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Sie ließen sich das Singen nicht verbieten

Kolumne: Batke dichtet - Es gab eine Zeit, in der Sport und Gesang sehr wohl zusammenpassten. Singende Sportler waren besonders in den 60er Jahren angesagt.

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Ich habe mich in meinen Aufsätzen schon lange nicht mehr dem Gesang gewidmet. Vielleicht liegt das daran, dass ich selbst ein ziemlich lausiger Sänger bin. Zu den vielen schulischen Niederlagen, die ich im Laufe meines Pennälerlebens einstecken musste, gehört zum Beispiel die Nicht-Nominierung für den Jahrgangschor im 5. Schuljahr. Bei der Casting-Show im Klassenzimmer wählte ich den Evergreen "Wenn alle Brünnlein fließen" und sah schon nach wenigen Sekunden den gesenkten Daumen des Musiklehrers. Immerhin: Wenn Chor auf dem Stundenplan stand, hatte ich frei.

An diese Phase meines Lebens musste ich denken, als ich vergangenen Sonntag die jubilierenden Fußballer des FC Bayern sah und hörte. Im "Stadion des Lichts" von Lissabon feierten die Erleuchteten das Triple und grölten unter dem Stern des Südens ihr "Campeones, Campeones". Es waren aus den bekannten Gründen keine Zuschauer in der Arena, deshalb wurde uns Augen- und Ohrenzeugen an den TV-Geräten deutlich, dass die Bayern-Stars zwar laut, aber doch etwas schräg ihre verständliche Freude in Töne umsetzten.

"Richtig singen konnte auch HSV-Held Kevin Keegan nicht, aber er hatte in Smokie-Frontmann Chris Norman den richtigen Experten an seiner Seite."Alfons Batke, Journalist

Es gab eine Zeit, in der Sport und Gesang sehr wohl zusammenpassten und harmonierten. Da stürmte 1965 ein Torwart, der für seine Ausflüge jenseits des Strafraums bekannt war, plötzlich auch die Hitparaden. Petar Radenkovic, heute 85, Keeper beim TSV 1860 München, und an der Isar so populär wie Uwe Seeler an der Elbe, wurde der Song "Bin i Radi, bin i König" förmlich auf den mächtigen Leib geschrieben. Das Lied behauptete sich gegen Songs der Beatles oder von Roy Black, erreichte in den deutschen Verkaufscharts Platz 5 und ging unglaubliche 400.000 Mal über die Ladentheke. Das wäre nach heutigen Maßstäben Doppel-Platin.

Wie gesagt: Singende Sportler waren aus welchen Gründen auch immer insbesondere in den 60er Jahren äußerst angesagt. Ähnlich erfolgreich wie Fußball-Showman Radenkovic agierte der Hürdensprinter Martin Lauer, der im Country-Genre reüssierte und zwischen 1962 und 1968 Songs wie "Die letzte Rose der Prärie" oder "Taxis nach Texas" in die Hitparaden brachte - das "Taxi" bretterte sogar auf Platz eins der österreichischen Charts. Apropos Austria: Alpen-Torjäger und FC-Köln-Legende Toni Polster tat sich einst mit den "Fabulösen Thekenschlampen" zusammen und belästigte die Allgemeinheit mit dem Werk "Toni, lass es polstern". Ähnliches Niveau erreichte eigentlich nur noch Gerd Müllers "Dann macht es bumm".

Richtig singen konnte auch HSV-Held Kevin Keegan nicht, aber er hatte in Smokie-Frontmann Chris Norman den richtigen Experten an seiner Seite. So wurde aus "Head over heels in love" in der Meistersaison 1978/79 (hört, hört ihr HSV-Fans!) ein veritabler Hit. Das kann man dem Segel-Olympia-Sieger Willy Kuhweide nicht attestieren: Seine "Liebe kleine Seemannsbraut" versank in den Untiefen des Schlager-Ozeans. Wie übrigens auch das 1965 von den "Herals" aufgenommene Liedchen "Träume Liebling". Dahinter verbargen sich die Springreiter Hermann Schridde und Alwin Schockemöhle. Letztgenannter kommentierte seinen Ausritt in fremdes Gelände so: "Reiten konnte ich besser". Immerhin: Der Ladenhüter von vor 55 Jahren hat eine enorme Wertsteigerung erfahren: Die Single kostet bei Amazon heute satte 20 Euro. Singen lohnt sich!


Zur Person

  • Alfons Batke (64) ist Journalist und lebt in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie unter: info@ov-online.de

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