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„Man muss in die Köpfe der Spieler hinein“

Zweitliga-Trainer Daniel Thioune über Job-Anforderungen, Krisenmanagement, Rassismus und seine Studentenzeit in Vechta.

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Genießt den lockeren Talk über der Hansalinie: Fußballlehrer Daniel Thioune vom VfL Osnabrück. Fotos: Matthias Niehues

Genießt den lockeren Talk über der Hansalinie: Fußballlehrer Daniel Thioune vom VfL Osnabrück. Fotos: Matthias Niehues

Herr Thioune, was verbinden Sie mit dem Brückenrestaurant Dammer Berge? Interessanter Schauplatz für ein Interview. Ich bin hier schon gefühlt tausende Male vorbeigerauscht, aber es ist erst das zweite Mal, dass ich hier Station mache. Ich war einmal hier mit den Kindern, die waren neugierig, wie es so ist über der A 1.

Sie kennen diesen markanten Platz ja nicht nur von den vielen Bustouren während Ihrer Profizeit beim VfL Osnabrück, beim VfB Lübeck und Rot-Weiß Ahlen, sondern passierten das Einfallstor zum Oldenburger Münsterland auch häufig als Student. Wie fühlte es sich für den Städter an, wenn er zum Studieren aufs Land fuhr? Ich war sehr gern an der Universität Vechta, es waren immerhin sieben Jahre. Ich brauchte wegen meiner fußballerischen Tätigkeiten ja etwas länger für meine Scheine und den Abschluss. Aber wenn ich etwas anfange, dann will ich es auch zu Ende bringen.

Sie haben im vergangenen Jahr mit dem Bachelor in Sport und Erziehungswissenschaften abgeschlossen. Welche Erinnerungen haben Sie an ihre Studienzeit? Durchweg gute. In Vechta ließ es sich aushalten. Es ist eine kleine Uni. Es gab kurze Wege zu den Dozenten, einen unkomplizierten Umgang mit den Kommilitonen. Ich will nicht sagen, dass ich bevorzugt behandelt wurde, aber man hat schon Rücksicht auf mich genommen. Kontakte zu einigen Leuten aus dem Uni-Betrieb besteht noch. Einen Dozenten und einen Mitarbeiter aus der Studienberatung habe ich zum Spiel gegen Hannover 96 am 21. März eingeladen – so es denn unter Zuschauerbeteiligung stattfindet.

Es ist eher ungewöhnlich, dass ein ehemaliger Fußballprofi noch die Studienbank drückt. Haben Sie während der Vorlesungen oder Seminare nicht manchmal versonnen von einer Trainerkarriere geträumt? Davon war ich ganz weit weg, daran war zu Beginn des Studiums nicht zu denken. Ich war ja schon Ende 30, als ich mit dem Studium anfing. Familienvater, jeden Tag 140 Kilometer mit dem Auto zur Uni, da war ich schon auf das Studium fokussiert, da will man alles aufsaugen und in meinem Leben war kein Platz für Tagträume. Ich wollte meinen Abschluss, auch wenn ich parallel zunächst im VfL-Leistungszentrum gearbeitet habe und dann ja auch recht erfolgreich mit der A- und B-Jugend war, zudem meine Fußballlehrer-Lizenz erwarb.

Sie sind ein ehrgeiziger und zielstrebiger Mann. Sagen wir es mal so: Ich bin ziemlich breit aufgestellt mit einer kaufmännischen Ausbildung, den Sportfachwirt habe ich zwischenzeitlich auch noch gemacht, dann die FußballlehrerLizenz und den Bachelor.

Können Sie sich vorstellen, sollte es im Fußballbereich eines Tages nicht mehr klappen, auch an der Schule zu arbeiten? Warum nicht? Die Möglichkeit würde bestehen. Und die Aufgabe hätte einen Reiz, denn ich sehe mich als Ausbilder und Entwickler.

Haben Sie in Ihrer Zeit als Trainer von dem profitieren können, was Ihnen im Studium vermittelt wurde? Durchaus. Da nimmt man im pädagogischen Bereich einiges mit, insbesondere in der Nachwuchsarbeit war das hilfreich.

Gab es für Sie eine Art Schlüsselerlebnis, das Sie erkennen ließ, für den Trainerjob besonders geeignet zu sein? Eher nicht, der Prozess war kontinuierlich und vom Bestreben geprägt, auf die nächste Stufe zu kommen. Um ehrlich zu sein: Als Joe Enochs mich 2012 anrief und fragte, ob ich nicht mal im Jugendleistungszentrum aushelfen könnte, habe ich nicht daran gedacht, sieben Jahre später als Cheftrainer eines Zweitligisten an der Linie zu stehen.

