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Immerhin: Weltmeister der Moral sind wir schon mal

Kolumne: Kopfball zum großen Kick – Thema: Die WM und die Politik.

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Samstagabend, als ich nach verspäteter Heimkehr zeitversetzt Argentinien gegen Mexiko schauen wollte, habe ich erst mal die zarte Adventsbeleuchtung ausgeknipst. Draußen alles dunkel, damit keiner sieht, dass drinnen Leben ist – und heimlich WM geschaut wird. Wer sich heute bei uns als WM-Fan outet, wird ja schon schief angeguckt. Gefühlt sind wir WM-Gucker eine Minderheit, die zusehends diskriminiert wird.

Sogar WM-Idol Rudi Völler, der am Freitag bei „3 nach 9“ mit seinen Anekdoten die Talkshow belebt, plagt sich etwa mit Sängerin Sarah Connor herum, die gesteht, von der WM noch nichts mitgekriegt zu haben, aber von einem Boykott trällert. Völler charakterisiert den Auftritt unseres Teams gegen Japan vor dem Spiel als ordentlich, im Spiel nicht. Da fiel mir spontan die WDR-Politikredakteurin ein, die in den Tagesthemen die Mund-zu-Aktion vernichtend abkanzelte. Von ihr habe ich nie etwas gehört, als in der Politik Kanzler*in und Minister*innen mit Wirtschaftsbossen zu den Scheichs und Xis fuhren, Geschäfte machten und angeblich Menschenrechte ansprachen. Mehr nicht, das war okay.

Ich halte es da mit Rudi Völler, der laut seiner Frau Sabrina auch im Ruhestand nie aufhören wird, Fußball zu gucken. Etwa Argentinien gegen Mexiko. Abtauchen in eine Parallelwelt, atmosphärisch wahres WM-Feeling, wo wir uns wegducken sollen. Messi traf, um sein Erbe zu vervollständigen. Vorher weinte Neymar, darf aber weiter träumen. Und Cristiano Ronaldo ärgerte sich, weil auch Teamkollegen treffen mussten, um zu siegen. Alle drei Superstars arbeiteten erfolgreich an der Vollendung ihrer Weltkarriere mit dem Weltmeistertitel, den ihr legitimer Nachfolger Kylian Mbappé bereits ersprintet hat. Den in ihren Ländern vergötterten Helden zuzuschauen, macht Spaß. Aber meine Sympathien gewinnen sie nicht, diese Egomanen, die als Ich-Konzerne den Fußball auspressen. Messi, Neymar oder CR7: Es werden am Ende Tränen fließen, nicht alle drei können ihr fußballerisches Kunstwerk mit dem WM-Titel krönen. Dem weine ich dann keine Träne nach.

„Es werden am Ende Tränen fließen.“Franz-Josef Schlömer

Gestern um zwölf der sonntägliche Polit-Talk „Presseclub“ im Ersten, parallel zur willkommenen Japan-Pleite gegen Costa Rica. Einst der Internationale Frühschoppen mit Werner Höfer, jetzt das nationale Problem Katar-WM. Im Gegensatz zu den Fußballspielen, die immer anders verlaufen, drehen sich diese Diskussionen seit über einer Woche im Kreis. Nichts Neues, immer das Gleiche. Als ob es politisch in diesen Zeiten nichts Wichtigeres gibt. Weltmeister der Moral sind wir schon.

Nun, ich habe am Sonntagabend die zarte Adventsbeleuchtung früher ausgeknipst. Nicht, dass irgendjemand bemerkt, dass ich Deutschland gegen Spanien geschaut habe. Bin gespannt auf die TV-Quote, ob es außer mir noch irgendjemand gewagt hat, heimlich das Spiel zu schauen.

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