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Krisenmodus, Kurzarbeit und gepackte Koffer

Rasta Vechta steht das Wasser bis zum Hals. Max DiLeo: „Ich möchte so schnell wie möglich nach Hause“.

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Der Abschied rückt näher: Max DiLeo sitzt auf gepackten Koffern – am Samstag fliegt er in die USA zurück. Foto: Schikora

Der Abschied rückt näher: Max DiLeo sitzt auf gepackten Koffern – am Samstag fliegt er in die USA zurück. Foto: Schikora

Für Max DiLeo kann's jetzt losgehen. Er ist bereit. Aber nicht für ein Training, nicht für ein Spiel. Nein, Max DiLeo ist bereit für die Abreise. „Ich möchte so schnell wie möglich nach Hause“, sagt der Point Guard des Basketball-Bundesligisten Rasta Vechta am Freitagmittag im OV-Gespräch. Nach Hause – das ist für den 27 Jahre alten Amerikaner mit deutschem Pass Cinnaminson im US-Bundesstaat New Jersey, ein Vorort von Philadelphia, dort lebt seine Familie.

DiLeo, an der Pariser Straße seit knapp zwei Jahren „Verteidigungsminister“ und Publikumsliebling in Personalunion, sitzt inmitten der Corona-Krise seit ein paar Tagen auf gepackten Koffern. „Ich will bereit sein für den Moment, an dem es losgeht. Die meisten Sachen hab' ich gepackt. Ich hab' 15 Paar Schuhe, 14 sind eingepackt, das andere trage ich“, erzählt DiLeo. In seiner Wohnung wartete er seit der Aussetzung des Spielbetriebs auf neue Nachrichten von der BBL und vom Klub. „Ich will nach Hause“, betont DiLeo am Freitagmittag erneut: „Aber ich weiß nicht, wann das klappen wird.“ Sechs Stunden später hat er die Gewissheit: Alle Flugformalitäten sind erledigt, am Samstag geht's für DiLeo zurück in die USA. 71 Pflichtspiele hat er für Rasta Vechta absolviert, 59 in der BBL, elf in der Champions League, eins im Pokal. Ob's ein Wiedersehen in Orange gibt, ein 72. Spiel – das ist fraglich in diesen Tagen. Immerhin: DiLeos Vertrag wurde nicht aufgelöst.

So wie DiLeo geht's bei Rasta Vechta allen US-Profis. Auch Kapitän Josh Young, Steve Vasturia, Ishmail Wainright, Jordan Davis, Trevis Simpson, Kamari Murphy und der gerade erst nachverpflichtete Zabian Dowdell wollen so schnell wie möglich zurück in die Staaten. Die Pläne von Murphy, Vasturia und Davis sind besonders weit fortgeschritten – der Center und die beiden Guards, deren Verträge allesamt aufgelöst wurden, fliegen ebenso wie DiLeo bereits am Samstag in ihre Heimat. Am Sonntag folgt dann Ryan Quaid, der US-Profi in Rastas Regionalliga-Team. „Selbstverständlich werden wir mit jedem Spieler, der aus besonderen Beweggründen seinen Vertrag auflösen möchte, Gespräche führen. Noch mehr als sonst ist es jetzt die Zeit, sich in den jeweils anderen hineinzuversetzen und gemeinsam Lösungen zu finden“, sagt Rastas Klubchef Stefan Niemeyer. Er kann die Unsicherheit bei den Profis nachvollziehen, den Klubverantwortlichen geht's ja nicht anders.

Kurzarbeit bei Rasta: Rund ein Dutzend Mitarbeiter betroffen

Abseits der Rückreisewelle der US-Profis laufen bei Rasta die Bemühungen auf Hochtouren, den Kopf irgendwie über Wasser zu halten. Niemeyer, der bereits zu Wochenbeginn im OV-Gespräch auf die „existenzbedrohende Situation“ hingewiesen und von einer „sehr prekären Lage“ gesprochen hatte, hielt am Freitag erneut fest, dass die Zukunft des aktuellen Tabellensechsten am seidenen Faden hängt. Die finanziellen Probleme nehmen immer mehr Formen an. Der Klub selbst titelte auf seiner Homepage: „Corona – Rasta jetzt im totalen Krisenmodus“. Die finanzielle Notsituation werde sich „eher kurzals langfristig“ einstellen, hieß es.

In der Geschäftsstelle stehen die Zeichen auf Kurzarbeit. „Wir haben bereits für alle Mitarbeiter Kurzarbeit angezeigt, die Umsetzung ist in Arbeit“, sagte Niemeyer: „Jeder Cent muss nun zweimal umgedreht werden, damit wir in der Zukunft Jobs erhalten können. Die Situation ist wirklich sehr ernst.“ Die Kurzarbeit betrifft rund ein Dutzend fest angestellter Mitarbeiter.