Das Anforderungsprofil für Trainer hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten stark verändert. Worauf kommt es an? Man muss die Balance finden zwischen Fach- und Sozialkompetenz, letztere scheint mir sogar noch wichtiger zu sein. Damals hat man gemacht, heute wird gefragt, warum man etwas macht. Früher haben Spieler immer nur ausgeführt, heute wird hinterfragt, da muss ich dem Spieler erklären, warum die Methodik so ist, wie sie ist. Eine Mannschaft geht für dich nur durchs Feuer, wenn sie auf der sozialen Ebene auch abgeholt wird. Aber es bedarf auch einer klaren Führungsphilosophie.

Wie sieht diese aus? Wenn ich in der Lage bin, eine Mannschaft mental zu begeistern, dann wird sie alles für mich tun. Ein guter Trainer macht eine Mannschaft besser, ein schlechter kann unter Umständen Erfolg aber auch nicht „verhindern“. Es kommt dann auf die Qualität der Spieler an. Salopp gesagt: Wenn meine Frau den FC Bayern trainieren würde, könnte sie trotzdem die Champions League erreichen, auch wenn sie nur Rad schlagen oder Purzelbäume einüben ließe.

Welche Rolle kommt der Psychologie zu? Eine wichtige. Der Kopf spielt eine große Rolle. Wir sind physiologisch und athletisch schon oft an eine Grenze gestoßen, die Spieler sind auch taktisch gut ausgebildet. Daher müssen wir auch in die Köpfe der Spieler hineinkommen, dieser Bereich ist noch nicht gänzlich aufgeschlüsselt.

Hand aufs Herz – bei all den Anforderungen, die offensichtlich an einen modernen Trainer gestellt werden: Ist es so, dass der Fußball Sie 24 Stunden am Tag in Beschlag nimmt? Ja. Davon kann ich mich nicht freimachen. Obwohl ich versuche, auch das zu haben, was ich Quality Time nenne – Zeit mit meiner Familie. Oder beim Joggen dreimal in der Woche. Aber wenn ich ehrlich bin, dann beschäftigt mich der Fußball rund um die Uhr. Es ist in meinem Kopf drin. Fußball ist ein Fehlerspiel, und über Fehler denkt man nun einmal nach.

Auch wenn Sie mit dem Skateboard zur Arbeit fahren? Sie sind ja gut informiert. Aber es ist schon ein entspanntes Anreisen, ich habe ein E-Board, das Ladegerät ist im Rucksack. Die sieben, acht Kilometer, die es von zuhause bis zum Trainingsgelände sind, machen mir Spaß.

Nehmen Sie am öffentlichen Leben in Osnabrück abseits des Fußballs teil? Nein, gar nicht. Ich war im letzten Jahr als Privatperson zweimal in der Stadt. Die Öffentlichkeit, die ich durch meinen Beruf habe, reicht mir.

Fußballexperten im Gespräch: Daniel Thioune und der Lohner Journalist Alfons Batke.Fußballexperten im Gespräch: Daniel Thioune und der Lohner Journalist Alfons Batke.

1996 kamen Sie von den Sportfreunden Oesede zum VfL in die damalige Regionalliga, Sie sind mit Unterbrechungen fast 25 Jahre im Geschäft. Entwickeln sich über einen solchen Zeitraum auch lang anhaltende Freundschaften? Das ist nur schwer zu realisieren, in der Branche gibt es bekanntermaßen eine große Fluktuation. Aber es ist so wie im richtigen Leben: Wenn es gut läuft, dann hast du die Schulterklopfer. Läuft es miserabel, so wie am letzten Wochenende mit dem 2:6 gegen Wehen-Wiesbaden, ist die Zahl derer, die sich melden und Trost spenden, überschaubar. Aber ich pflege noch Freundschaften mit einigen Leuten vor meiner Profizeit, wir treffen uns einmal im Jahr.

