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Selbst im Kroger Kursraum bleibt im Sport-Lockdown das Licht aus

Auszeit – der Heimatsport im Lockdown: Teil vier der Serie thematisiert die Folgen für den Gesundheitssport am Beispiel des SV Kroge-Ehrendorf.

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Viel Platz, aber keine Sportler: Ein Blick in den menschenleeren Kursraum des SV Kroge-Ehrendorf. Foto: Lünsmann

Viel Platz, aber keine Sportler: Ein Blick in den menschenleeren Kursraum des SV Kroge-Ehrendorf. Foto: Lünsmann

Wer in diesen Tagen abends am Herzstück des SV Kroge-Ehrendorf vorbeifährt, der sieht keine parkenden Autos oder Fahrräder, keine Fußballer auf den Trainingsplätzen. Und kein Licht, das durch die Fenster des Kursraumes nach draußen scheint. Eine ungewohnte Dunkelheit. Denn seitdem die neuen Räumlichkeiten Ende 2015 eröffnet wurden, ist im Normalfall jeden Tag etwas los. Rückenfit, Radfahren und Gymnastik für jedermann, Hot Iron, Yoga und und und. Der kleine Verein hat in den vergangenen Jahren ein großes Angebot geschaffen. Er bewegt jede Woche bis zu 150 Menschen aus allen Altersklassen. Doch Corona hat die Maschinerie nahezu auf null heruntergefahren. Zum Leidwesen der Kroger. Auch sie lechzen im Lockdown nach Bewegung.

„Da sind einem im Moment tatsächlich die Hände gebunden“, berichtet Kerstin gr. Sieverding, die in Kroge den Turnsport mitorganisiert. Gerne möchten die Spinning-Instructorin und ihre Mitstreiterinnen den Bewegungsdurst der Mitglieder trotzdem stillen. „Da überlegt man schon: Wie kann man es am besten machen?“, erzählt sie. Wie viele andere Vereine oder Fitnessstudios hat der SV Kroge-Ehrendorf einen Teil seines Equipments für die Zeit des Lockdowns an seine Mitglieder verliehen. Speziell die Langhanteln.

Gemeinsam mit Trainerin Jennifer Bredow initiierte Kerstin gr. Sieverding nun einen ersten Langhantel-Onlinekurs. Er startete am ersten Dienstag im Februar – und wurde bestens angenommen. Nebenbei kooperiert der Verein mit dem TV Dinklage und kann auch dessen Online-Angebote nutzen. Die Nachfrage ist da. „Die Leute haben die Schnauze voll, wenn ich das mal so sagen darf“, bemerkt Kerstin gr. Sieverding hörbar schmunzelnd, „die wollen alle was machen.“ Der Klub spielt mit dem Gedanken, sein Online-Angebot auszuweiten.

Online-Angebote für Ältere „ganz, ganz schwierig“

Die große Schwierigkeit besteht darin, auch die ältere Generation mitzunehmen. Dafür zu sorgen, dass der im Landkreis Vechta so starke Gesundheitssport nicht komplett zum Erliegen kommt. Online-Angebote seien da laut Kerstin gr. Sieverding „ganz, ganz schwierig“. Vielen Menschen fehlten dafür das Equipment und das Know-how.

Doch gerade Menschen, die älter als 65 Jahre sind, brauchen den Sport. Wie sehr ihnen die regelmäßige körperliche Aktivität hilft, ist längst wissenschaftlich bewiesen. So haben die aktiven Ü-65er laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Vergleich zu inaktiven Ü-65ern eine niedrigere Sterblichkeitsrate – besonders bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen – und generell ein stärkeres Immunsystem. Sie sind dadurch auch besser vor Krankheiten und Gesundheitsrisiken wie Bluthochdruck, Übergewicht, Typ-2-Diabetes und bestimmten Krebserkrankungen geschützt.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt dementsprechend regelmäßige körperliche Aktivität, zumal diese auch die Stimmung und das Wohlbefinden positiv beeinflusst. Ideal seien hier Aktivitäten mittlerer Intensität – wie etwa Joggen oder gezielte Übungen, beispielsweise zur Muskelkräftigung oder zum Balancetraining.

Gerade beim Gesundheits- und Rehatraining kommt den Vereinen und den ausgebildeten Übungsleitern in der Regel eine wichtige Rolle zu. Worauf muss bei der Ausführung der Übungen geachtet werden? Welche Bewegungen sollte man vermeiden? Wie groß darf die Belastung sein? Vor diesen Fragen steht man beim Heimtraining – und sie lassen sich nicht per Telefon beantworten. Ganz zu schweigen von der Frage nach dem notwendigen Equipment.

