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Inbrunst, angezogene Handbremse und ehrliche Freude

EM-Kolumnist Oliver Hüsing zieht eine Bilanz nach der Vorrunde. Er hält fest: Italien hatte die beste Spielanlage - und das aufgeblähte Teilnehmerfeld war nicht förderlich für das Niveau.

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Nach dem Ende der Vorrunde ist es Zeit für ein erstes Fazit, für einen Blick auf meine Favoriten und die Achtelfinals. Das Spiel Deutschland - England klammere ich allerdings noch aus, darum geht's dann Anfang der Woche an dieser Stelle.

Was die Favoriten angeht, steht für mich Italien ganz vorne. Das konnte man aus den bisherigen Kolumnen vielleicht auch schon herauslesen. Die Italiener hatte ich vor der EM gar nicht auf dem Zettel, aber sie haben mir am allermeisten Spaß gemacht. 30 Spiele ohne Niederlage – das ist eine überragende Serie. Ihre Spielanlage ist die beste. Sie sind unfassbar strukturiert, variabel im Aufbau und im Mittelfeld sehr umtriebig. Sie haben viele Positionswechsel und besetzen die Räume überragend. Es lohnt sich, das mal genauer zu beobachten. Hoffentlich machen sie es jetzt auch gegen Österreich. Im Angriff sind Insigne und Immobile in Topform. Über die Abwehr brauchen wir gar nicht mehr reden. Und dazu dann diese Inbrunst bei der Hymne. Das Gesamtpaket macht einfach Spaß.

Ich bin sehr gespannt auf das Spiel gegen Österreich. Zuletzt hat Italien viel durchgewechselt, sogar den Torwart. Jeder Spieler bis auf den dritten Torwart ist schon zum Einsatz gekommen. Wenn's gut geht, hat Mancini alles richtig gemacht. Dann hat er Frische reinbekommen, den Teamgeist gestärkt. Geht's nicht gut, heißt es schnell: Rhythmus verloren. Ein schmaler Grat.

Mein zweiter Favorit auf den Titel ist Frankreich

Noch kurz zur Diskussion um den Torwartwechsel: Grundsätzlich hat es für mich einen komischen Beigeschmack, den Torwart kurz vor Schluss zu wechseln. Die Italiener haben ja beteuert, dass es nicht respektlos gegenüber dem Gegner sein sollte, sondern nur eine Geste, dass der ganze Kader gebraucht wird. Das kann ich nachvollziehen, das kaufe ich ihnen ab, und dann ist es für mich in Ordnung.

Mein zweiter Favorit auf den Titel ist nach wie vor Frankreich, auch wenn die Auftritte bislang nicht zu 100 Prozent überzeugend waren. Was den Kader und die individuelle Qualität angeht, ist es für mich die beste Mannschaft im Turnier. Ich hatte bislang das Gefühl, dass sie mit angezogener Handbremse spielen.

Sonst hat mich keiner so überzeugt, dass ich ihn als drittes Team in den Kreis der Favoriten aufnehmen würde. Ich lasse mich gerne überraschen, was jetzt im Achtelfinale passiert. In der K.o.-Phase ist alles möglich, das ist nicht nur ein Spruch, das ist einfach so.

Abseits des Deutschland-Spiels freue ich mich besonders auf zwei Achtelfinalduelle. Erstens: Wales - Dänemark. Wales ist mir einfach sympathisch, so als kleine Nation. Und bei Dänemark habe ich im letzten Gruppenspiel unfassbar mitgefiebert und mich selbst dabei erwischt, wie ich mich richtig ehrlich für die Dänen gefreut habe. So etwas geht einem emotional nahe. Der ARD-Kommentator Tom Bartels wurde ja dafür kritisiert, dass er zu euphorisch pro Dänemark war. Klar, in dieser Position sollte er neutral und unparteiisch sein. Aber ganz ehrlich: Bei der Vorgeschichte mit Eriksen, dazu noch in Kopenhagen – da ist es doch nur menschlich und umso schöner, dass nicht alles so professionell glatt gebügelt ist, dass er sich mitreißen lässt. Das finde ich sympathischer, als wenn da auf Teufel komm raus auf neutral gemacht wird.

Das andere Achtelfinale ist Belgien - Portugal. Darauf freue ich mich aufgrund der individuellen Qualität der Spieler, die da auf dem Platz stehen. Das könnte ein schönes Offensivspektakel werden.

Was mir noch wichtig ist: Der alte EM-Modus gefiel mir besser. Klar gibt's viele schöne Geschichten mit den kleinen Nationen. Auf der anderen Seite sind es einfach zu viele Spiele. Alles ist darauf ausgelegt, noch mehr Kohle zu verdienen. Alles wird ausgequetscht bis zum letzten Tropfen. Für das Niveau ist das nicht förderlich. Es ist ja auch bezeichnend, dass mit Ungarn, Slowakei, Schottland und Nordmazedonien alle vier Teams ausgeschieden sind, die sich über die Playoffs der Nations League qualifiziert haben.

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