Million an den Folgen des Passivrauchens.

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