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WM-Gucken ohne schlechtes Gewissen ist erlaubt

Kolumne: Kopfball zum großen Kick – Thema: Der Start der WM in Katar.

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Am 8. Juni 2006, dem Tag vor dem WM-Start, fuhr ich mit zwei Kollegen längs durch Deutschland zum WM-Eröffnungsspiel nach München. Wir wunderten uns: Über 700 Kilometer auf der Autobahn, aber keine fünf Autos mit Deutschland-Fahnen oder Fähnchen. Leicht zu zählen. Einen Tag vor der WM kein WM-Fieber. Mit dem 4:2-Sieg gegen Costa Rica rollte tags drauf die Euphorie-Lawine an, der Anfang des Sommermärchens, das immer das Sommermärchen bleiben wird, auch wenn andere es anders sehen.

Heute, einen Tag nach dem WM-Start 2022, herrscht bei uns null WM-Stimmung angesichts der umstrittensten und unwürdigsten WM. Ein Vereinsvorsitzender aus dem Oldenburger Münsterland klagte noch diese Woche über die korruptesten Institutionen dieser Welt inklusive Fifa, Uefa, IOC. Wie solle er da bei den Kindern an der Basis Werte vermitteln? Er versuche, parallel zu den WM-Spielen ehrlichen Fußball beim Kick auf dem heimischen Rasen zu organisieren.

Werte vermitteln? Das schließt sich bei Fifa und Katar-WM aus. Um die Perversität dieser unheiligen Allianz zu erkennen, reichen im zermürbenden Anti-WM-Powerplay allein die ARD-Reportage von Thomas Hitzlsperger und Jochen Breyers ZDF-Doku „Geheimsache Katar“. Der WM-Botschafter schüttelt sein Glas – und eine der drei Haussklavinnen muss nachschenken. Oder auf Geheiß einen Stuhl fünf Zentimeter zur Seite rücken. Solch Gedankengut wird nie aus diesem patriarchalischen Kopf verschwinden.

„Trotz TV-Boykott ein TV-Rekord? Natürlich nicht“Franz-Josef Schlömer

Boykott-Aufrufe? Boykotts haben nie funktioniert. Und die Fußballer können doch nicht alle gesellschaftlichen Fehlentwicklungen korrigieren, wozu Politik und Wirtschaft nicht fähig oder gar nicht willens sind. Geschäfte ja, Fußball nein? Jetzt bitte nicht ständig Statements der Kicker zu den Ungerechtigkeiten einfordern. Da scheint der DFB, dessen vorletzter Präsident noch an einer geschenkten Oligarchen-Uhr scheiterte, unter Bernd Neuendorf etwas aus der Deckung zu kommen. Er zeigt so was wie Kante gegen Fifa und Gianni Infantino. Die softe „One-Love“-Binde und die Millionenspende an ein SOS-Kinderdorf in Nepal können nur ein Anfang sein.

Kritisch wie hier sehen weltweit leider nur wenige diese Skandal-WM. So wird der immer wirrer um sich keifende Katar-Bürger Infantino im Frühjahr ohne Gegenkandidat wiedergewählt. Auch weil kleine Verbände den Fifa-Geld-Tropf zum Überleben brauchen. „Über Menschenrechte in Katar, Proteste oder Boykott wird bei uns nicht geredet“, berichtet Angel Reyna, ein Freund der Familie und Toni-Kroos-Fan, aus dem fernen Mexiko-City. Kein Wunder: Im fußballbegeisterten Mexiko, das mit den USA und Kanada die nächste WM 2026 austrägt, zählen Menschenrechte auch im eigenen Land wenig, da herrschen eigene Probleme mit Drogenkrieg oder sozialen Spannungen.

Wer nach Katar fliegt, hat selbst Schuld – und muss jetzt noch das Bier-Verbot schlucken. Für Budweiser und andere Topsponsoren entwickelt sich diese WM zu einem PR-Desaster. Entlarvend für die Fifa, die den Fußball verkauft hat und selbst zum Spielball von Autokraten degeneriert ist.

Gefühlt erklärt heute in Deutschland jeder, er boykottiere die WM. Laut ARD-Sportschau planen 56 Prozent der Deutschen einen TV-Boykott. Eine horrende Zahl. Unglaublich dagegen der Umkehrschluss: Dann schauen also 44 Prozent zu, wären 36,96 Millionen Zuschauer. Beim Sommermärchen 2006 erreichte kein Spiel die 30-Millionen-Grenze. Trotz TV-Boykott ein TV-Rekord? Natürlich nicht. Aber niemand braucht sich ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen, wenn er sich vor den Fernseher setzt. So werde auch ich am 4. Advent mit meinem mexikanischen Gast Angel Reyna im kalten Winter in der warmen Stube sitzen und das Finale schauen – vielleicht mit Glühwein. Beim WM-Start verlor das fußballerisch arme Katar mit 0:2 gegen Ecuador. Tja, kein WM-Fieber. Und eine Euphorie-Lawine wie 2006 wird nicht anrollen. Hoffentlich nur dieses eine Mal nicht.

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