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Im lauten Trubel sorgt die Stille für Gänsehaut

In der nächsten Folge der Bundesliga-Kolumne "Kopfball zum großen Kick" geht's um den kürzlich verstorbenen Gerd Müller.

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Fans pushen ihre Teams, Kicker preisen die beflügelnde Stimmung, TV-Reporter bekommen Schnappatmung vor Begeisterung. Das Leben kehrt in die Stadien zurück, lautstarke Fangesänge überall. Für die bewegendsten Szenen des 2. Spieltages sorgten aber Momente der Ruhe, die Gedenkminuten für Gerd Müller. Gänsehaut. Vielleicht nicht bei der heutigen Fußballergeneration, die ihn nur von Fotos und Bewegtbildern kennt, aber bei allen, die mit dem „Bomber“ aufgewachsen sind.

Bei der WM 1970 habe ich weit nach Mitternacht als Schüler trotz elterlichen Verbots durch einen offenen Türspalt zur Stube seine Tore im Jahrhundertspiel gegen Italien bewundert. 1974, bei der fünftägigen Abi-Feier unserer Klasse in der Schweger Mühle, blieben die Mädels und Intellektuellen am Lagerfeuer, als wir Realos in der Stube des unbekannten Nachbarn die Müller-Tore beim 4:0-Triumph im Wiederholungsspiel des Landesmeister-Pokals gegen Atletico Madrid genossen.

Als Bayern München Ende 2015 die Nachricht von Müllers Alzheimer-Erkrankung und Unterbringung in einem Pflegeheim verbreitete, stand für mich auch angesichts meines großen, nur wenige Monate später an der gleichen Krankheit verstorbenen Bruders August fest: Von Gerd Müller werden wir nur noch einmal was hören – wenn er gestorben ist.

Auf Müllers stillem Weg zu diesem Ende hatte ich wiederholt das Schicksal einer anderen Sportlegende vor Augen: Michael Schumacher. Familie und Management vermeiden jegliches Statement zu seinem Gesundheitszustand, was den Nährboden für wilde Gerüchte über den im Dezember 2013 verunglückten Rekordweltmeister bietet. Ein bekannter TV-Reporter, der über Jahrzehnte und bis heute live von den Formel-1-Rennen bei einem Privatsender berichtet, erzählte mir als Tischnachbar beim Laureus-Medien-Preis 2014 in Berlin, dass Schumi keine Reaktion mehr zeige und wir ihn in der Öffentlichkeit nie wiedersehen.

Aber seit Jahren begleiten effekthaschende Schlagzeilen, abstruse Spekulationen oder verwegene Wunderheilungsmärchen Schumis Leidensweg. Besuche von Jean Todt oder dem Ex-Privatsekretär des Ex-Papstes, die Hoffnung, Mut und Kraft geben sollen. Nebulöse Stammzellentherapien in Paris. Oder im Mai 2020 die erlösende Nachricht, auf die alle Schumacher-Fans so sehr gewartet hätten: Seine alte Kartbahn in Kerpen wird nicht abgerissen. Nach dem Bayern-Statement Ende 2015 über den Gesundheitszustand seiner Legende durfte Gerd Müller seinen langen letzten Weg in würdevoller Ruhe gehen. Am Wochenende herrschte in den Stadien, wo das Fußballleben wieder zu atmen beginnt, noch mal für einen Moment Ruhe. Totenstille für Gerd Müller. Gänsehaut.


  • Franz-Josef Schlömer war vom 1. März 1995 bis Oktober 2018 Leiter der OV-Sportredaktion
  • Der 65 Jahre alte Langfördener beleuchtet immer montags in seiner Kopfball-Kolumne das Geschehen in der Fußball-Bundesliga
  • Kontakt: sport@om-medien.de.

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