Wie gehen Sie mit der momentanen Situation, die ja eher von Misserfolgen geprägt ist, um? Ich bemühe mich darum, sie realistisch einzuschätzen. Uns war allen klar, dass der Erfolg nicht linear bleibt, dass wir nicht zu einem zweiten SC Paderborn werden. Natürlich sind nach der Hinrunde Erwartungen geweckt worden, entsprechend wird die Kritik lauter, wenn es nicht so läuft. Aber uns auf die letzten acht Wochen zu reduzieren, finde ich völlig unangemessen. Es war klar, dass Täler kommen. Aber dass sie so lang sind, mit dieser Serie von nicht gewonnenen Spielen, das beschäftigt einen schon. Ich merke, dass die Kritik lauter wird. Aber da bin ich wachsam. Genauso wachsam, wie als wir auf Tabellenplatz fünf standen.

Wie empfinden Sie die Kritik? Ich tue mich immer schwer damit, wenn sie anonym kommt, so wie im Netz zu beobachten. Da geht es vielleicht gar nicht darum, dass man nicht mit meiner Arbeit einverstanden ist, sondern mich als Mensch oder Person nicht mag.

Was ist jetzt gefragt? Geschlossenheit. Solange ich erkenne, dass meine Mannschaft bereit ist, stelle ich mich vor sie. Es geht darum, aus den Problemen Lösungen zu entwickeln. Wenn ich einen zwanzigjährigen Jungen nach 15 Minuten mit Tränen in den Augen auf die Trainerbank zukommen sehe, dann schütze ich ihn. Das gilt für die komplette Mannschaft.

Sie sind Pate der „Courage-Initiative“ am Osnabrücker Stauffenberg-Gymnasium. Bei der Annahme der Patenschaft haben Sie darüber berichtet, dass Sie Rassismus in jungen Profijahren am eigenen Leibe erlebt haben. Wie hat sich das geäußert? Als extrem habe ich die Vorfälle beim Aufstiegsspiel 1999 in Chemnitz in Erinnerung. Da wirst du mit einem Ordner konfrontiert, der ein Shirt mit dem Aufdruck „Nazi“ trägt, wo eigentlich der Schriftzug „Nike“ steht. Von Rufen wie „Haut den Neger um“ ganz zu schweigen. So etwas verletzt nicht den Sportler, sondern den Menschen.

Hat sich was geändert? Das mit dem Ordner würde es in dieser Form heute sicher nicht mehr geben, da wäre wohl sofort der Verfassungsschutz zur Stelle. Aber rassistische Äußerungen sind noch immer präsent, wir haben es unlängst gegen den Herthaner Torunarigha auf Schalke erlebt oder gegen den Würzburger Kwodwo in Münster, wo aber einige aus dem Publikum klasse reagiert und den Verursacher identifiziert haben. Von dieser Zivilcourage würde ich mir mehr wünschen.

Sie sind der einzige dunkelhäutige Trainer im deutschen Profi-fußball. Hat dieser Fakt irgendeine Bedeutung für Sie? Ich möchte nicht gern darauf reduziert werden, der Quoten-Farbige zu sein, ich möchte mich nicht an der Pigmentierung der Haut messen lassen, sondern daran, wie ich arbeite.

Haben Sie Angst um Ihren Job? Die Frage müsste lauten, ob ich Jobverlustangst habe. Die Antwort ist eindeutig „nein“, obwohl ich bestimmte Entwicklungen natürlich nicht beeinflussen kann. Der Fußball ist nun einmal ergebnisorientiert.

Fakten

  • Daniel Thioune (* am 21. Juli 1974 in Georgsmarienhütte) ist Cheftrainer des VfL Osnabrück. Nach acht Jahren Drittklassigkeit führte der Coach die Lila-Weißen in die 2. Bundesliga. 
  • Sein Team belegt vor dem heutigen „Geisterspiel“ bei Spitzenreiter Arminia Bielefeld den 12. Platz. Nach einer sehr guten Hinrunde ist der Aufsteiger in der Rückrunde bisher sieglos. 
  • Thioune, dessen Vater aus dem Senegal stammt, kam 1996 als 22-Jähriger von den Sportfreunden Oesede zum damaligen Regionalligisten VfL Osnabrück. Als Zweitligaspieler war er neben dem VfL auch für den VfB Lübeck und Rot-Weiß Ahlen aktiv. Er erzielte in 126 Zweitligaspielen 24 Tore und war in 192 Regionalligaspielen 60 Mal erfolgreich.
  • Seit März 2016 ist Thioune Inhaber der FußballlehrerLizenz, den Lehrgang absolvierte er mit Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco. Thioune ist verheiratet und Vater einer Tochter und eines Sohnes. Die Familie lebt in Sutthausen.

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