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Sehr emotional, fast wild – aber diesmal nicht daheim

EM-Kolumnist Oliver Hüsing hat in Ungarn für Ferencvaros gespielt. Sechs ehemalige Mitspieler stehen im EM-Kader des nächsten deutschen Gegners. Hüsing erinnert sich an die Saison 2016/17.

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Deutschland gegen Ungarn, das weckt bei mir Erinnerungen an meine Saison 2016/17 in Budapest. Ich bin mit 23 zu Ferencvaros gewechselt, dem größten, erfolgreichsten und traditionsreichsten Verein in Ungarn. Thomas Doll war dort Trainer. Zu dem Zeitpunkt war ich nicht mehr so glücklich bei Werder, bei den Profis hatte ich nur drei Kurzeinsätze in der Bundesliga, ich kam nicht richtig zum Zug. Nach zwölf Jahren in Bremen wollte ich mal etwas komplett anderes machen. Daher hab' ich das Abenteuer damals gewagt.

In Budapest war ich sofort angetan vom überragenden Trainingsgelände. Und es gab ein neues Stadion – aber nicht das, in dem jetzt bei der EM gespielt wird. Das ist vor kurzem extra für die Nationalelf und das Pokalfinale neu gebaut worden.

Wir sind damals mit der Champions-League-Quali gestartet und leider gegen Tirana ausgeschieden. Ich habe am Anfang gespielt, dann war ich kurz verletzt, danach aber lange Zeit Stammspieler. Es lief gut, wir wurden Vizemeister und Pokalsieger. Die letzten fünf Spiele hab' ich nicht mehr gemacht. Mein Verhältnis zu Doll wurde immer schlechter. Das war auch der Grund, warum ich nur ein Jahr da war. Aber ich bin trotzdem total froh, es gemacht zu haben. Die Zeit hat mich sportlich und vor allem menschlich weitergebracht.

Im EM-Kader der Ungarn sind sechs Leute, mit denen ich bei Ferencvaros zusammengespielt habe. Innenverteidiger Endre Botka und Außenverteidiger Gergö Lovrencsics waren in beiden EM-Spielen dabei, genauso wie Laszlo Kleinheisler, der auch bei Werder mein Teamkollege war. Dazu noch Roland Varga und Ersatztorwart Denes Dibusz, die noch ohne Einsatz sind. Und der sechste ist Co-Trainer Zoltan Gera, eine ungarische Legende. Er hat damals in Budapest seine Karriere ausklingen lassen, er war vorher zehn Jahre in der Premier League bei Fulham und West Bromwich Albion. Zu allen hab' ich kaum noch Kontakt, ganz selten mal per Instagram. Mit den drei Physiotherapeuten ist es anders, der Kontakt ist stärker. Wir tauschen uns hin und wieder aus, wir hatten von Anfang an einen engen Draht. Einer von ihnen spricht Deutsch, das hat mir damals geholfen.

Das erinnert mich an mein erstes Training bei Ferencvaros. Ich war früh in der Kabine, saß da mit meinen 23 Jahren ganz alleine, nach und nach kamen die ganzen Nationalspieler und lachten miteinander. Du sitzt dann da, verstehst kein Wort. Es war eine gute Erfahrung, mal selber der Fremde zu sein, der Ausländer, der nichts versteht. Mit der Zeit hab' ich mich inte-griert. Ungarisch kann ich noch ein bisschen, für einen Smalltalk reicht es. Es ist eine schwere Sprache, schwer zu lernen, denn es gibt keine Überschneidungen zu dem, was man so kennt.

Die Ungarn sind ein emotionales Volk, sie sind sehr stolz auf ihr Land. Es driftet manchmal zu sehr ab, aber ich will jetzt nicht über Viktor Orban sprechen. Auch Ungarns Spieler sind sehr emotional, fast wild, und das überträgt sich auf ihr Spiel. Sie lieben ihre Traditionen, ihre Nationalmannschaft. Und so treten sie bisher auch auf, mit großer Leidenschaft. Dazu passten auch die Fanaufmärsche vor dem Stadion. Dass jetzt in München gespielt wird, ist definitiv ein Vorteil für uns.

Wo wir beim Spiel sind: Roland Sallai, den wir aus Freiburg kennen, macht's richtig gut und ist für mich der gefährlichste Spieler der Ungarn. Dazu Adam Szalai als Wandspieler. Ansonsten leben sie von der Kompaktheit, vom Verteidigen. Wir müssen das Tempo hochhalten, sie außen beschäftigen, dann gibt's Lücken. Und dann müssen wir nur noch Peter Gulacsi bezwingen. Er hat zweimal überragend gehalten. Für mich ist er bislang der beste Torwart der EM, aber er hat auch am meisten auf die Hütte bekommen.

Abschließend noch mal kurz zu Budapest. Eine wunderschöne Stadt. Ich hab's sehr genossen, dort zu leben. Eine Millionenstadt, die unheimlich viel zu bieten hat. Mit der Donau, mit den zwei Seiten Buda und Pest. Die Innenstadt ist sehr jung und modern, so gar nicht dieses leicht rechte Orban-Ungarn. Ich kann nur jedem aus dem Oldenburger Münsterland einen Trip nach Budapest empfehlen.

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