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Zu Thomas Müller und David Alaba fehlt noch ein Stückchen

Der Lohner Blindenfußballer Alexander Fangmann und die Corona-Zeit: Bundesliga, EM und WM sind seine Fixpunkte.

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Enge Ballführung: Bundesliga-Torschützenkönig Alexander Fangmann (Mitte) in der Saison 2020 beim Blindenfußballduell gegen zwei Spieler von Hertha BSC. Foto: Kobow

Enge Ballführung: Bundesliga-Torschützenkönig Alexander Fangmann (Mitte) in der Saison 2020 beim Blindenfußballduell gegen zwei Spieler von Hertha BSC. Foto: Kobow

Die Corona-Pandemie verlangt allen Sportlern viel ab – auch den Vertretern im Behindertensport. Blindenfußballer Alexander Fangmann aus Lohne etwa trainiert schon wieder länger für die Bundesliga-Saison 2021, deren für Mai geplanter Beginn auf den 21./22. August verschoben wurde. Fangmann stellt fest: „Da war ich schon etwas enttäuscht. Aber es kam nicht überraschend. Außerdem war es angesichts unterschiedlicher Trainingsmöglichkeiten nur fair.“

Der 36 Jahre alte Lohner spielt für den MTV Stuttgart, der sich im vergangenen Oktober bei der komprimierten Saison zum siebten Mal den Meistertitel geholt hat. Für 2021 lautet Alexander Fangmanns Ziel so wie im vergangenen Jahr: „Wir wollen das Beste aus der Situation machen.“ 2020 war der MTV Stuttgart als Fünftplatzierter der Vorsaison mit zusätzlicher Motivation angetreten.

Jetzt ist Fangmann, der als Inklusionsmanager beim Württembergischen Landessportbund arbeitet, also siebenfacher Blindenfußball-Meister; 2009 holte der Klub mit ihm den ersten Titel, „aber wie bei Thomas Müller oder David Alaba bei den Bayern ist es noch nicht“, wiegelt Fangmann im Vergleich zu den Münchnern und ihren beiden Dauer-Meisterspielern ab; die Bayern haben gerade ihre neunte Meisterschaft in Serie geholt.

Alle drei Treffer im Finale - und Torschützenkönig

In der Corona-Zeit kam es Alexander Fangmann auch darauf an, Kontakt zur Mannschaft zu halten. Das gelang in Videoschalten ganz gut, inzwischen wurden die MTV-Blindenfußballer als Profis anerkannt – sie dürfen also regulär trainieren, wo andere sich lange Zeit mit kontaktlosen Übungen über Wasser halten müssen.

Beim letztjährigen Saisonfinale in der Magdeburger Innenstadt besiegte Stuttgart den FC St. Pauli mit 3:0. Alle drei Treffer erzielte NationalmannschaftsKapitän Alexander Fangmann. Seine Bescheidenheit lässt es nicht zu, dass er das in den Vordergrund stellt. Der Absolvent eines Studiums der Allgemeinen Rhetorik und Allgemeinen Sprachwissenschaft, der noch eine Weiterbildung zum Online-Journalisten gemacht hat, verweist vielmehr darauf, dass St. Paulis Topstürmer nicht dabei gewesen sei. „Aber trotzdem habe ich mich ganz gefühlt“, denkt er gern ans Happy End zurück.

Auf dem Portal blindenfussball.de wurde berichtet, dass Fangmann vor allem „in der zweiten Halbzeit zur überragenden Form auflief“. Mit elf Treffern wurde er zudem Saison-Torschützenkönig. Das Finale der komprimierten Saison ging im Beisein von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff am 24. Oktober über die Bühne – Maßarbeit, denn kurz danach kam der zweite Lockdown.
Um an seiner Fitness zu arbeiten, hat Alexander Fangmann ein Rudergerät angeschafft, das sei ideal für blinde Sportler – und er nutze es auch. Das betont der Lohner, der mit Ehefrau Paola seit vergangenem Dezember in Stuttgart eine Doppelhaushälfte bewohnt, weil er sich selbst nach wie vor nicht als Trainingsweltmeister einstuft. „Nein, ein Fitness-Guru werde ich nicht mehr“, sagt Fangmann und lacht.

Saisonauftakt jetzt am 21./22. August in Berlin

Die Vorbereitung für die neue Saison läuft aber ansonsten sehr geregelt. Zweimal pro Woche wird trainiert. Fangmann, der im Alter von acht Jahren nach einer Netzhautablösung vollständig erblindete, hofft, dass auch die anderen Bundesligisten bis zum Saisonstart auf der Höhe sind. Abgesehen von der Einstufung als Profisportler, die die Stuttgarter genießen, gelten von Bundesland zu Bundesland verschiedene Corona-Regeln für den Trainingsbetrieb.

Der Auftakt erfolgt am 21./22. August in Berlin, es schließen sich Durchgänge in Trier, Stuttgart und Bonn an. Trier und die Finalveranstaltung am 30. Oktober in Bonn laufen wieder in den Innenstädten, ansonsten wird auf Vereinsanlagen gespielt. Acht Mannschaften sind im Rennen, darunter Borussia Dortmund, Schalke 04 und das Gastteam vom BSV 1958 Wien.

Meisterehrung: Der MTV Stuttgart mit der Schale. Matchwinner Alexander Fangmann hält sich im Hintergrund. Foto: KobowMeisterehrung: Der MTV Stuttgart mit der Schale. Matchwinner Alexander Fangmann hält sich im Hintergrund. Foto: Kobow

Mit der Nationalmannschaft hat Alexander Fangmann auch noch anspruchsvolle Ziele. Die Europameisterschaft ist von 2021 auf 2022 verschoben worden. Der Austragungsort ist noch offen, gespielt werden soll im Sommer. Die EM ist die Qualifikation für die nächste Weltmeisterschaft 2023 im britischen Birmingham; dafür müsste das Team unter dem neuen Bundestrainer Martin Mania (28) bei der EM ins Halbfinale einziehen. Im vergangenen Jahr hat Alexander Fangmann an einem von zwei durchgeführten Lehrgängen teilgenommen; Länderspiele gab es nicht. In diesem Juli steht der nächste Lehrgang bevor, danach soll es in engerer Taktung weitergehen.

Der Inklusionsmanager, der coronabedingt schon lange im Homeoffice arbeitet, wirkt außerdem weiter im Kuratorium der Sepp-Herberger-Stiftung mit. Die Belange des Blindenfußballs vertritt er hier regelmäßig; eine Präsenzveranstaltung mit persönlicher Anwesenheit gab es zuletzt nur bei einer Preisverleihung in Mannheim.

Aber auch hier sollte eine abflauende Pandemie demnächst wieder mehr Kontakte ermöglichen. Alexander Fangmann hofft auch auf Bewegung im Fußball – nicht nur, „weil ich bei mir eine leichte Corona-Gewichtszunahme festgestellt habe“. Daran ließe sich zur Not auch auf dem Rudergerät arbeiten.

Besuche in der Heimat sind seit Corona ebenfalls ausgefallen. Seine Eltern haben ihn schon im neuen Haus in Stuttgart besucht. Er will bald mal nach Lohne kommen, auch um zu erfahren, wie sich die Fußball spielenden Neffen und Nichten machen. Kontakt zu alten Freunden hält er weiterhin. Das „Moin“ aus dem Norden ist ihm im Schwabenland immer eine willkommene Gruß-Abwechslung.

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