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Schwarze Adler, weißer Horst

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Rassismus ist im Fußball immer noch hochaktuell. Erschreckend gut schildert das die Dokumentation "Schwarze Adler".

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Falls noch Platz auf Ihrer Watchlist ist, sei Ihnen die Fußball-Dokumentation "Schwarze Adler" des aus Barßel stammenden Torsten Körner empfohlen. Noch bis Samstag (17. Juli) ist der knapp 100-minütige Film in der ZDF-Mediathek abrufbar. Bei Prime Video geht’s in die Verlängerung. Fürs verbliebene lineare TV-Publikum wurde die Doku vor einigen Wochen nach der spielerisch ernüchternden "Battle of Britain" zwischen England und Schottland in der EM-Vorrunde (0:0) im Nachtprogramm versendet – was die Wirkung nicht minderte. Mit dem Zweiten fremdschämt es sich besser.

"Schwarze Adler" handelt von ehemaligen schwarzen Nationalspielerinnen (unter anderem Steffi Jones), Nationalspielern (zum Beispiel Jimmy Hartwig und Gerald Asamoah) und aktuellen Kickern wie dem Bremer Jean-Manuel Mbom und ihren persönlichen Erfahrungen mit Rassismus, Hass und Ausgrenzung. Einer von ihnen, Erwin Kostedde, ist wie ich in Münster geboren – und war mir, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, bis dato völlig unbekannt. Kostedde, Kind eines "Neger-Soldaten" und einer Deutschen, ist bei seinem Debüt im Dezember 1974 der erste schwarze Spieler im DFB-Dress. Heimisch im Team, im "weißen Horst", um das Bild des Filmtitels aufzugreifen, wird er nie. Weil er anders ist, ein Fremdkörper bleibt. Er schildert, wie er sich stundenlang mit Kernseife das Gesicht einrieb, in der Hoffnung, seine schwarze Haut möge endlich abpellen und das Weiße zum Vorschein bringen.

Nicht der einzige denkwürdige Moment. Guy Acolatse, Togolese, stürmt von 1963 bis 1967 am Millerntor für den FC St. Pauli – und bekommt vom damaligen Präsidenten 100 Mark extra. Begründung: "Weil wir mehr Zuschauer haben, seit du da bist". Acolatse geht souverän und selbstironisch mit der German Angst im Publikum vor dem schwarzen Mann um ("Manchmal sahen sie mich an, als würde ich sie gleich fressen."), sie spornt ihn sogar an. Gegnerische Verteidiger hält Acolatse verbal in Schach: "Ich beiß dich!"

"Es bleibt mir persönlich unbegreiflich, wie die Hautfarbe das entscheidende Kriterium für die Beurteilung eines Menschen sein kann."Florian Ferber

Auch über Ausschnitte vergangener TV-Tiefpunkte – in der ARD-Sportschau wird Beverly Ranger, die in den 1970er Jahren ein Tor des Monats schoss, mit dem Schlager "Schön und kaffeebraun sind alle Frau'n in Kingston Down" von Vico Torriani eingeführt – kann man heute nur den Kopf schütteln. Und über jenes denkwürdige Endspiel um die Aufstiegsrunde 1997 im Stadion der Freundschaft (!) zwischen Gastgeber Energie Cottbus und Hannover 96, bei dem die Gästespieler Otto Addo und Gerald Asamoah vom heimischen Publikum mit "Haut den Neger raus!"-Sprechchören über den Platz getrieben werden. Erst hatten die Ossis jahrelang keine Bananen, nun bewerfen sie damit schwarze Fußballer.

Es bleibt mir persönlich unbegreiflich, wie die Hautfarbe das entscheidende Kriterium für die Beurteilung eines Menschen sein kann. Dabei entfaltet doch eigentlich vor allem der Sport – auch wenn dies mittlerweile eine Binse sein mag – oftmals eine große integrative Kraft. Ich erinnere mich an einen jungen Ghanaer aus meiner Reporterzeit in der mecklenburgischen Tiefebene. Zufällig in einer Flüchtlingsunterkunft entdeckt, avancierte er mit seinen Treffern bei einem Fußball-Landesligisten in kurzer Zeit zum Publikumsliebling, wurde später gar beim FC Hansa Rostock II von Roland Kroos – Vater von "Querpass-Toni" – gecoacht. Auch wenn’s mit der großen Kickerkarriere (noch) nicht geklappt hat: Hier hat jemand durch den Fußball eine Familie, eine neue Heimat gefunden.

Eine der bewegendsten Szenen aus "Schwarze Adler" zeigt Gerald Asamoah vor der Schalke-Arena. Er erzählt, wie er nach Hause kommt, und seiner Tochter zusieht, die mit ihrer Freundin spielt. "Und ich stelle mir immer die Frage: Warum klappt das zwischen den beiden so sehr, und wir, ältere Personen, warum klappt das mit uns nicht?" Ja, warum nicht?


Zur Person:

  • Florian Ferber ist Redakteur der OM Medien.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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