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„Ich hätte am liebsten die Schläger zerhackt“

Tennisspielerin Julia Middendorf (18) aus Dinklage spricht bei OM online über das schnelle Aus bei den French Open in Paris. Immerhin: Im Doppel gab's einen Erfolg.

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Aufschlag im Stade Roland Garros: Julia Middendorf in Paris. Foto: Jürgen Hasenkopf

Aufschlag im Stade Roland Garros: Julia Middendorf in Paris. Foto: Jürgen Hasenkopf

Die Abendsonne über Paris hatte schon ein wenig an Kraft verloren, ein herrlicher Juni-Tag an der Seine näherte sich dem Ende, als Julia Middendorf zurück auf ihrem kleinen Zimmer im Hotel „Ibis Paris Tour Eiffel“ in der Rue Cambronne im 15. Arrondissement war. Natürlich war sie „sehr enttäuscht“, als sie über die Ereignisse vom Sonntagnachmittag sprach, als sie die 80 Minuten auf Court 5 im Stade Roland Garros Revue passieren ließ. Die 18-jährige Tennisspielerin aus Dinklage redete nicht um den heißen Brei herum, sie suchte nicht nach Ausreden.

Nein, so hatte sie sich ihre Premiere bei einem „Junior Grand Slam“ gewiss nicht vorgestellt. „Ich hatte einen rabenschwarzen Tag“, gab Julia Middendorf, die Nummer 25 der U-18-Weltrangliste, ohne Umschweife zu. Die French Open, offiziell die „Roland Garros Junior Championships“, waren für die Spitzenspielerin des Zweitliga-Aufsteigers TV Visbek bereits vorbei, noch bevor sie richtig begonnen hatten – zumindest was den Einzelwettbewerb angeht. Ein 2:6, 5:7 in der ersten „Girls' Singles“-Runde gegen Sofia Costoulas (16/Belgien) riss Julia Middendorf aus allen Träumen.

„Ich hab' eigentlich zu keiner Phase des Matches zu meinem Spiel gefunden. Das ist sehr enttäuschend – nicht nur jetzt nach dem Spiel, das war's auch schon während des Spiels“, sagte das Talent aus dem „Porsche Junior Team“ des DTB. Dass ihre Gegnerin in der U-18-Weltrangliste auf Platz 14 liegt und 2020 bereits zwei Grand-Slam-Einsätze in Melbourne und Paris hatte, spielte für Julia Middendorf bei der Nachbetrachtung nur eine untergeordnete Rolle. „Es lag an mir. Es war so viel mehr drin. Ich habe völlig unter meinem Niveau gespielt“, sagte sie und ergänzte: „Ich habe nicht zu meinen Schlägen gefunden. Und das tut halt weh.“

Zeit zum Nachdenken: Julia Middendorf beim Seitenwechsel im Erstrundenspiel der Roland Garros Junior Championships“ gegen die Belgierin Sofia Costoulas. Foto: Jürgen HasenkopfZeit zum Nachdenken: Julia Middendorf beim Seitenwechsel im Erstrundenspiel der „Roland Garros Junior Championships“ gegen die Belgierin Sofia Costoulas. Foto: Jürgen Hasenkopf

Nach dem Match telefonierte sie sofort mit ihrer Mutter und ihrer Schwester. „Aber nur kurz, so viel hatte ich ja nicht zu erzählen“, so Julia Middendorf. Sie sei wütend auf sich selbst gewesen: „Ich hatte eine gewisse Aggression in mir. Ich hätte am liebsten die Schläger zerhackt.“ Sie tat es aber nicht, die sechs Rackets blieben heile. Sie verabschiedete sich stattdessen zum Essen. Die Mahlzeit nahm die Zwölftklässlerin der Liebfrauenschule Vechta aber nicht auf der Roland-Garros-Anlage ein, sondern nebenan im Trainingszentrum. „Da war weniger los, da hatte ich meine Ruhe“, sagte sie.

