Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

#PrototypFußball(er)

Kolumne: Irgendwas mit # - Die echten Typen im modernen Fußball sterben aus. Es ist nur eines von vielen Symptomen des kränkelnden Geschäfts. Pure Nostalgie wäre eine Kata(r)strophe.

Artikel teilen:

"Bei den Frauen gibt es mehr echte Typen im Team als bei den Männern!" Auch wenn die polarisierende These der HSV-Ikone Horst Hrubesch bereits zwei Jahre alt ist, verliert sie kaum an Gültigkeit und Aktualität. Im Gegenteil. Das Kopfballungeheuer von der Elbe ist auch nach seiner aktiven Karriere noch treffsicher - und zwar in seinen Analysen über das moderne Fußballgeschäft.

Was dessen Entwicklung betrifft, spricht mir der 21-fache Nationalspieler in beinahe allen Kritikpunkten aus der Seele: Unverhältnismäßige Ablösesummen und die katastrophale Jugendarbeit vieler deutscher Bundesligisten sind nur einige Makro-Mankos, die nach dem Urteil des neuen Nachwuchsdirektors der Rothosen das Geschäft der schönsten Nebensache der Welt charakterisieren. Ganz zu schweigen vom Papiertiger "Financial Fair Play". Die Uefa und CAS machen's möglich - Kata(r)strophe.

Das Konzept Fußball geht an vielen Punkten nicht mehr richtig auf. Nicht nur wegen Corona. Der Fisch stinkt vom Kopf her. Die Scheinheiligkeit des (vielleicht dem Namen geschuldet) kindisch daherkommenden Fifa-Präsidenten Gianni Infantino manifestiert sich zusehends. Ein Charakterzug, der den Big Bosses des Fußballs gemein zu sein scheint. Nationalitäten vereinend. Die Fassade des Italieners "blattert" im Laufe der Jahre nämlich genauso wie die seines Schweizer Vorgängers. Eine Revolution in der Chefetage? Traumtänzerei. 

Nebst den Machenschaften der großen Geldgeier abseits des Platzes ist vieles auf und um den Rasen ins Abseits geraten. Mangelnde, beziehungsweise schwindende Fankultur, überteuerte Tickets, kaum bezahlbare Trikots - viel zu viel Kommerz. Auch die vielleicht illusorische Romantik des Spiels baut ab. Identifikationsfiguren fehlen. Echte Spielertypen. Harte Hunde. Wilde Wüteriche. Richtige Terrier. Wo sind alle die Jaap Stams, Roy Keanes, Mark van Bommels, Stefan Effenbergs, Eric Cantonas und Maik Franze geblieben? Die aufopferungsvollen, zähen, leidenschaftlichen, nimmersatten und bis zum Umfallen kämpfenden Schweinehunde gehören zu einer aussterbenden Gattung.

"Die damaligen Bad Boys scheinen zu den Dinosauriern im modernen Fußballgeschäft zu werden."Max Meyer, Volontär

Nur vereinzelt fletschen furiose Fersenschmerz-Verursacher und stählerne Stümer noch ihre Zähne. Real Madrids Casemiro oder Sergio Ramos sowie Barcelonas Arturo Vidal und Milans Zlatan Ibrahimovic fallen mir aus dem Stegreif ein - viel mehr sind es nicht. Die damaligen Bad Boys scheinen zu den Dinosauriern im modernen Fußballgeschäft zu werden. Hier und da sitzt noch ein prähistorischer Pass-Verhinderer auf der Trainerbank. Granaten wie Gennaro Gattuso (durch den die Vermutung, dass der Affe vom Gattuso abstammt populär wurde) trauern Nationalmannschaftskollegen wie dem dauerbrennenden Daniele De Rossi zusehends hinterher. Gut. Dass die Roma-Legende "am liebsten den Baseballschläger rausholen will, um seinen Teamkameraden die Zähne auszuschlagen", wenn sie vorm Spiel in der Kabine Instagram-Posts anfertigen, ist sicherlich etwas anstößig. Aber kernig, verrückt. Das, was die zwischen Genie und Wahnsinn schwankenden Legenden der Fußballhistorie auszeichnet. Auch sie wussten, wie sie in der Manege des Medienzirkus aufzutreten hatten. Allerdings nicht, um ihr Privatleben darzustellen, sondern um sich auf und neben dem Platz für ihren Club aufzuopfern. In dem Punkt hat Horst Hrubesch Recht: "In der Frauen-Nationalmannschaft hatten wir auch ein paar Granaten drin. Bei denen gab es mehr echte Typen im Team als bei den Männern."

Warum es bei den Frauen authentischer zugeht, ist eine gute Frage. Schließlich verdienen sie viel weniger als männliche Profis. Wo da die Verhältnismäßigkeit bei den Gehältern liegt, weiß nur der Teufel. Doch eine gute Sache hat es: Der Charakter der weiblichen Fußballprofis scheint weniger verdorben, gar bodenständig. Davon können sich Alexandra Popp, Dzsenifer Marozsán, Giulia Gwinn und Sara Doorsoun nichts kaufen. Klar ist: Das System hinkt. Es muss sich etwas tun, damit Fußball nicht zur reinen Nostalgie wird.

Sie wollen nichts verpassen, worüber das Oldenburger Münsterland spricht? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter „Moin, OM!“. Er fasst für Sie das Wichtigste für den Tag auf einen Blick zusammen – immer montags bis freitags zum Start in den Tag.  Hier geht es zur Anmeldung

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

#PrototypFußball(er) - OM online