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Kamellen am Kopfball-Pendel, Bierbecher auf der Fanmeile

Deutschland gegen England - der Klassiker weckt beim EM-Kolumnisten Oliver Hüsing Emotionen sowie  Erinnerungen an Werders Eisenfuß und an die Kumpels vom Kolleg St. Thomas in Vechta.

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England gegen Deutschland in Wembley – wenn ich das höre, geht mir das Herz auf. Das ist Fußball pur, dann habe ich sofort die Melodie von „Football's coming home“ im Kopf. Und ich muss bei England - Deutschland immer an Horst-Dieter Höttges denken, den Eisenfuß von Werder. Als ich bei Werder in der C-Jugend war, war er zwei Jahre unser Co-Trainer. Er hat immer alte Kamellen aus seiner Zeit erzählt – meistens wenn wir mit ihm am Kopfball-Pendel waren, die Übungen hat er geliebt. Höttges hat Wembley '66 erlebt, er stand auf dem Platz und war noch Jahrzehnte später stocksauer über das Tor zum 2:3. Aber er hat auch voller Stolz erzählt, wie sie 1972 im EM-Viertelfinale in Wembley gewonnen haben. Das muss eine richtige Genugtuung gewesen sein.

Bei Deutschland - England denke ich auch sofort an die WM 2010. Das Achtelfinale in Südafrika, 4:1. Abschlag Neuer, Tor Klose, das war das 1:0. Ich war 17 und habe das Spiel mit meinen Freunden vom Kolleg St. Thomas beim Public Viewing in Vechta gesehen. Ich habe da schöne Bilder im Kopf, wie die Bierbecher über uns hinwegflogen – und vielleicht haben wir auch selber den einen oder anderen Becher geworfen.

Jetzt aber zum Achtelfinale am Dienstag. Große Veränderungen in der Startelf erwarte ich nicht, nur zwei: Goretzka für Gündogan, und Müller kommt zurück für Sane. Löw hält stark an seinen Leuten fest, er vertraut diesen Spielern und dem System. Das habe ich hier schon mal geschrieben. Und es war ja auch zweimal ordentlich bzw. richtig gut. Ungarn war allerdings ein totaler Rückschlag.

Es wird jetzt ein anderes Spiel. England wird keinen Bus vor dem Tor parken wie die Ungarn. Die Engländer sind zwar auf die Defensive bedacht, was vor Ort ja auch stark kritisiert wird. Das Spiel gegen Schottland habe ich gesehen, das war total uninspiriert und enttäuschend angesichts der Qualität, die die Engländer haben. Aber dass sie gegen Deutschland nur defensiv spielen, geht auch gar nicht mit Leuten wie Sterling, Foden, Kane, Rashford oder Mount. Das ist alles oberstes Regal. Wahnsinn, dass einer wie Sancho bislang noch gar nicht zum Zuge gekommen ist.

Es wird mehr auf uns zukommen, das ist klar. Aber ich glaube, das tut uns gut, weil die Sinne noch mehr geschärft sind. Deutschland erwarte ich dominant, mit viel Ballbesitz. Und dann kommt es darauf an, was wir gegen die Engländer, die noch kein Tor kassiert haben, für Lösungen finden.

Dass wir schon fünf Gegentore bekommen haben, sorgt mich ein wenig. In Summe ist das zu viel. Für mich als Innenverteidiger ist jedes Spiel zu Null ein inneres Fest. Wenn ich mir vorstelle, ich spiele bei England und hab' dreimal kein Tor kassiert – das gibt Selbstvertrauen, die Sicherheit wächst von Spiel zu Spiel, du hast ein anderes Selbstverständnis. Aber wenn du schon fünf Gegentore bekommen hast, geht das Gefühl in die andere Richtung. Das macht etwas mit der Psyche, das ist nicht zu unterschätzen. Ich hoffe, dass wir am Dienstag geschärfter verteidigen.

Noch ein letzter Punkt: Es gibt ja die Diskussion, dass wir in der einfacheren Turnierhälfte sind. Vom Papier her stimme ich dem zu. Aber man hat gegen Ungarn gesehen, dass es gegen vermeintlich kleinere Teams nicht unbedingt einfacher ist. Solche Diskussionen werden aber fast nur von Medien und Fans geführt. Ich glaube nicht, dass jemand in der Mannschaft sagt: „Wie geil ist das denn: Wir sind im einfacheren Turnierbaum.“ In K.o.-Spielen ist alles möglich, da gibt's kein „einfach“.

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