Zutritt verboten: Auch die Kroger müssen ihre Mitglieder notgedrungen auf den Sport-Lockdown hinweisen. Foto: LünsmannZutritt verboten: Auch die Kroger müssen ihre Mitglieder notgedrungen auf den Sport-Lockdown hinweisen. Foto: Lünsmann

Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DAZ) wirken sich die Corona-Bedingungen negativ auf die Häufigkeit des Sporttreibens in der älteren Bevölkerung aus. Eine Kompensation findet bei vielen Menschen nicht statt.

Das DAZ sieht in den Sportvereinen grundsätzlich riesiges Potenzial, um Menschen auch in Krisenzeiten in Bewegung zu bringen. Jeder dritte der rund 28.000 Sportvereine in Deutschland bietet bereits Gesundheitssport an – der Landkreis Vechta ist hierfür ein Paradebeispiel. Corona hat laut dem DAZ aber auch gezeigt, dass mehr Angebote für Bewegung im Freien oder daheim nötig sind.

Auch hier läuft es im Endeffekt auf die Schaffung altersgerechter Online-Angebote hinaus. Und damit auf ein Problem, das besonders in Corona-Zeiten nicht nur den Sport betrifft, sondern alle Bereiche: die digitale Exklusion. Auch der Ü-65-Generation muss eine Teilhabe an digitalen Inhalten ermöglicht werden. Vor allem jetzt, wo das echte Sozialleben stillsteht – und selbst im Kroger Kursraum nichts geht.

Diesen Umstand bedauert auch Birgit Meyer. Sie leitet den Kurs „Radfahren-Gymnastik-jedermann“ beim SV Kroge-Ehrendorf. Jeden Dienstagnachmittag wird dort mit musikalischer Untermalung zur Hälfte geradelt und rückengerecht trainiert. Die Altersspanne reicht von Anfang 60 bis 81, aber: Der Begriff „Senioren“ ist strengstens verboten, wie Birgit Meyer ausdrücklich betont.

„Wir waren richtig im Flow“, berichtet sie aus der Vor-Lockdown-Zeit. Die Teilnehmer waren top zufrieden, die Aussicht auf Sport in Gemeinschaft und in angenehmer Atmosphäre ließ sie immer wieder die Treppen zum Kursraum erklimmen. Sogar von auswärts kamen zuletzt Anfragen für freie Plätze. Die gibt es übrigens immer mal wieder, wie Birgit Meyer anmerkt. Auch Männer sind herzlich eingeladen. Nur wenn Corona ist, müssen alle Spinningräder leer bleiben.

Birgit Meyer bedauert, dass ältere Menschen „durchs Rost“ fallen

Beim Blick nach draußen stellt Birgit Meyer fest: „Jetzt – das wäre genau unser Wetter.“ Doch auch für die älteren Sportler gibt es derzeit keine Ausnahme, sie müssen daheim bleiben. „Ich weiß wohl, dass die Bewegung absolut nachgelassen hat“, berichtet die Übungsleiterin. Ein Online-Angebot speziell für ihre Gruppe gibt es aktuell nicht. Logistisch wäre der Aufwand auch zu groß, alle Räder in die Haushalte zu bringen, mutmaßt sie.

Generell bedauert Birgit Meyer, dass die Älteren durch den Sport-Lockdown „durchs Rost“ fielen. In Kroge wird derzeit über ein Sportangebot ohne Geräte für die älteren Mitglieder nachgedacht. Viele hätten zwar nicht die Voraussetzungen, um an Onlinekursen teilzunehmen, aber in einem „kleinen und vernetzten“ Verein könne man mithilfe der jüngeren Familienmitglieder schon etwas auf die Beine stellen. Die zentrale Frage für Birgit Meyer lautet allerdings: „Wollen sie das überhaupt?“

Von gelegentlichen Begegnungen beim Bäcker weiß sie jedenfalls, dass ihren Radlern die wöchentlichen Kurse fehlen. Nicht nur aus sportlicher, sondern auch aus sozialer Perspektive. Davon berichtet auch die 81-jährlige Kursteilnehmerin Sefa Kuchenbuch im Gespräch. Der „Schnack“ am Rande, die kleine Weihnachtsfeier, der Sportverein als Treffpunkt. „Ich habe die Hoffnung, dass es jetzt irgendwann wieder normal sein wird“, sagt Birgit Meyer. Aber das Licht im Kroger Kursraum muss vorerst aus bleiben.

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