Coach, wie gehts jetzt weiter? RastasIshmail Wainright (links) und Jordan Davis im Gespräch mit Trainer Pedro Calles. Davis Vertrag wurde am Freitag aufgelöst. Foto: SchikoraCoach, wie geht's jetzt weiter? RastasIshmail Wainright (links) und Jordan Davis im Gespräch mit Trainer Pedro Calles. Davis' Vertrag wurde am Freitag aufgelöst. Foto: Schikora

Von der Notlage sei nicht nur die Rasta Vechta Sport-Marketing GmbH betroffen, sondern auch die Rasta Dome GmbH. Neben den fehlenden Einnahmen aus dem Verkauf von Tageskarten – das Team von Coach Pedro Calles hätte bis zum Ende der BBL-Hauptrunde noch fünf Heimspiele gehabt – schwebt über der gesamten Rasta-Organisation das Damoklesschwert von eventuellen Rückerstattungen an Ticketinhaber und Sponsoren. „Auf uns allein gestellt, haben wir praktisch keine Chance, Rasta Vechta am Leben zu erhalten“, so Niemeyer.

Die große Frage von Hamburg bis München ist gerade: Geht die BBL-Saison überhaupt weiter? Wenn ja, wann? Und vor allem wie? Der Liga-Betrieb ist bis auf Weiteres ausgesetzt, am kommenden Mittwoch soll es eine Telefonkonferenz zwischen der BBL und den 17 Klubs geben. Viele offene Fragen warten auf Lösungen. Ist die Spielzeit überhaupt noch zu retten? „Wir haben verschiedene Szenarien für den Spielplan, wann wir wieder einsteigen könnten“, sagte BBL-Geschäftsführer Stefan Holz am Freitag der Deutschen Presse-Agentur: „Aber wir müssen die Klubs auch über den Sommer bringen.“ Klar ist: Nicht nur bei Rasta ist die Not so groß, dass vielleicht schon schneller eine Entscheidung her muss – und die Saisonabbruch heißen könnte.

Erste Forderungen nach einem Abbruch der Saison werden laut

Medi Bayreuth hat am Donnerstag seinen Kader auf einen Schlag um ein Drittel reduziert. Die Verträge von Nate Linhart, James Woodard, Bryce Alford und James Robinson wurden jeweils „in beiderseitigem Einvernehmen“ aufgelöst. Wenige Tage zuvor war bereits Reid Travis in die Staaten zurückgeflogen. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, den Basketball-Standort Bayreuth überlebensfähig zu halten“, sagte Geschäftsführer Björn Albrecht. Die Franken müssen dem US-Quintett keine Gehälter mehr bezahlen, was angesichts fehlender Einnahmen aus Ticketing und Sponsoring alternativlos ist. Martin Geissler, Geschäftsführer beim Mitteldeutschen BC, setzt in der Krise auch auf eine Verständigung mit den Spielern. „Sollten wir da keine Übereinkunft mit Spielern finden, dass sie ihrem Club helfen wollen, wird es realistisch sehr, sehr schwer die Saison zu überstehen“, sagte er der dpa. Geissler rechnet auch fest mit einem Abbruch der Saison: „Die einzige Alternative wäre eine Wundersituation, dass es plötzlich einen Impfstoff gibt, der alle Menschen ruckzuck heilt. Oder die Ausbreitung wird wie durch Wunderdinge gestoppt. Aber wir wissen, dass das nicht passieren wird.“ Erforderte: „Wir brauchen jetzt schnell Klarheit.“

Auch bei anderen BBL-Klubs haben sich die ersten Amerikaner mit aufgelösten Verträgen auf den Weg in die Heimat gemacht. Trevor Releford, Jairus Lyles und Joe Lawson verließen die Löwen Braunschweig, bei der BG Göttingen ist Topscorer Dylan Osetkowski weg, in Gießen Luke Petrasek und Kendall Gray, beim MBC der Kanadier Kaza Kajami-Keane. Pokalsieger Alba Berlin hat seinen ausländischen Profis freigestellt, während der Corona-Krise in ihre Heimat zu reisen. „Danke Alba, dass ihr mir und meiner Familie in dieser Zeit erlaubt, zurückzukehren“, twitterte Peyton Siva aus den USA. Auch der isländische Profi Martin Hermannsson reiste in sein Heimatland. Vor allem die USProfis stecken in einem Dilemma. Mit der Auflösung ihrer Verträge erlischt auch die Krankenversicherung in Deutschland. Und in den USA sind nicht alle krankenversichert. In Corona-Zeiten ein Horrorszenario.

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