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„Spieler haben den Trainer hängen lassen“

In einer Umfrage äußern sich Fußball-Trainer aus dem Fußballkreis Cloppenburg zur Personalie Joachim Löw. Der steht nach den dürftigen Leistungen des Nationalteams mächtig in der Kritik.

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Anweisungen blieben ungehört: Joachim Löw kassierte beim 0:6 in Spanien die höchste Niederlage in seinen bisherigen 189 Spielen als Bundestrainer. Foto: dpa/Charisius

Anweisungen blieben ungehört: Joachim Löw kassierte beim 0:6 in Spanien die höchste Niederlage in seinen bisherigen 189 Spielen als Bundestrainer. Foto: dpa/Charisius

Es gab sie schon noch – eine höhere Niederlage der deutschen Elitekicker. Am 13. März 1909 setzte es in Oxford eine 0:9-Klatsche gegen England. Reine Statistik, die den blutleeren Auftritt des DFB-Ensembles beim 0:6 in Spanien zwar nur auf Rang zwei der höchsten Niederlagen einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft einlaufen lässt, aber dennoch mannigfache Diskussionen unter den zahlreichen Kritikern auslöst. Ist Joachim Löw, der das emotionslose Gekicke seiner Akteure versteinert und fassungslos an der Seitenlinie verfolgte, noch der richtige Mann auf dem Chefsessel? Was meinen Trainer der lokalen Fußballszene?

Hammad El-Arab (Hansa Friesoythe): „Die Behörde musste nicht einschreiten, die deutschen Spieler haben die Abstände eingehalten“, schmunzelt der Coach des Landesligisten. Allein am Bundestrainer mag El-Arab die desolate Vorstellung indes nicht festmachen. „Es waren keine taktischen Fehler, sondern die Spieler haben es verbockt. Das Ergebnis war dann auch in dieser Höhe gerechtfertigt, es hätte sogar noch höher ausfallen können. Das war schon mehr als ein Klassenunterschied. Dennoch bin ich der Meinung, dass man vor der Europameisterschaft nicht noch den Trainer wechseln sollte. Dafür ist allein die Zeit zu kurz. Außerdem gibt es meiner Meinung nach derzeit keinen besseren, der es auch machen will. Gefühlte 80 Prozent der Bevölkerung sind der Meinung, dass es an Löw liegt, ich gehöre eher zu den anderen 20 Prozent. Löw muss ja nicht die Bälle gewinnen, sondern die Spieler. In der Defensive, vor allem im Zentrum, sind wir derzeit weit von der Weltklasse entfernt.“

Peter Hölzen (SV Bevern): „Man sollte so eine derbe Niederlage nicht allein an Löw festmachen. Man muss natürlich auch sehen, dass es die Spanier super gemacht haben. Allerdings hätte man seitens des DFB bereits nach der WM einen Schlussstrich unter das Thema Löw setzen müssen. Die Zeit seit 2018 ist jetzt komplett vergeudet. Dass Hummels oder Boateng die großen Heilsbringer sind, sehe ich eher nicht. Anders sieht es bei Thomas Müller aus. Den würde ich immer mitspielen lassen, allein schon wegen seiner unglaublichen Motivation. Ansonsten hat Löw derzeit keine besseren Spieler zur Verfügung. Selbst Werder Bremen kann da nicht liefern“, schmunzelt der Cotrainer des Landesligisten.

Sascha Anneken. Foto: LangoschSascha Anneken. Foto: Langosch

Sascha Anneken (Frauen DJK Bunnen): Fast über die gesamte Spielzeit des Debakels in Spanien diskutierte Sascha Anneken am Dienstagabend per Video-Chat mit Freunden über die Personalie Löw. Seine Meinung: „Ich denke, da hätte kein Trainer der Welt etwas machen können. Die Spieler haben ihn einfach hängen lassen, das war ein Offenbarungseid.“ Auch im Hinblick auf die EM im kommenden Jahr würde er am umstrittenen Coach festhalten. „Vor allem auch, weil ich keine adäquate Alternative sehe. Zudem steht er in der Öffentlichkeit immer hinter seinen Jungs, davor habe ich Respekt.“

Die unter anderem gehandelten Stefan Kuntz und Ralf Rangnick sieht er als Männer aus der zweiten Reihe. Jürgen Klopp vom FC Liverpool hält er für einen „typischen Vereinstrainer“. Anneken ist darüber hinaus davon überzeugt, dass man über die Rückkehr der aussortierten Mats Hummels (Borussia Dortmund) und Thomas Müller (FC Bayern) nachdenken sollte. „Ich denke, dass die beiden dem Team helfen könnten.“

Phillipp Wesselmann (VfL Löningen): Ein Comeback dieses Duos würde auch der VfL-Coach begrüßen. „In der Nationalmannschaft sollten die besten Spieler auflaufen, dazu gehören Müller und Hummels meiner Meinung nach.“ Die DFB-Partie in Spanien sah sich Phillipp Wesselmann live im Fernsehen an. „Leider“, wie er sagt. Trotz der bösen Pleite spricht er sich derzeit gegen einen Wechsel auf der Trainerposition aus. „Ich bin zwar kein Löw-Fan, aber da war er doch machtlos. Selbst einige Spieler haben nach der Partie gesagt, dass taktische Anweisungen nicht umgesetzt wurden.“ Wesselmann stellt in diesem Zusammenhang folgende Frage: „Wollen sie überhaupt noch mit Jogi Löw zusammenarbeiten?“ So oder so sei es seiner Meinung nach eine Überlegung wert, Ex-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger mit ins Trainerteam zu holen.

Michael Macke. Foto: WulfersMichael Macke. Foto: Wulfers

Michael Macke (SV Thüle): „Ich bin schon so weit weg von solchen Spielen, dazu habe ich überhaupt keinen Bezug mehr. Früher hat man sich auf Länderspiele gefreut, aber das Rad ist völlig überdreht. Dass die Fußballer in Coronazeiten quer durch die Welt reisen, ist schwer zu verstehen. Wir beim SV Thüle dürfen nicht einmal auf den Trainingsplatz und die haben alle zwei oder drei Tage ein Spiel. Zum Bundestrainer: Ich habe das Gefühl, dass seine Zeit abgelaufen ist. Ein Rücktritt würde vielleicht auch den Spielern helfen. Der Verzicht auf Spieler wie Hummels oder Müller kann zumindest keine Leistungsgründe haben.“

Ansgar Wilke (BV Varrelbusch): Für den BVV-Trainer steht schon lange fest, „dass Jogi Löw weg muss“. Genauer gesagt seit dem Vorrundenaus bei der WM in Russland vor zwei Jahren. „Ich denke, dass er die Mannschaft nicht mehr erreicht, das wurde auch diesem Jahr deutlich.“ Er glaubt, dass der Mannschaft ein Trainerwechsel sehr gut tun würde und nennt das Beispiel FC Bayern München. „Unter Niko Kovac lief es dort nicht und jetzt unter Hansi Flick mit fast dem gleichen Team überragend.“ Letzteren sieht er wie Jürgen Klopp auch als designierten Löw-Nachfolger. „Leider stehen sie aber ja bei ihren Vereinen unter Vertrag.“ Insofern könne er sich Ralf Rangnick als neuen Bundestrainer vorstellen. Der sei frei.

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