In den drei, vier Stunden nach dem Matchball wurmte sie vor allem der Verlust des zweiten Satzes ganz gewaltig – und das war auch ein zentrales Thema bei der intensiven Spielanalyse mit ihrem Coach Michel Dornbusch. Julia Middendorf führte bereits mit 5:1, hatte den Satzausgleich vor Augen, gewann dann aber kein Spiel mehr. „Den zweiten Satz muss ich gewinnen, ganz klar. Da hab' ich so viel liegen gelassen“, haderte sie: „Zwischen dem 3:1 und 5:1 gab's die einzige Phase, in der ich ruhiger war. Es war aber trotzdem nicht gut, was ich gespielt habe. Und dann bin ich wieder hektischer geworden. Ich hab' mich einfach nicht gut gefühlt auf dem Platz. Wenn man sich gut fühlt, ist es überhaupt kein Problem, mal ein Spiel zu verlieren. Aber wenn nicht, kann es schnell gehen.“ Am Ende hatte sie neun Breakchancen, nutzte allerdings nur drei davon – und hielt fest: „Auf Grand-Slam-Niveau geht es oft um die kleinen Dinge. Ich hab' meine Chancen, die ich hatte, nicht genutzt.“ Sofia Costoulas machte es besser: Sie nutzte sechs von sieben Breakchancen.

Lief denn in der Vorbereitung auf die Auftaktpartie alles glatt? „Ja, ich war eigentlich nullkommanull angespannt, als ich mittags auf die Anlage gekommen bin“, sagte Julia Middendorf. Ihr Match war das vierte Spiel auf Court 5. Besonders lange warten musste sie nicht. Die ersten drei Matches ab 11.00 Uhr dauerten nur 63, 69 und 62 Minuten. Julia Middendorf zog ihr Warm-up um eine halbe Stunde vor. „Beim Einschlagen hab' ich mich echt gut gefühlt“, sagte sie.

Mit dem Shuttleservice ging es dann von der Trainingsanlage zum Stade Roland Garros. Es sind nur rund 400 Meter, aber in Zeiten von Corona ist der Bustransfer Pflicht. Und als es dann ernst wurde, verabschiedete sich das gute Gefühl. „Ich hoffe, dass mir diese Erfahrung hilft. Aus so einer Niederlage kann ich sehr viel lernen. Man darf sich nicht runterziehen lassen“, sagte Julia Middendorf mit etwas Abstand: „Es ist schön, dass das nächste Grand-Slam-Turnier, die nächste Chance so schnell kommt.“ Eine Anspielung auf Wimbledon, auf „The Junior Championships“ an der Church Road (5. bis 11. Juli). Julia Middendorf hat seit dem vergangenen Wochenende ihren Platz im Juniorinnen-Hauptfeld des Rasen-Klassikers sicher.

Sieg in der ersten Runde: Mara Guth (links) und Julia Middendorf starteten am Montag mit einem Erfolg in die Doppel-Konkurrenz. Foto: Jürgen HasenkopfSieg in der ersten Runde: Mara Guth (links) und Julia Middendorf starteten am Montag mit einem Erfolg in die Doppel-Konkurrenz. Foto: Jürgen Hasenkopf

Und: Das Paris-Abenteuer ist ja noch nicht beendet. Im Doppel gab's am Montag ein Erfolgserlebnis. 24 Stunden nach dem Einzel-K.o. feierte Julia Middendorf an der Seite von Mara Guth (17) aus dem hessischen Usingen einen 4:6, 6:2, 12:10-Sieg gegen Sebastianna Scilipoti und Radka Zelnickova (Schweiz/Slowakei). Die Entscheidung fiel im Matchtiebreak; nach der Abwehr von zwei Matchbällen beim Stand von 8:9 und 9:10 verwandelte das DTB-Duo den ersten eigenen Matchball beim 11:10. „Es war richtig eng. Wir haben nicht gut gespielt, aber wir sind irgendwie durchgekommen“, berichtete Julia Middendorf. Weiter geht's mit dem Achtelfinale am Mittwoch.

Einsatz am Netz: Julia Middendorf am Montag im Doppel. Foto: Jürgen HasenkopfEinsatz am Netz: Julia Middendorf am Montag im Doppel. Foto: Jürgen Hasenkopf

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