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Würdiges Finale, tragische Youngstars und ein fader Beigeschmack

Italien ist neuer Fußball-Europameister. EM-Kolumnist Oliver Hüsing aus Bühren zieht eine Bilanz. Und der Zweitliga-Profi präsentiert zum Abschluss der „Euro-Visionen“ seine „Top 11“ der EM.

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Ich freue mich riesig für die Italiener, dass sie es geschafft haben, ein starkes Turnier zu krönen. Es war wieder eine Freude zu sehen, mit wie viel Herzblut sie gespielt haben, wie sie nach dem frühen Rückstand den Ausgleich gegen eine starke Defensive erzwungen haben. Die Tränen von Mancini – das war ein tolles Bild. Italien gewinnt innerhalb eines Jahres den Eurovision-Songcontest und die EM, was will eine Nation mehr?

Natürlich habe ich auch Mitleid mit den Engländern. Ihre Trauer, ihre Tränen der Enttäuschung – das lässt einen nicht kalt. Sie hätten es genauso verdient gehabt. Ich hätte mir zwei Europameister gewünscht, aber das geht ja leider nicht.

Es war ein großartiges Endspiel. Es gab zwar nicht so viele Chancen, aber taktisch war es auf einem hohen Niveau. England hat mit seiner Fünferkette das Positionsspiel von Italien egalisiert. Das frühe 1:0 spielte ihnen in die Karten. Italien hatte zunächst keine Antwort, ist dann aber immer besser reingekommen. Und wie so oft war es ein Standard, der dem Spiel eine andere Richtung gegeben hat. Nach dem 1:1 lebte das Spiel von der Spannung. England ist es auf die Füße gefallen, dass sie etwas zu sehr verwaltet haben.

Sonderlob für Schiedsrichter Kuipers

Noch kurz zum Elfmeterschießen: Es ist tragisch, dass mit Rashford, Sancho und Saka drei Youngstars verschossen haben. Der Druck für Rashford und Sancho war extrem hoch. Nur für das Elfmeterschießen eingewechselt zu werden und gar kein Gefühl für das Spiel zu haben – das ist schwer. Die ganze Last auf so jungen Schultern. Im Nachhinein sagt jetzt jeder: Das war eine falsche Entscheidung. Auf jeden Fall ist es sehr unglücklich gelaufen.

Dass es ein würdiges Finale war, lag auch am Schiedsrichter. Kuipers hat sehr viel laufen lassen. Seine Ausstrahlung war super, er hatte alles im Griff. Es gab intensive Zweikämpfe und trotzdem sehr viel Spielfluss – das war eine überragende Spielleitung vom Schiri, so etwas vermisse ich ansonsten oft.

Wenn man das Finale sieht, muss man auch noch mal sagen, dass die deutsche Nationalmannschaft von diesem Niveau ein gutes Stück entfernt ist – vor allem was die Mannschaftstaktik, den Mut, die Zielstrebigkeit und das Herzblut angeht. Da waren uns Italien und England insgesamt deutlich überlegen.

Nun zu meiner Elf der EM. Ich habe mich für ein Team im 4-4-2 entschieden. Im Tor war lange Yann Sommer mein Favorit, er war in jedem Spiel richtig gut. Aber je länger das Turnier dauerte und mit Blick auf das Finale führt kein Weg an Donnarumma vorbei. Große Spieler entscheiden große Spiele, das hat sich wieder gezeigt. In der Kette links war Spinazzola bis zu seiner Verletzung der Beste; knapp vor Shaw, der mir in der K.o.-Phase richtig gut gefallen hat. Rechts spielt Walker. In der Innenverteidigung liegen Chiellini und Maguire knapp vor Bonucci und Christensen – auf „meiner“ Position habe ich genau hingeguckt, daher auch vier Namen. Im Mittelfeld dann mit Sterling, der auch im Finale gezeigt hat, dass er Englands Unterschiedsspieler ist, Jorginho, Spaniens Pedri sowie Chiesa. Und im Angriff spielen Harry Kane, der im Laufe des Turniers immer besser wurde, und Patrik Schick, der mit seinen fünf Toren für Tschechien eine echte Überraschung war.

Anfangs hatte ich ja keine große EM-Euphorie. Aber im Laufe des Turniers kam der Spaß, vor allem in der K.o.-Phase war es ein starkes Niveau. Der eine oder andere fade Beigeschmack bleibt aber. Zum Beispiel, dass die Stadien in Wembley und Budapest in Zeiten der Delta-Variante so voll waren. Das verstehe ich nicht. Ob das paneuropäische Konzept Zukunft hat, weiß ich nicht. Ich bleibe dabei: Eine EM in einem Land ist die bessere Lösung.

Es war auch eine politische EM. Themen wie Menschenrechte oder Corona gehören einfach dazu, das lässt sich nicht vom Sport trennen. Das muss für jeden ein Anliegen sein, darüber zu sprechen. Da kann sich der Sport nicht verstecken, da muss er Position beziehen.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass es mir sehr viel Spaß gemacht hat, die EM als Kolumnist zu begleiten. Ich hoffe, dass ich einen kleinen Mehrwert bieten konnte.

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